Mit Bart - DER SPIEGEL
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DICKENS Mit Bart

• aus DER SPIEGEL 32/1960
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bisher waren es die Amerikaner, die einen respektlosen Griff in die englische Literatur riskiert und damit beim Publikum nachhaltig reüssiert hatten: Aus William Shakespeares »Der Widerspenstigen Zähmung« machten sie das Musical »Kiss Me Kate«, aus Bernard Shaws »Pygmalion« das Musical »My Fair Lady«.

Jetzt hat ein Engländer ins landsmännische Bücherregal gegriffen und den Roman »Oliver Twist« des populärsten englischen Romanciers im 19. Jahrhundert, Charles Dickens (1812 bis 1870), zu einem Musical aufgeplustert. Der Erfolg von Lionel Barts »Oliver!« macht den Theater-Unternehmern Hoffnung, daß dieses englische Musical die Bestseller-Serie verlängern werde, die von den unfreiwilligen Musical-Autoren Shakespeare und Shaw mit so maximalem Erfolg begonnen worden war: Auf Einlaßkarten zu Broadway-Inszenierungen dieser Bühnenzwitter mußten Interessenten monatelang warten.

Der 27jährige Engländer Lionel Bart, der in die Front der amerikanischen Erfolgs-Arrangeure einbrechen konnte, Sohn eines Schneidermeisters im Londoner Eastend-Viertel, hatte vor einiger Zeit selber noch in der väterlichen Werkstatt gearbeitet und war dann zu einem anderen Gewerbe übergewechselt: In einer sogenannten Skiffle Group bearbeitete er ein Waschbrett, als Begleitung zu Gesang und Gitarrenspiel Tommy Steeles, dessen Darbietungen heute, von Laien möglicherweise als Gejaule empfunden, von einer so weltweiten wie jugendlichen Anhängerschaft mit großer, emphatischer Aufmerksamkeit entgegengenommen werden.

Bart gab dem Kameraden Steele noch einige Liedchen mit auf den Weg, zum

Beispiel das von Kennern hochgeschätzte »Rock with the Cavemen« - »Cavemen«, Höhlenmenschen, hatten sich Bart und Steele während ihrer gemeinsamen Zeit der Waschbrett- und Gitarrenspielerei genannt -, dann schrieb er weitere Schlager und hatte endlich einen breiteren Erfolg mit den Melodien, die er für die Renovierung einer Komödie aus dem 18. Jahrhundert, »Lock Up Your Daughters« - zu deutsch: Sperrt eure Töchter ein -, geschrieben hatte. Mit diesem Stück wurde im Londoner Zentrum das Mermaid-Theater eröffnet (SPIEGEL 25/1959).

Das Londoner Publikum goutierte auch Barts Ganoven-Musical »Fings ain't wot they used t'be« (ungefähr: Ischa allens nich mehr so), das vor wenigen Monaten uraufgeführt wurde. Als aber der Vorhang nach der Uraufführung von »Oliver!« fiel, ertönte - Londoner Kritikern zufolge - Beifall, wie er am Ort seit der Premiere des Musicalerfolgs »Annie Get Your Gun« nicht mehr zu hören gewesen sei. »Ein Cockney-Offenbach«, lobte die »Daily Mail« enthusiastisch. »Der erste Komponist, der völlig flügge den Labyrinthen von Rock'n'Roll entsteigt«, konstatierte der »Observer«. Das höchste Lob vergab die »Times« durch einen Druckfehler. In ihrer Kritik von »Oliver!« nannte sie den Komponisten Bart Bach.

Komponist Bart - da er die Notenschrift nicht beherrscht, muß er seine musikalischen Einfälle Notenkundigen diktieren - hatte diesmal auch das Textbuch verfaßt, sich aber nicht streng an die Vorlage von Dickens gehalten. Die in dieser Sache sonst zuweilen sehr rigorose englische Kritik hat ihm diese Großzügigkeit nicht verübelt, weil der Roman »Oliver Twist« von Dickens, kurz: nach dessen berühmten »Pickwickiern« erschienen, als literarisches Werk in England nicht besonders geschätzt ist. George Sampson in seinem von der Universität Cambridge herausgegebenen literarhistorischen Standardwerk über »Oliver Twist": »Der Humorist (Dickens) verschwindet - wir erblicken den Kreuzzügler, der Unrecht in Ordnung bringen, den Journalisten, der Mißstände anprangern will.«

