Mister Mutter - DER SPIEGEL
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MUSIK Mister Mutter

Trotz früher Hollywood-Erfolge spielte der Komponist André Previn im globalen Konzertbetrieb lange nur die zweite Geige - jetzt ist er dank seiner fünften Ehefrau Anne-Sophie Mutter ein Star.
Von Klaus Umbach
• aus DER SPIEGEL 42/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auch die Musik hat ihre Dream-Boys. Dieser André Previn beispielsweise, der aus Berlin stammte, eigentlich Andreas Ludwig Priwin hieß und 1939 als Sohn jüdischer Emigranten nach Los Angeles verschlagen wurde, war so ein Typ mit Traumkarriere.

Okay, der Junge konnte, als er in Kalifornien landete, schon klasse vom Blatt spielen, hatte ein absolutes Gehör, und auch das Jazzen lag ihm. Aber es gab damals Legionen cleverer Kerls, die es nach Hollywood zog. Man musste Glück haben oder, wie André, einen lieben Verwandten bei den Universal Studios.

Erst klimperte der Teenager in Stummfilmkinos rum und führte elektrische Orgeln vor. Dann, so mit 14, durfte er schon mal für Schulorchester arrangieren, ein Harfen-Glissando für Esther Williams notieren oder ein paar Takte Tanzmusik für Gene Kelly. Mit 18 erhielt er seinen ersten richtigen Auftrag: die Musik für einen Film der »Lassie«-Reihe. Er fand das »himmlisch« und hob ab ins Big Business.

Immer spektakulärer wurden seine Aufträge, immer sensationeller seine Erfolge: »Gigi«, »My Fair Lady«, »Porgy And Bess«, »Irma La Douce«, Billy Wilders »One, Two, Three« - eins, zwei, drei hatte Previn vier Oscars für seine Soundtracks eingeheimst und, obendrein, neun Nominierungen. Mit 36 hatte der Tonsetzer an die 50 Filmmusiken im Kasten, war MGMs strahlender Maestro und machte Millionen. Er gehörte zur Traumfabrik wie Rodgers zu Hammerstein. »Previn was Hollywood«, schrieb »Newsweek«.

Doch genau das war, auf Dauer, die Crux. Denn im Urteil der reinen Neutöner-Lehre war der Musiker Previn durch seine Erfolge im Kino nicht geadelt, sondern stigmatisiert - einer, der mit klingender Halbseide handelte. Hemmungslos habe er sein Talent für Gebrauchsmusik vergeudet, habe Noten gesetzt auf Schritt und Tritt von Audrey Hepburn oder Kim Novak statt nach höherem Sinn und Verstand.

Diese Woche nun erscheint bei der Deutschen Grammophon der Mitschnitt der jüngsten, im März 2002 uraufgeführten Previn-Partitur: eines formell geradezu klassisch angelegten Violinkonzerts mit drei Sätzen, 40 Minuten Spielzeit, bravourösem Solo und raffiniert getöntem Begleitorchester.

Das Werk, keine Frage, ist Previns neuerlicher Versuch, sich ein für alle Mal vom Ruch des Entertainers freizuschreiben, und tatsächlich ist das Konzert ein starkes Stück. Das kuschelt, schmeichelt, wirft sich in Schale und haut auf den Putz. Das taucht ab in voll fetten Sound, verliert sich in fragile Tongespinste und kratzt schon im nächsten Moment ungemütlich gegen den Strich: fetzig, flitzig, haarig. Jedenfalls kommt das Werk, anders als so manches Konstrukt der amtierenden Avantgarde, ohne kakophonischen Terror aus und ohne Schmirgeleien auf dem Trommelfell. Ganz einfach: Es klingt.

Schön und gut, aber: Reicht das, um dem Komponisten die heiß ersehnte Anerkennung zu verschaffen? Wird die zögerliche Plattenkundschaft zulangen? Ist da wer, der auf Previn steht?

Nebbich, die Frage wird sich kaum stellen. Denn bei der Geigerin, der das Werk gewidmet ist und die seine (mitgeschnittene) Uraufführung in Boston besorgt hat, ist nicht nur der effektvolle Solopart, sondern auch das Marketing in besten Händen: Anne-Sophie Mutter, 40, seit August 2002 als fünfte Gattin mit dem 34 Jahre älteren Previn verheiratet und auf liebreizende Weise im Untertitel des Konzerts verewigt ("Anne-Sophie"), wirft sich von nun an mit multimedialem Elan für den Gemahl ins Zeug. Bach, Mozart, Beethoven müssen kürzer treten, die erste Geige spielt Previn.

Und eine so glamouröse und ehrgeizige Solistin wie die Mutter, immerhin der einzige deutsche Weltstar auf der globalen E-Musik-Szene, könnte es schaffen: mit »Anne-Sophie« beim großen Publikum offene Ohren, für Mister Mutter offene Arme und für den gemeinsamen Mitschnitt offene Geldbeutel zu finden. So was muss nur richtig angepackt werden.

