Mirakel der Erinnerung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 78 / 140

AUTOREN Mirakel der Erinnerung

Kritiker nennen es das »bedeutendste Buch des Jahres«, Leser machen es zum Bestseller: Die bewegende »Geschichte eines Deutschen« aus dem Nachlass des Publizisten Sebastian Haffner, zugleich Essay und Erzählung, wirft auch Licht auf die Gegenwart. Von Reinhard Mohr
Von Reinhard Mohr
• aus DER SPIEGEL 48/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Paradox, aber wahr: Je ferner die Zeit des Nationalsozialismus rückt, desto näher kommt sie heran. Nicht nur aufwendige Fernsehdokumentationen wie zuletzt die sechsteilige ZDF-Reihe »Holokaust«, nicht nur die immer wiederkehrenden erbitterten Auseinandersetzungen über Schuld, Wissen und Verantwortung wie in der Goldhagen-Debatte, beim Streit über Walsersches

»Wegschauen« und »deutsche Leitkultur« - auch literarische Publikationen lassen die 55 Jahre zurückliegenden Schrecken erstehen, als wären sie erst gestern geschehen.

Victor Klemperers mehrbändige »Tagebücher 1933 - 1945« und Marcel Reich-Ranickis Autobiografie »Mein Leben«, hunderttausendfach verkauft, wurden geradezu zum nationalen Ereignis, wochen-, ja monatelang Gesprächsthema auch jenseits der Massenmedien.

In ihrem Schatten wurden viele andere autobiografische Bücher veröffentlicht, in denen Opfer der Nazi-Verbrechen, oft erst gegen Ende ihres Lebens, die Sprache wiederfanden, um ihre Erlebnisse in den Ghettos und Konzentrationslagern zu beschreiben. Die Autoren waren, was Wunder, meist jüdische Überlebende des Holocaust.

Der promovierte Jurist Sebastian Haffner aber, im vergangenen Jahr 91-jährig gestorben, war kein Jude. Der einstige Referendar am Berliner Kammergericht, Sohn eines preußischen Beamten, emigrierte als deutscher »Arier« 1938 nach England, und doch ertappen sich viele Leser seiner kurz darauf im Londoner Exil verfassten und erst jetzt aus dem Nachlass veröffentlichten »Geschichte eines Deutschen« dabei, ihn unwillkürlich für einen Juden zu halten.

Dies mag einen Grund haben: Seine Prosa ist nicht nur stilistisch brillant, anschaulich bis zur Poesie und so hellsichtig wie klar - sie ist auch so empfindsam in ihrer Wahrnehmung der schleichenden Veränderungen, als stamme sie von einem direkten Opfer des antisemitischen Terrors.

Gerade weil Haffner sich als »Privatmann« versteht, sieht er sich im »privaten Duell mit dem Dritten Reich«, im Kampf zwischen dem Prinzip Leben und dem Prinzip Vernichtung.

»Mein Fall mag gerade ein Durchschnittsfall sein«, schreibt er zu Beginn in freundlicher Verkennung der Lage. »Man kann recht gut an ihm ablesen, wie heute die Chancen in Deutschland für den Menschen stehen.«

Das einhellige Lob der Kritik als »bedeutendstes Buch des Jahres«, ja als »Mirakel« und »Schlüsselbuch zur nazistischen Heimsuchung Deutschlands«, wie Klaus Harpprecht schrieb, beruht auf diesem so seltenen Ton, der Erlebnis mit Reflexion verbindet, Beschreibung mit Analyse, ohne je selbstgefällig auf der einen oder abstrakt und dogmatisch auf der anderen Seite zu werden.

In den besten Passagen wird die Atmosphäre der Zeit geradezu mit Händen greifbar, werden schöne wie schreckliche Augenblicke plastisch wie im gesellschaftskritischen Kino der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre.

Schon mehr als 100 000 Leser hat das Buch gefunden, dessen Typoskript lange Jahre in einem Stapel Durchschlagpapier in Haffners Berliner Wohnung vor sich hin staubte. Seit ein paar Wochen rangiert es weit vorn in den Bestsellerlisten.

Ein anderes kleines Wunder: Trotz der epochalen Erschütterungen, die Deutschland in den dreißiger Jahren aufwühlten, bleibt der damals 32 Jahre junge Haffner in seinem Text vergleichsweise gelassen - was mit Gleichgültigkeit freilich gar nichts zu tun hat. Das Toben und Schreien der Massen, der Dauerlärm der marschierenden Kolonnen, die schrille hysterische Gewalttätigkeit: All das beschreibt er wie durch einen intellektuellen und literarischen Mikrosensor, ohne sich doch als Individuum von diesem allgemeinen Wahn wirklich distanzieren zu können.

