GULDA Mit E am Ende
Um, wie er sagt, »als Mensch des Jazz-Zeitalters nicht länger Museumsdiener unaktuelier Musik« zu sein, hat der Wiener Pianist Friedrich Gulda, 32, jetzt sein internationales Renommee als Klassiker-Interpret aufs Spiel gesetzt.
Gulda, seit 16 Jahren in mehreren Kontinenten gefragter Beethoven- und Bach-Spieler, sagte alle für die Saison 1962/63 - unter anderem in Japan, Argentinien, Israel, Spanien, Italien, Österreich und Deutschland - vereinbarten Konzerte mit klassischer Musik ab. Er will in Zukunft nur noch das tun, was seiner Meinung nach »alle Pianisten meiner Generation gerne tun würden, wenn sie nur die Courage hätten": Jazz spielen.
»Die meisten jungen E-Musiker*«, behauptete der junge Pianist, würden heute »nur durch Selbstbetrug, Eitelkeit oder Sicherheitsstreben« daran gehindert, den Konzertsaal mit dem Jazzlokal zu vertauschen, denn »der schlechteste Beethoven-Interpret hat ja mehr Ansehen als der beste Jazz -Musiker«.
Den Konzertveranstaltern ließ der exzellente Beethoven-Interpret Gulda durch seinen Manager Cieplik mitteilen: »Um nicht dem Routinebetrieb des heutigen Konzertlebens zu verfallen, hat Friedrich Gulda nach reiflicher Überlegung den Entschluß fassen müssen, sich auf unbestimmte Zeit, zumindest aber bis Herbst 1963, aus dem Konzertleben zurückzuziehen.«
Privat klagte Friedrich Gulda, nachdem er bei den Berliner Festwochen mit Beethovens G-Dur-Klavierkonzert zum vorläufig letzten Male klassisch in die Tasten gegriffen hatte, er wolle sich hinfort nicht mehr »im goldenen Barockwagen zu billigen Triumphen kutschieren« lassen. Gulda: »Ich habe keinerlei Gewähr, ein großer Jazz -Musiker zu werden. Zumindest aber werde ich an der richtigen Sache beteiligt sein. Das ist besser als ein erfolgreiches Leben in Verlogenheit.«
Dieses Leben begann, so sieht es der Erfolgspianist heute, schon 1946: Damals errang der 16jährige Gulda in Genf den Ersten Preis eines Wettbewerbs für Nachwuchspianisten, und damals schon fühlte er sich eigentlich zum Jazz berufen. Seine Begabung ließ ihn jedoch den inneren Zwiespalt zunächst überspielen: Die vielen Stunden, die weniger talentierte Pianisten für Geläufigkeitsübungen aufwenden müssen, konnte Gulda, zunächst als Zuhörer, später als Mitwirkender, in Jazz-Kellern absolvieren.
Berlins »Badewanne«, Wiens »Fatty's Saloon«, New Yorks »Birdland« und die tonangebenden Chicagoer Jazz -Bars wurden dem Beethoven-Virtuosen zur zweiten musikalischen Heimstatt. Wiederholte Kritiker-Warnungen, das Jazzen werde seinen »subtilen Anschlag« ruinieren, ließen ihn kalt.
Indes, auch nachdem er 1956 beim repräsentativen amerikanischen Jazz -Festival in Newport leidlich erfolgreich debütiert hatte, mochte Gulda immer noch nicht von der ernsten zur heißen Musik überwechseln. Erst ein Nervenzusammenbruch bei einer Schweden -Tournee im März 1962 verhalf ihm zu der Erkenntnis, daß er sich »nicht länger belügen« dürfe und sein musikalisches Doppelleben beenden müsse.
Räsonierte Gulda: »Trotz der großen Romantiker geht es mit der sogenannten E-Musik seit Beethoven Schritt um Schritt abwärts. Selbst das größte Komponistengenie muß heute versagen, wenn es den unzeitgemäßen Rahmen nicht zu sprengen vermag. Also nützte es nichts, Krenek oder Orff zu spielen.«
Erst im Jazz, fand der in Musikgeschichte dilettierende Pianist, würden die Tugenden der klassischen und vorklassischen Musik wiedererweckt: »Da hört die Nachschöpfung auf. Da werden täglich 500, vielleicht 1000 Werke neuaufgeführt. Da gibt es schöpferische Leistungen, harte Konkurrenz, Hunger, Daseinskampf, soziale Deklassierung. Da liegt keine schützende staatliche Hand über schwachen Leistungen.«
Mitte dieses Jahres entschied sich Gulda endgültig für den Jazz: »Seither weiß
ich, daß ich zwar einer schlechteren Musik als der Beethovens dienen werde, aber auf jeden Fall
werde ich nun einer lebendigen Musik dienen.«
Den Abschied von der besseren Tonkunst und das Bekenntnis zu der Musik, die Gulda für die »lebendige« hält, bekamen unlängst die Berliner zu hören und zu sehen: Mit wenigen Tagen Abstand präsentierte sich der Wiener an der Spree als E-Pianist und Nachwuchsjazzer. Der Vergleich fiel allerdings nicht zugunsten des letzteren aus: Mit Beethoven bewies Gulda einmal mehr seine Pianisten-Meisterschaft, als Mann am Jazzklavier und als Baritonsaxophonist ist er dagegen nur Mittelklasse.
In dem Entschluß, seine E-Karriere abzubrechen, ließ sich Gulda freilich durch die Berliner Erfahrungen ebensowenig beirren wie durch Hinweise auf die beträchtlichen finanziellen Einbußen, mit denen er als Nur -Jazzer zu rechnen hat. Gulda-Manager Cieplik beklagte den Verdienstausfall: »Gulda ist heute so gefragt, daß ich für ihn drei Konzerte täglich abschließen könnte.« Der Wiener »Kurier« rechnete dem Ex -Tastenklassiker vor, daß ihm jährlich 60 000 Dollar an Konzertgagen entgehen würden. Dazu Gulda: »Das ist übertrieben, es sind nur 30 000.«
Immerhin, meint Thunderbird - Fahrer Friedrich Gulda, habe er auch als Jazzmusiker bereits genug gelernt, um seine Familie - die Filmschauspielerin Paola Loew und zwei Kinder - »über die Durststrecke zu bringen«.
* Als E-Musik wird im Musikbranchen -Jargon die ernste, klassische Musik im Unterschied zur U (Unterhaltungs-)Musik bezeichnet.
Beethoven-Pianist Gulda: »Als Mensch des Jazz-Zeitalters...
... nicht länger Museumsdiener« Jazz-Pianist Gulda