Mit Aspirin - DER SPIEGEL
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HILPERT-PREMIERE Mit Aspirin

• aus DER SPIEGEL 29/1958
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Als negativer Held ein Räuberhauptmann mit Schmachtlocke und Lippenbärtchen, der sich am Ende für Hitler hält, als positiver Held - und jugendlicher Liebhaber, dem die Sympathien des Publikums zugedacht waren - ein kommunistischer Agitator: so sehern die beiden Hauptpersonen eines Schauspiels aus, das Heinz Hilpert kurz vor Saisonschluß im Göttinger »Deutschen Theater« uraufführte. Bei der Premiere gab es nur wenigen, dünnen Beifall, am nächsten Abend sogar einen kleinen Pfiff im Parkett.

Fortschrittlich gesonnene Theaterleute mögen das unverhohlene Unbehagen des Publikums bei dieser Premiere bequem als Symptom reaktionärer Gesinnung werten, und ganz in diesem Sinne formulierte der Verleger Ernst Rowohlt an den Regisseur-Intendanten Hilpert einen Glückwunsch zum bewiesenen Mut, sich gegen den politischen Mehrheitsstrom zu stemmen.

Hilperts - bei anderer Gelegenheit hinlänglich erkennbarer - Mut ist einen Glückwunsch wert, die Premiere des (von Rowohlt verlegten) Theaterstücks war es nicht. Ulrich Bechers jüngstes Schauspiel »Der Herr kommt aus Bahia« ist ein umständliches und schwächliches Szenarium. Dem Stück gegenüber setzte sich das Premierenpublikum nur dadurch ins Unrecht, daß es nicht lauter pfiff.

Der 1910 in Berlin geborene, 1933 emigrierte Rowohlt-Autor und Roda-Roda*-Schwiegersohn Ulrich Becher, durch seine Theaterstücke »Samba«, »Feuerwasser« und »Mademoiselle Löwenzorn« auf deutschen Bühnen als respektable Mittelbegabung bekannt, schüttete über das Publikum ein Füllhorn von Erinnerungen aus seiner Brasilienzeit, deren Nomenklatur er auf langen Seiten im Programmheft erläutern mußte, weil sie aus dem Stück allein nicht zu verstehen waren. So gilt dem eingeborenen Kleineleute-Volk in Brasilien die Stadt Bahia, die der Titel zitiert, offenbar als der Ort, in dem sowohl Christus wie aber auch alle nennenswerten Räuber geboren worden sind. Nur ein »Herr«, der aus Bahia« kommt, kann bei abergläubischen, analphabetischen Brasilianern etwas gelten.

Beinahe, aber nicht ganz aus Bahia stammt denn auch der Chef einer Räuberbande namens Orestes Goyano das Vilas Boas, genannt O Grande Malandro - seine (siebente) Frau heißt, nicht weniger schwungvoll, Imperatriz Maria Teresia -, den die armen Kleinsiedler im Inneren einer brasilianischen Provinz als Diktator fürchten und als Medizinmann und Häuptling eines halbreligiösen, rauschhaften Geheimkultes verehren.

Bechers Theaterstück - es soll, einer vorweg projizierten Mitteilung zufolge, »hier und heute« die »Magie der Macht« vorführen - zeigt am Anfang, daß sich die Leute vom großen Malandro tyrannisieren lassen; es zeigt nach der Pause, daß sie sich nicht mehr tyrannisieren lassen. Da sonst niemand den Grund erkennen könnte, wird die Ursache dieses Umschwungs breit erläutert, allen dramaturgischen Urgesetzen zum Trotz, denen zufolge sich ein Theaterstück durch Handlung, nicht aber durch Kommentare verständlich machen soll.

Der große Malandro, so wird mitgeteilt, habe ein Tabu verletzt, so daß die »Magie der Macht« erlosch. Er hat sich vom »Makumba«-Fest, dem rituellen Höhepunkt des von ihm zelebrierten Geheimkultes, entfernt und seine Gemeinde allein gelassen.

Der Anlaß, warum sich Malandro vom Fest entfernte, dient dem Autor gleichzeitig als Hinweis fürs Publikum, warum es sich dieses umständliche Schulbeispiel für die »Magie der Macht ... hier und heute« ansehen soll. Malandro ist in die Kreisstadt geritten, um bei einem Maskenumzug - das Stück spielt im Oktober 1945 - als Adolf Hitler mitzuwirken. Als »Führer« zurechtgemacht, erscheint er nun auf der Bühne, knallt einige Male die Stiefelabsätze zusammen, bis auch der simpelste Zuschauer die Lektion begriffen hat, die Autor Becher ihm offenbar zu geben wünschte. Sie dürfte etwa so lauten: Die Deutschen haben sich vom »grande Adolfo« tyrannisieren lassen, heute werden sie von ihm nicht mehr tyrannisiert.

Da aber nach dieser Belehrung das Stück irgendwie weitergehen muß, hat sich Becher zu folgender Handlung entschlossen: Der betrunkene Malandro, der sich plötzlich für den echten Hitler hält, wird (hinter der Bühne) von einem christlichen Priester indianischer Abstammung erstochen. Sein Gegenspieler, ein kommunistischer Agitator, darf nun ungeniert Malandros schöne Tochter heiraten, die Eros Aspirina heißt, weil Vater Malandro in der Hochzeitsnacht gegen seine Kopfschmerzen Aspirin eingenommen hatte.

Kommentierte die »Frankfurter Allgemeine": »Man hat den Eindruck, daß das Erzeugnis des Stückeschreibers auf ähnliche Weise zustande gekommen ist.«

* Pseudonym für den Satiriker Alexander Rosenfeld.

Malandro (Schauspieler Hirthe) in Hitler-Maske

Sieben Frauen

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