Gestorben Milan Kundera, 94
Gallimard / AFP
Er bekämpfte zeitlebens den Kitsch – und wurde doch von Kitschliebhaberinnen und -liebhabern begeistert gelesen. Milan Kundera, in Brünn als Sohn eines Pianisten und Musikhochschulleiters aufgewachsen, verstand sich mindestens so sehr als Denker wie als Dichter. Er schrieb Gedichte und trat zu Beginn seines Studiums in Prag der Kommunistischen Partei bei. Wegen individualistischer Abweichlerei flog er nicht nur von der Uni, sondern auch kurzzeitig aus der Partei, fand aber bald zurück. Mit Mitte dreißig war er ein Literaturstar, gefeiert für Kurzgeschichten, die in dem Band »Das Buch der lächerlichen Liebe« (1970) gesammelt sind: Storys über Krankenhauspersonal, Schauspielerinnen, Unidozenten und Journalisten, die eigentlich Seriöses zu tun haben im Leben, sich aber närrisch aufführen wegen ihrer Begierden. Nachdem 1968 Panzer des Warschauer Paktes durch die tschechoslowakische Hauptstadt gerollt waren und den Prager Frühling beendet hatten, verlor Kundera seinen Job an der Filmhochschule und bekam Publikationsverbot. 1975 zog er mit seiner Ehefrau Věra Hrabánková nach Frankreich, wurde ausgebürgert und erhielt 1981 die französische Staatsbürgerschaft. 1984 veröffentlichte Kundera seinen in vielen Ländern der Welt erfolgreichen Roman »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«, dessen Held Tomas, ein Arzt und Autor politischer Schriften, viele Frauen begehrt und nach dem Prager Frühling mit der Obrigkeit aneinandergerät; Tomas schafft es zwar ins Exil in die Schweiz, kehrt aber wegen einer Geliebten nach Prag zurück. Der Autor verstand sein Buch wohl als Parodie auf die romantische Liebe. Der Roman und die Verfilmung aus dem Jahr 1988 mit Daniel Day-Lewis, Lena Olin und Juliette Binoche wurden aber als melodramatische Lovestory gefeiert. Mit weiteren Büchern gelangen dem zum Essayistischen wie zur Darstellung von Erotik begabten Schriftsteller hohe Auflagen, während die Kritiken mitunter mau ausfielen. Milan Kundera starb am 11. Juli in Paris.