Reinhard Baumgart über Norman Mailer: "Gefangen im Sexus" Minnesangs Winter
Was hat Norman Mailer zu tun mit Esther Vilar, was »Gefangen im Sexus« mit »Der dressierte Mann«? Scheinbar nichts. Beide Bücher Stemmen sich zwar gegen einen neuen Anlauf zur Frauenbefreiung, doch der Unterschied zwischen dem Provokations-Plausch der Vilar und dem röhrenden, Moschus-sprühenden, Jauche-speienden Humor Mailers ist beileibe nicht nur der zwischen zwei Talenten. Er zeigt auch, wie giftig, wie radikal diese Frauenfrage auf amerikanisch und englisch gestellt worden ist und wie dünn das Echo darauf hierzulande bisher geblieben ist.
Die wichtigsten Bücher der Betty Friedan, Kate Millett, Germaine Greer liegen zwar längst auf deutsch vor, doch kein Frisch und kein Walser, kein intro- oder extravertierter deutscher Erotomane hat auf sie je hörbar reagiert.
Dagegen Mauer: Ihn haben diese und ähnliche Texte offenbar schmerzhaft in Hirn und Herz und noch intimere Körperteile getroffen. Seine heftige Phantasie hat durchaus begriffen, was dieser Angriff auf die männliche Vorherrschaft im Fleisch und im Geist in letzter Konsequenz bedeutet. Er sieht das Weltall, die Schöpfung brennen, nicht mehr und nicht weniger.
Nur mit der vollen Wucht seines Entsetzens zurückzuschlagen, wäre ihm sicher am leichtesten gefallen, doch Mailer hat sich Mühe gegeben, hat sich umgetan in einschlägigen Schriften. Er referiert bitter, wie minimal, wenn man es auf den Maßstab von Chromosomen zurückbringt, der Unterschied der Geschlechter doch ist. Und bebend versucht er sich vorzustellen, wohin schließlich alle zu Ende gedachte Frauenbefreiung führt, nicht etwa nur zu Tageskindergärten, sondern: von der längst überstandenen Angst vor dem Kindbettfieber zur fast schon durchgesetzten Empfängnisverhütung, doch von dieser weiter zur Befreiung von Schwangerschaft überhaupt, zur extra -- uterinen Empfängnis oder Fortpflanzung durch Zellverschmelzung.
Erst vor dieser Vision einer Frau, die biologisch, durch technische Manipulation so frei wäre wie ein Mann, ergreift ihn das endgültige Entsetzen, radikal, das heißt an der Wurzel. Dagegen singt er nun an wie das Kind im Finstern, mit so glühenden oder nebeligen Metaphern allerdings, die das Wunder Schöpfung und die technologische Sünde wider sie so inbrünstig beschwören, daß stellenweise schwer auszumachen ist, wer da eigentlich derart singend redet, Papst Paul oder Mailer oder gar Alfred Rosenberg.
Das Beste an Mailer, das Spannendste an diesem Buch: Er weiß durchaus selbst, in welche Nachbarschaft er sich da hineinschwärmt. Er weiß, daß diese Frauenfrage, zu Ende gedacht, ihn aufs Kreuz legt und daß er in dieser hilflosen Lage seine konservativen und seine revolutionären Instinkte nicht mehr reinlich unterscheiden kann.
Konservativ möchte er bleiben, ein Troubadour des Sex und also auch der Erlösung durch das »irgendwie« ganz andere, für ihn schlichtweg mystische leibliche »Wesen« der Frau. Ein Revolutionär aber möchte er weiter sein: »Denn der Konservativismus ist gerade von den organisierten Konservativen zerstört worden, von ihren Kunststoffen, ihrer Werbeindustrie« ihrer Technologie.« Da wären sich doch, so scheint es, Mailer und Marcuse ganz einig? Doch für Mailer. und genau das ist sein Dilemma, stecken diese wüst fortschrittlichen Frauen eben unter einer Decke mit der rücksichtslos progressiven Profitindustrie. Beide steuern sie auf den Endsieg der Technologie, der für Mailer erreicht wäre mit der Technisierung auch der Sexualität und Fortpflanzung: der Mensch als Maschine, seine komplette Zerstörung und Entfremdung.
Es ist das kalt blitzende Schauder märchen von Huxleys »Brave New World«, das hier mit neuer Emphase erzählt wird, mitsamt der Fangfrage, ob denn nun progressiv oder reaktionär wäre, wer sich gegen solche Zukunft wehrt. »Eine ästhetische Übelkeit«. gesteht Mauer, überfällt ihn bei dem Gedanken an eine Technologie, die auch die Geschlechter einander fast gleich machen könnte. Kein Wunder, daß er auch nur rein ästhetisch, mit brünstigen Arien gegen diesen Schrecken anargumentieren kann. Doch Minnesangs Winter kommt, davon ist er überzeugt: 10 zu 1 würde in Las Vegas geboten bekommen, wer auf seinen Sieg über die neuen Amazonen setzen wollte. So dröhnend bricht schließlich sein Humor zusammen in Resignation.
Ist das nicht doch nur ein herrlicher Kulissendonner, und was steckt dahinter? Von der Metaphysik eines privaten Heils (durch Sex und Frauen) rauscht Mailer sehr eilig zu einer Metaphysik des gesellschaftlichen Unheils (durch Technologie). Erst war die Schöpfung das Schicksal, jetzt soll ein Fortschritt ohne Rücksicht auf Verluste das unabwendbare Schicksal sein. Wer denn an so sinnleerem Fortschritt interessiert sein könnte und ob dieses Interesse nicht doch unter Kontrolle zu bringen wäre, genau das wird nicht gefragt. Eine politische Frage, zurückgestutzt ins wehleidig Ästhetische und Moralische. versackt in Trauer und Sarkasmus.
Das Ende liest sich, als würde ein riesiges, poetisches, ratloses Vorzeittier, ein Dinosaurier wie zum letztenmal, fast schon höflich, aufschnauben.