Mit dem Bleistift - DER SPIEGEL
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LITERATUR Mit dem Bleistift

• aus DER SPIEGEL 29/2000
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Sommer 1941: Wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wird in der litauischen Stadt Kaunas Helene Holzmans Ehemann Max verhaftet, der eine angesehene Buchhandlung geführt hat. Er gehört zu den Opfern der ersten Massenerschießung von Juden im - damals sowjetischen - Litauen. Die ältere Tochter Marie, eine Pazifistin, wird als »Kommunistin« inhaftiert und nach einigen Monaten umgebracht. Von einer Ärztin besorgt die Mutter Gift für sich und die jüngere Tochter Margarete, um den Mördern bei einer Verhaftung nicht lebend in die Hände zu fallen. Doch die beiden entgehen dem Todesghetto, nicht zuletzt dank der selbstlosen und mutigen Hilfe einiger Russinnen, die die Gejagten bei sich verstecken. Kurz nach ihrer Rettung vor dem mörderischen Arier-Wahn hat die Malerin, Kunst- und Deutschlehrerin Helene Holzman (1891 bis 1968) mit Bleistift die Schrecken festgehalten, deren Zeugin sie wurde: Jüdische Frauen müssen unter den Augen der Gestapo verwahrloste Klosetts mit ihren eigenen Kleidern putzen, da ihnen Scheuerlappen verweigert werden; Kinder werden zu Tode gequält; ständig gibt es Hinrichtungen.

Mit ihrer ebenfalls überlebenden Tochter Margarete siedelte die Autorin 20 Jahre später, im Jahr 1965, nach Deutschland über - doch erst jetzt, weitere 35 Jahre danach, wurden ihre Erinnerungen an das Schicksal der litauischen Juden zum Buch. Die drei Jahre umfassende Chronik ist klar und nüchtern geschrieben, die Autorin verzichtet auf Stereotype wie »die« Deutschen und hält ihre Gefühle unter Kontrolle, so schwer ihr das auch gefallen sein muss. Der Titel »Dies Kind soll leben« bezieht sich nicht nur auf die Tochter der Autorin (die jetzige Mitherausgeberin), er gilt auch allen anderen Menschen, die Helene Holzman und ihre Freundinnen - Litauerinnen, Russinnen, Deutsche - unter Lebensgefahr retten konnten.

Reinhard Kaiser und Margarete Holzman (Hrsg.): »Dies Kind sollleben. Die Aufzeichnungen der Helene Holzman 1941-1944«. VerlagSchöffling & Co., Frankfurt am Main; 384 Seiten; 44 Mark.

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