Fast riecht man die Luft im Berlin der frühen dreißiger Jahre, und tatsächlich, in der Nase hatte Haffner schon früh die Empfindung für die unabsehbare Katastrophe, die die Machtübernahme Hitlers bedeuten würde.

Dabei hat Haffner, 1907 in Berlin geboren, nur jene Perspektive eingenommen, die heute angesichts von neuem (freilich in seinen Dimensionen unvergleichbarem) Rechtsextremismus und Antisemitismus allenthalben gefordert wird: die eines wachen, demokratisch gesinnten Zeitgenossen, der die Freiheit und das Leben liebt - und damit das Land, in dem er lebt.

Sebastian Haffner war alles andere als ein Linker. Er war konservativ-liberal geprägt, eher unpolitisch, dafür den geistigen und anderen Genüssen des bürgerlichen Lebens der Weimarer Republik durchaus zugetan. Nach dem Krieg zählte er - bis zu seinem Tode - zu den herausragenden Publizisten der Bundesrepublik. Über Jahrzehnte war seine merkwürdig knarzende Stimme skeptischer Weisheit in Funk und Fernsehen präsent.

Nachdem er 1954 nach Deutschland zurückgekehrt war, arbeitete er für die »Welt«, dann lange Jahre für den »Stern«. Er war Autor historischer Bücher über Churchill, Preußen und über die deutsche Novemberrevolution 1918.

Sein alles überragendes Thema blieb freilich jene dunkle Zeit, die ihn aus dem Vaterland vertrieb. Die essayistische Diagnose »Germany: Jekyll and Hyde« machte ihn in der englischsprachigen Öffentlichkeit berühmt, während unter deutschen Historikern seine »Anmerkungen zu Hitler« als eine der scharfsinnigsten Analysen der Nazi-Herrschaft gelten.

Schon im August 1914, als die Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg den sechsjährigen Knirps in der hinterpommerschen Sommerfrische aufstörte, erlebte Haffner die Übermacht der Weltgeschichte als existenzielle Bedrohung des privaten Lebens. Kurz vor der überstürzten Abreise der gesamten Familie konnte er sich noch einmal unbemerkt in den Wald stehlen - »wo man mich gerade noch rechtzeitig vor der Abfahrt auffand, auf einem Baumstumpf sitzend, Kopf in den Händen, fassungslos heulend und ohne jedes Verständnis für den Zuspruch, dass nun Krieg sei und dass jeder Opfer bringen müsse«.

Kurz darauf studiert auch er die offiziellen Heeresberichte wie Sportergebnisse, voller Begeisterung für die Größe der Zeit und die Machtfülle des Kaisers.

So stürzen Niederlage und Novemberrevolution 1918/19 auch den damals Elfjährigen in seelische Turbulenzen. Die Monarchie ist gefallen, das Volk fühlt sich verraten, das Bürgertum bedroht, und die blutig geborene Republik ist für viele kein rechter Ersatz für das Verlorene, schon gar kein Versprechen auf eine bessere Zukunft: »Dieses Formlose mit dem Verdacht der Sinnlosigkeit, das geduckt Nüchterne, ein Geschlagensein ohne die Chance zur Tat« - so beschrieb Martin Meyer in der »Neuen Zürcher Zeitung« das Syndrom, unter dem die Weimarer Republik von Anfang an litt.

Im Jahre 1922, mit der Ermordung Walther Rathenaus, des deutsch-jüdischen Patrioten, Weltbürgers und Außenministers, starb schließlich, so Haffner, der frühe Antipode Adolf Hitlers. Hunderttausende kamen zu Rathenaus Bestattung und zogen stundenlang durch die Straßen Berlins, »in nicht endenden Zügen, schweigend, grimmig fordernd«. Beide, Rathenau und Hitler, hätten die »Phantasie der deutschen Masse aufs äußerste gereizt": Jener durch »seine unfassliche Kultur«, dieser durch »seine unfassliche Gemeinheit«.

Ein paar Jahre später dann, nach dem Hyperinflationsjahr 1923 mit seinem »karnevalistischen Totentanz«, dem »blutiggrotesken Saturnalienfest«, milderte sich die Lage. Die Entwertung aller Werte war gestoppt. Die Ära Stresemann begann.