Anprangern wollte der Kreuzzügler Dickens irr. »Oliver Twist« die jammervollen Zustände in den Londoner Waisenhäusern, die Ausnutzung armer Halbwüchsiger durch ihre Lehrherren, die Hartherzigkeit von Beamten und das soziale Elend, das unter der Oberfläche des Viktorianischen England schwelte. Den elternlosen Oliver Twist ließ er nach traurigen Abenteuern in die Diebesküche eines gräßlichen jüdischen Schurken namens Fagin geraten, der Gassenjungen aller Art zu Dieben erzog. Nur das Ende war erbaulich: Oliver fand einen reichen Adoptivvater, und Fagin wurde gehenkt.

Arrangeur Bart lockerte die Handlung zum Musical-Libretto auf, indem er Fagin in einen harmlosen skurrilen Halunken, fast in einen Wohltäter seiner jungen Strolche, verwandelte. Den Galgen ersparte er ihm.

Bart beginnt sein. Stück mit einem Chor von Waisenknaben, die sich nach Würstchen sehnen, während der Waisenhausvorsteher Bumble dem jungen 0liver nicht einmal eine zweite Portion Haferschleim gönnt.

Oliver wird bei dem Leichenbestatter Mr. Sowerberry, der sich über jeden Todesfall freut, in die Lehre gegeben, streitet sich aber mit dem Gesellen und landet schließlich bei Fagin, dessen Behausung mit bunten - gestohlenen - Taschentüchern geschmückt ist. Sie sind die Abfälle der Präzisionsarbeit, die Fagins junge Eleven im Straßengewühl leisten.

Endlich taucht Olivers Gönner auf, alt, elegant und unendlich gut. Nancy, Fagins Köchin, wird vom bösen Räuber Bill Sikes auf einer Londoner Themsebrücke erschlagen; Sikes wird von Polizisten niedergeschossen. Der Lehrherr der Taschendiebe, Fagin, findet das alles höchst ungemütlich und beschließt umzusatteln. Musikalischer Höhepunkt: Fagins Solo »Ich denk' nach über die Lage«. Die Geige schluchzt in fallender Kadenz, während Fagin überlegt, wie sein Leben sein wird, wenn er sich ehrbar verheiratet oder gar ein bürgerliches Gewerbe übernommen haben wird.

Nicht alle musikalischen Einfälle, mit denen Bart seine verharmloste Dickens -Fassung illustriert, sind besonders geglückt oder besonders originell, einige erinnern deutlich an Kurt Weill ("Observer": »Eine farbige Zweigroschenausgabe der Dreigroschenoper"). Aber nicht weniger als sieben der insgesamt sechzehn Songs erwiesen sich als Schlager.

Am Sensationserfolg des Dickens -Musicals waren allerdings außer Bart noch zwei Helfer beteiligt, der Darsteller des Fagin und der Bühnenbildner. Ron Moody, gelernter Volkswirtschaftler, der nach Abschluß seiner Studien an der London School of Economies zur Bühne übergegangen war, enthusiasmierte als Fagin Publikum und Kritik derart, daß die Rezensenten nach passenden Vokabeln rangen: Sie nannten ihn einen »jüdischen Weihnachtsmann«, »Küchen -Rasputin«, einen »Iwan den Schrecklichen der Perücke«, einen »zweiten Grock«.

Die verschwenderische Bühnenausstattung durch Sean Kenny schließlich die Theaterproduzenten hatten in die gesamte Inszenierung 180 000 Mark investiert - verführte den Kritiker des »Daily Express« zu dem hymnischen Bekenntnis: »Fast würde es sich lohnen, in einem von diesem Genie entworfenen Grab zu liegen.«

Ron Moody als Fagin

Lehrherr für Taschendiebe

»Oliver Twist«-Szene*: Lehrling beim Leichenbestatter

Musical-Arrangeu. Bart

Töne vom Waschbrett

* Keith Hamshire als Oliver Twist, Paul Whitsun-Jones als Waisenhausvorsteher Bumble.

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