In diesem Sinne erweist sich schon das cellophanierte Doppel aus CD und Booklet, von dem Designer Andreas P. Mutter, einem Bruder der Geigerin, mit rührendem Familiensinn gestaltet, als herziges Beziehungskistchen. Darauf und darin ist nämlich, neben diversen Soloporträts der Ehepartner, das junge Glück gleich zehnmal in bunter Zweisamkeit abgelichtet - eine Zugewinngemeinschaft ganz à la »Gala«.

Kaum ist das digitale Konzert im Handel, wird das duale System auch live aktiviert: Künftig paaren sich Previn und Mutter so oft wie möglich zu diversen philharmonischen Lustbarkeiten.

Diese Woche kommen beide gleich für drei Abende in die Berliner Philharmonie, erstmals seit mehr als 14 Jahren und erstmals im Doppelpack. Ende Oktober gastieren sie bei Maischberger und im Londoner Barbican Centre. Und im nächsten Jahr starten sie die große PR-Tour zum Lobe des neuen Violinkonzerts: Für München, Bonn, Hamburg, Zürich, Basel, Pittsburgh, London und Luzern ist das Stück bereits fest gebucht, die Novität kommt auf Touren.

Mag sein, dass das mitteleuropäische Konzertpublikum erst jetzt, durch Mutters Saitenspiel animiert, auch für den Komponisten Previn die Ohren spitzt. Doch zumindest in den angelsächsischen Ländern hat Hollywoods einstiger Tonangeber immer großen Anklang gefunden. Er sei, urteilte das Fachblatt »Vanity Fair«, »der vollkommenste Crossover-Musiker des 20. Jahrhunderts« und »der letzte große Universalist in einer Welt der Musik-Spezialisten« - so eine Art Lennie Bernstein II.

Alle Achtung, was hat dieser kleine, ruhige, disziplinierte Mann nicht alles probiert und produziert und provoziert! »Mein Repertoire«, gestand er freimütig, »ist ein ziemliches Potpourri«, konserviert auf über 400 (heute größtenteils gestrichenen) Plattenproduktionen.

Mit Ella Fitzgerald ist er aufgetreten, mit Dizzy Gillespie und Benny Goodman. Eine Jazz-Platte, die er mit 16 produzierte, verkaufte sich 200 000-mal. Noch heute rotieren eine stattliche Zahl »Original Jazz Classics«, bei denen er mitgewirkt hat, und nächsten Sommer wird er sich mit dem amerikanischen Bassisten David Finck in Essen zum einschlägigen Duo verbünden, gleich nach einem Beethoven-Abend.

Seit seinem offiziellen Dirigentendebüt 1962 in Saint Louis (Missouri) ist ihm der Aufstieg auf die bedeutendsten Podien der Welt geglückt. Er hat die Symphonieorchester von London, Pittsburgh, Los Angeles geleitet, war in Londons Covent Garden Opera zu Gast und in Salzburg und bringt derzeit die Philharmoniker von Oslo auf Vordermann.

Seine BBC-Serie »André Previn's Music Night« machte ihn in mehr als hundert Fernsehstunden in Großbritannien so populär, dass er in Reklamespots für »die besten Fernsehgeräte der Welt« warb - hergestellt vom gleichen Konzern, dessen Label den Musiker Previn unter Vertrag hatte. »Würden Sie diesem Mann eine Gebraucht-Symphonie abkaufen?«, feixte die »Sunday Times« daraufhin in einer Schlagzeile.

War dieser Tausendsassa vielleicht doch nicht seriös genug, um als Tonsetzer von abendländischem Kaliber Anerkennung zu finden? Jedenfalls wurde Previn keine Ikone des Jazz und, anders als Kollege Lennie, auch keine Kultfigur im globalen philharmonischen Gewusel. Fast ein halbes Jahrhundert blieb er im Urteil des strengen Feuilletons ein Alleskönner zweiter Wahl.

Sein Klavierkonzert für den Pianisten Wladimir Ashkenazy - na ja, sauber. Seine Sonate für den Star-Cellisten Yo-Yo Ma - okay, gediegene Manufaktur. Seine Songs für die Primadonnen Barbara Bonney oder Sylvia McNair - kaum mehr als gefällige Software in geläufigen Gurgeln.

Auch Previns erste Oper »A Streetcar Named Desire«, 1998 in San Francisco uraufgeführt, tat sich von Anfang an schwer, gegen ihren legendären Kino-Ahn zu bestehen: den Film »Endstation Sehnsucht« mit Vivien Leigh und Marlon Brando. 140 Kritiker waren damals zur Previn-Premiere angereist und halb Hollywood, die formidable Sopranistin Renée Fleming brillierte als Blanche, sogar die »FAZ« war von den »Urschreien gebrochener Seelen« beeindruckt. Die indes haben bislang auf der Musikbühne kein großes Echo gefunden.

Erst jetzt, an Mutters Saite, hat auch der Komponist Previn endlich die klassischen Charts getoppt: Die gemeinsame CD »Tango Song and Dance«, musikalisch nicht mehr als müder Altherren-Pop, ist seit Monaten der Renner der Branche. Wohl kaum eine Frage, dass nun, dank Mutter, auch »Anne-Sophie« die dicke Marie machen wird. KLAUS UMBACH

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