Es gab jedes vernünftige Maß von Freiheit, Ruhe, Ordnung, wohlwollendste Liberalität weit und breit, gute Löhne, gutes Essen und ein wenig öffentliche Langeweile. Jedermann war seinem Privatleben zurückgegeben und herzlichst eingeladen ... auf seine Fasson selig zu werden.

Doch: »Man wollte gar nicht.« So entdeckt Haffner »eins der fundamentalsten politischen Ereignisse unserer Zeit":

Es zeigte sich, dass eine ganze Generation in Deutschland mit dem Geschenk eines freien Privatlebens nichts anzufangen wusste. Ungefähr zwanzig Jahrgänge junger und jüngster Deutscher waren daran gewöhnt worden, ihren ganzen Lebensinhalt, allen Stoff für tiefere Emotionen, für Liebe und Hass, Jubel und Trauer, aber auch alle Sensationen und jeden Nervenkitzel sozusagen gratis aus der öffentlichen Sphäre geliefert zu bekommen - sei es auch zugleich mit Armut, Hunger, Tod, Wirrsal und Gefahr ... So empfanden sie das Aufhören der öffentlichen Spannung und die Wiederkehr der privaten Freiheit nicht als Geschenk, sondern als Beraubung ... Und sie warteten schließlich geradezu gierig auf die erste Störung ... um die ganze Friedenszeit zu liquidieren und neue kollektive Abenteuer zu starten.

Der »Grundtatbestand«, dass in Deutschland »nur eine Minder-

heit etwas vom Leben versteht«, hatte zwischen 1914 und 1924 eine »bedrohliche Zuspitzung« erfahren. Doch der Beobachter nimmt sich selbst nicht aus.

Auch er erlag einem jener zunächst harmlos erscheinenden Vorboten des kommenden Unheils, dem plötzlich grassierenden »Sportfimmel«, der »Sportkrankheit als Massenerscheinung«. Erlösung im billigen Rausch. Hauptsache, die Affekte stimmen. Rekordsucht als Ersatzhandlung.

Der angehende Assessor war schnell geheilt und verliebte sich in Teddy, eine blonde Österreicherin, die umschwärmte »Göttin« seines akademischen Tennisclubs. Der Inbegriff seiner Weltliebe, sein »Stück Globus mitten in Berlin«, wo an Sommerabenden Pingpong gespielt, geredet, getrunken und getanzt wurde.

1930 ging die Göttin, vieles vorausahnend, nach Paris. Brüning wurde Reichskanzler in Deutschland, das Drama nahm seinen Lauf. Am 14. September 1930 wuchs die NSDAP zur zweitstärksten Partei im Reichstag - von 12 auf 107 Mandate.

Sebastian Haffner wusste, dass seine kleine Idylle ungebundenen Lebens bald zu Ende sein würde. Die neue Signatur der Zeit entdeckte er im Anblick Hitlers:

Die Zuhälterfrisur; die Talmieleganz; der Wiener Vorstadtdialekt; das viele und lange Reden überhaupt, das Epileptikergehaben dazu, die wilde Gestikulation, der Geifer, der abwechselnd flackernde und stierende Blick ... Kein Mensch hätte sich gewundert, wenn dieses Lebewesen bei seiner ersten Rede von einem Schutzmann am Kragen genommen und irgendwo abgestellt worden wäre, wo man nie wieder etwas von ihm sah und wohin es ohne Zweifel gehörte.

Doch niemand hat ihn am Kragen gepackt und irgendwo abgestellt.

So bleiben Sebastian Haffner noch knapp 150 Seiten, um die ersten Monate unter dem Nazi-Regime zu beschreiben - seine Liebesaffäre mit einem jüdischen Mädchen namens Charlie, der von SS-Männern gespenstisch unterbrochene Faschingsball, die Verhaftung jüdischer Richter am Kammergericht, antisemitische Töne im alten Freundeskreis, das plötzliche Verschwinden von Bekannten, den Reichstagsbrand vom 27. Februar, die erste große Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933.

Sein Vater, hochgestellter - und hochgebildeter - treuer Diener des Staates, hatte längst resigniert:

Ich sah meinen Vater damals mitunter lange an seinem Schreibtisch sitzen und, ohne die Blätter, die vor ihm lagen, zu berühren, starr in die Luft blicken.

Verzweifelt und gedemütigt erlag er einem Magenleiden.

