FILM Milder Wahn
Schon immer war das Hin und Her zwischen zwei Seelen in einer Brust zum Lachen, und deshalb ist es auch ein beliebter Stoff für Filmkomödien.
So macht nun der zerstreute College-Professor Clifford Skridlow in dem Kinostück »Dr. Detroit« ein Alter Ego flott und stolpert als Gangster wider Willen durch die Unterwelt von Chicago. Für ein paar Tage liefern ihm überdrehte Slapstick-Abenteuer den Kontrast zur verstaubten Gelehrtenexistenz.
Normalerweise befaßt sich Professor Skridlow mit mittelalterlicher Literatur aus der Abteilung höfische Liebe. Um sich fitzuhalten, huldigt er der exklusiven leichtathletischen Disziplin des Gehens.
Durch einen Zufall fällt ihm die Rolle eines mysteriösen »Dr. Detroit« zu, des angeblich bösesten Gangsterbosses in der traditionell bösen Stadt Chicago. Ein Zuhälter, der vier ansehnliche Damen für sich arbeiten läßt, flieht aus der Stadt, weil er Mama, einer Gangstermatrone, die Schulden nicht zurückzahlen kann. Der Loddel setzt Mama den Dr. Detroit alias Skridlow vor die Nase.
Trotz seiner Doppelbelastung als Professor und Gangster spielt Skridlow seine neue Rolle mit gestreßter Bravour. Er läßt, als Mischung aus Jerry Lewis, Quasimodo und Prinz Eisenherz, das Milieu vor sich zittern, hält Mama in Schach und seine stählerne Ritterhand schützend über die vier Huren, die ihm über Nacht in den Schoß gefallen sind.
Michael Pressmans Film ist ein schöner, am Anfang etwas lahmer Quatsch, der von Hawks' »Leoparden küßt man nicht« bis zu Jerry Lewis' »Verrücktem Professor« gnadenlos die Vorbilder der Gattung melkt.
Vor allem aber ist der Film eine Plattform für den Komiker Dan Aykroyd, 31. Der Kanadier ist in den USA durch seine grotesken Politiker-Zerrbilder, so durch haarsträubende Imitationen von Nixon oder Carter, in der wöchentlichen TV-Satireshow »Saturday Night Live« berühmt geworden.
Seit 1975 versammelt die verrückte Mitternachtssendung eine riesige Fangemeinde vorm Fernseher. Eine Truppe brillanter Komiker sorgt mit aggressiv albernen Sketchen für milden Wahn.
Die Show ist so populär, daß sie ihren Stars inzwischen als Sprungbrett für die Hollywood-Karriere dient. Zusammen mit seinem TV-Kollegen John Belushi verließ Aykroyd die New Yorker Sendung; das Duo wurde als »Blues Brothers« mit Platten-Bestsellern und einem komischen Kino-Spektakel erfolgreich. Belushi versackte im Drogensumpf von Hollywood Babylon und starb 1982 an einer Überdosis Heroin und Kokain.
Sein Partner Aykroyd machte zunächst allein weiter, allerdings in der Gangster/Professor-Doppelrolle des »Dr. Detroit«. Dann stand ihm, in der Kino-Farce »Die Glücksritter«, wieder ein Komiker-As aus »Saturday Night Live« zur Seite, die schwarze Schandschnauze Eddie Murphy. Seit seinem Kino-Debüt als unschlagbarer Ganove in dem Action-Reißer »Nur 48 Stunden« zählt Murphy zu den höchstbezahlten Hollywood-Schauspielern.
Während die ursprünglich wilde Komik der »Saturday Night«-Show allmählich verflacht, sind die Kinokomödien erfolgreich, die aus ihrem Dunstkreis stammen. Anfang Juni hatte in den USA die Horror-Film-Parodie »The Ghostbusters« Premiere - der Film mit Dan Aykroyd entwickelt sich zum Sommerhit.
Worin die enorme Zugkraft des Komikers Dan Aykroyd besteht, ist in Deutschland aus seinen Kinofilmen nicht leicht abzulesen. Aykroyd fehlt das Profil eines Mel Brooks oder Jerry Lewis, er wirkt pausbäckig und steif; er ist ein Milchgesicht, das auch in den merkwürdigsten Situationen kaum die Fassung verliert.
Unter dieser stoischen Oberfläche lauert aber die Bereitschaft, unverzüglich jede Gelegenheit zur Entfesselung eines Chaos zu nutzen. Wo Aykroyds Durchschnittsgestalt auftaucht, läßt das anarchische Tohuwabohu nicht auf sich warten.
So taumelt schließlich auch der Film »Dr. Detroit« unerbittlich in ein wunderschönes Durcheinander. In Chicago ist Zockerball, ein rauschendes Fest der Gangster- und Zuhälter-Creme. Für feinstes Entertainment ist gesorgt, denn der leibhaftige James Brown bellt aus strahlendem Gebiß ein Funk-Stück in die Gemeinde.
Aykroyd macht als Dr. Detroit die Honneurs beim Ganovenschwof, während im Nebensaal sein College den jährlichen Wohltätigkeitsball zelebriert. An beiden Plätzen wird Skridlow/Dr. Detroit gebraucht. Vor den grauen Uni-Typen soll er eine Ansprache halten, dann hetzt er wieder zurück zum Zockerball und erledigt in einem Bratspießduell die dicke Mama. Der Abspann rollt mit dem Hinweis auf die Fortsetzung über die Leinwand, Titel: »Mama schlägt zurück«.
So endet »Dr. Detroit« - kein weltbewegendes Werk, aber immerhin eine schön beknackte Komödie.
Arnd Schirmer