Bewegend, staunend und in atemraubender Präzision erzählt Haffner vom beginnenden Untergang Deutschlands, den die Mehrheit bald als grandiosen Wiederaufstieg bejubeln sollte. Und er erzählt vom Untergang Berlins, der kosmopolitischen Weltstadt, dem glitzernd urbanen Zentrum der »Goldenen zwanziger Jahre«, in die nun Angst und Schrecken, Rohheit und Dummheit einzogen. Stück für Stück wurden Vielfalt und Normalität des Alltagslebens zerstört - zu Gunsten einer »alptraumhaften Umkehrung der normalen Begriffe: Räuber und Mörder als Polizei auftretend«.

Wie rasch der Terror zuschlug und wie viele Deutsche dabei halfen, erfuhr der Schriftsteller Manès Sperber, gerade zwei Jahre älter als Haffner, zur selben Zeit am eigenen Leib. In seiner Autobiografie »Die vergebliche Warnung« beschrieb er seine Verhaftung vom 15. März 1933 am Rüdesheimer Platz in Berlin und den Abtransport auf einem Lastwagen*:

Man stieß mich hinauf ... An die 30 bis 40 Männer und Frauen umstanden den Wagen in losen Gruppen ... SA-Leute gingen von Gruppe zu Gruppe und klärten sie darüber auf, dass wir da oben bolschewistische Verbrecher, Brandstifter, Verräter wären, eine schändliche Brut, eine Pestbeule am deutschen Volkskörper, die man endlich ausbrennen würde ... Auch das wäre noch zu gut für solche Halunken, warf eine ältere Frau ein, die noch vom Laufen atemlos war. Sie stieß einen der Gefangenen in die Rippen, glitt dabei aus und schrie auf. Danach stürzten sich zwei andere auf den Angegriffenen, schlugen ihm auf den Rücken; ein Junge sprang auf und spuckte ihm ins Gesicht. Bald nahmen alle Umstehenden an der Aktion teil, die die Nazi-Presse gewöhnlich mit dem gerechten Volkszorn erklärte ... Wir fünf auf der hintersten Bank waren ihm völlig ausgeliefert.

Es gibt, so sehr sich Haffner auch bemüht, keinen Rückzug ins Private. Das »Ekelhafte«, »Pfuhlhafte« dieser »nationalen Revolution« drang durch alle Ritzen, besetzte private wie öffentliche Räu-

me, machte sich überall breit - und führte

über Feigheit, Opportunismus und Panik zu einem »millionenfachen Nervenzusammenbruch«, schließlich zu einem »zu allem bereiten Volk, das heute den Alpdruck der ganzen Welt bildet«.

Im Frühherbst 1933 bricht das Buch, dem man noch viele Seiten gefesselt folgen würde, unvermittelt ab. Teddy, die Göttin aus Paris, war ein letztes Mal zu Besuch gekommen. Jeden Tag schien die Sonne, und wenn das Glück es wollte, gab es »nachmittags eine freie Stunde im Tiergarten. Vielleicht würden wir ein Boot nehmen«.

Vor Sebastian Haffners Erinnerungen an eine längst vergangene und doch so gegenwärtige Zeit verblassen, das drängt sich beim Lesen immer wieder auf, all die legitimatorischen Floskeln, Schlagworte und rhetorischen Wahlkampf-Tütüs - deutsche Leitkultur, Aufstand der Anständigen, Wegschauen und Zivilcourage.

Wenn jene, die heute ihren Patriotismus, ihren »Stolz, ein Deutscher zu sein« (CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer), wie eine Monstranz vor sich her tragen, auch nur einen Bruchteil der Haffnerschen Zivilität, seiner empfindlichen Wahrnehmung und politischen Hellsichtigkeit besäßen, dann wäre niemand bange um die Republik. Dann bräuchte es keine halbstaatlichen Demonstrationen, keine schüttere Symbolik und keine Sonntagsreden - aber auch keine billige Häme gegen diesen »Mummenschanz«. Dann gäbe es nur eine zivile Gesellschaft, deren Bürger ganz selbstverständlich ihr eigenes Leben und das aller ihrer Mitbürger gegen jeden Angriff verteidigen. Wer unbedingt will, könnte dies deutsche Leitkultur nennen.

* Szene aus NS-Propagandafilm »Hans Westmar«.* Oben: Gemälde von Edvard Munch, 1907; unten: 1935.* Manès Sperber. »Die vergebliche Warnung«. Fischer TaschenbuchVerlag, Frankfurt a. M.; 328 Seiten; 16,90 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 78 / 140