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PSYCHOLOGIE Mit Liebe

Amerikanische Psychotherapeuten diskutieren die Frage: Sollen Seelenarzt und Patientin (oder Patient) miteinander ins Bett gehen, wenn es der Heilbehandlung dient?
• aus DER SPIEGEL 40/1971
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

»Aus rein medizinischen Gründen« habe er es getan, beteuerte der weißbärtige »Liebesdoktor« ("Bild") Werner Schütze, 56, aus Bad Boll, dessen unkonventionelle Behandlungsmethoden Anfang dieses Jahres Schlagzeilen machten. Und vor Gericht standen dann seine (Epilepsie-) Patientinnen (Schütze: »Die Kranke zog mich am Bart ins Bett") zu ihm: Nur seine Liebe habe sie geheilt.

Nun wird dem Arzt, der sich zum Heil-Beischlaf bereit fand, nachträglich Unterstützung zuteil. Amerikanische Seelenärzte diskutieren neuerdings öffentlich,

* daß Sexualverkehr zwischen Psychotherapeuten und ihren Patienten keineswegs mehr ganz selten sei, und

* ob er nicht oft sogar zum Heilerfolg beitragen könne.

Vertreten wurden solche Auffassungen Anfang dieses Monats vor den 1800 Teilnehmern einer Konferenz der »Association for Humanistic Psychology« (AHP) in Washington -- die freilich nicht das Establishment der klassischen Psychoanalyse repräsentiert --

Die AHP-Mitglieder, die eher progressive Formen von Gruppen- und Sensitivity-Therapie vertreten und eine »entspanntere Menschlichkeit« zwischen Seelendoktor und Patient befürworten, hatten als Vortragsthema auf ihr Programm gesetzt, was sich eindeutiger nicht mehr umschreiben ließ: »Soll der Psychotherapeut mit seinen Patienten ins Bett gehen, wenn beiden danach zumute ist?«

Referent zu dieser Frage war der New Yorker Psychologe Martin Shepard, 36, zugleich AHP-Vorstandsmitglied, der das Thema schon in einem Buch behandelt hatte, das kurz zuvor erschienen war. Titel: »Behandlung mit Liebe -- Sexuelle Kontakte zwischen Patienten und Psychotherapeuten"*.

Shepards Buch enthält Tonbandprotokolle von elf seiner Patienten, die sexuelle Kontakte mit ihren früheren * Martin Shepard: »The Love Treatment. Verlag Peter H. Wyden. New York; 220 Seiten: 5,95 Dollar.

Therapeuten in allen Einzelheiten schildern. Dabei habe sich gezeigt, so kommmentierte Shepard die Patienten-Berichte, daß für viele die Sex-Behandlung »sehr hilfreich« gewesen sei. Mit Veröffentlichungen und Diskussionen seiner Thesen, so bekundete der New Yorker Psychologe, wolle er nun »das letzte Tabu« durchbrechen, das Psychologen und Psychotherapeuten aufgerichtet haben, »die sich doch sonst rühmen, Licht in alles Dunkle« der menschlichen Seele bringen zu können.

In der Tat galten bislang Sex-Kontakte zwischen Arzt und Patient als unvereinbar mit dem ärztlichen Ehrenkodex. 1915 hatte schon Sigmund Freud gewarnt, Sex in der Praxis zerstöre »die Moral und das Berufsethos« des Seelenarztes.

Konsequent wurde Shepards Versuch, im offiziellen Mitteilungsblatt der amerikanischen Psychiatrie-Gesellschaft. dem »American Journal of Psychiatry«, für sein Buch Reklame zu machen, von der Redaktion abgelehnt. Begründung: Eine Anzeige für dieses Buch »paßt nicht« zum Charakter »der professionellen Fachzeitschrift«.

Gleichwohl bestätigte eine Anzahl angesehener US-Psychologen Shepards These, es komme in den Praxen amerikanischer Psychotherapeuten »öfter zu intimen Kontakten« zwischen Arzt und Patient, »als die meisten Leute annähmen«.

So zitierte Psycho-Avantgardist Shepard (in einem Brief an Kenneth B. Clark, den Präsidenten der Amerikanischen Psychologenvereinigung) die angesehenen Sexualforscher William Masters und Virginia Johnson. In ihre Klinik in St. Louis (US-Staat Missouri), so bestätigt das Psychologen-Paar, sei eine ganze Reihe von Patienten gekommen, die von sexuellen Kontakten mit früheren Therapeuten berichtet hätten.

Begünstigt wird die Diskussion um den Sex in der Praxis zweifellos von neuen Trends der Psychologie, die seit geraumer Zeit nicht nur in den USA, sondern auch in Europa modisch werden. Anstelle der klassischen Psychotherapie, die den Patienten einzeln auf der Couch zu analysieren und zu heilen suchte, werden immer häufiger die Behandlung ganzer Gruppen von Neurotikern, aber auch vorbeugende Psycho-Übungen für Nicht-Kranke angestrebt.

Hüllenlos tanzen und baden etwa die Adepten des sogenannten »Sensitivity-Training«, sie schreien sich an, betasten einander oder beklecksen sich gegenseitig mit Farbe. Derlei skurrile Gruppenspiele sollen, so hoffen die Therapeuten, zu einer »freien Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten« führen.

So war es kein Wunder, daß mögliche Intimbeziehungen zwischen Arzt und Patient von den AHP-Mitgliedern offen und freimütig diskutiert wurden. Der New Yorker Psychologe Albert Ellis etwa -- durch einen Intim-Leitfaden ("Liebe als Kunst") auch deutschen Lesern bekannt -- charakterisierte den Arzt-Patienten-Sex so: »Es ist, als verschreibe man LSD -- es kann gute Wirkungen hervorbringen, aber niemand weiß, ob es nicht manchmal den Patienten auch schrecklichen Schaden zufügt.«

Auch Ellis gestand ein, daß zumindest die Versuchung in der Praxis ziemlich häufig vorkomme auch homosexuelle Kontakte seien nicht selten. Er selber freilich lasse jeweils mindestens ein Jahr nach Behandlungsschluß verstreichen, bevor er vielleicht mit einer ehemaligen Patientin intim werde.

Auch Shepard empfiehlt, die Behandlung abzubrechen, sobald der Therapeut bemerke. »daß der Praxis-Sex den Patienten nervös und ängstlich« mache. Zudem müsse der Psychologe ehrlich gegen sich selbst sein. Keinesfalls dürfe er den Patienten ausnutzen, etwa um seine eigenen sexuellen Frustrationen auszugleichen oder seine neurotischen Bedürfnisse zu befriedigen.

Um derartige Unwägbarkeiten weitgehend auszuschließen und andererseits auch die neuartige Behandlungsmethode mit Sex und Liebe nicht nur auf die Praxis der Sensitivity-Anhänger zu beschränken, wandte sich Shepard Anfang dieses Monats an das Psychologen-Establishment. In einem Brief an den Präsidenten Clark regte er eine »umfassende wissenschaftliche Untersuchung« des heiklen Themas an, Shepard hofft. so möglicherweise Richtlinien herauszufinden, wann Sex in der Psycho-Praxis für den Patienten hilfreich oder schädlich sei.

Die Neigung zu einer derartigen Studie scheint freilich unter den Etablierten nicht sonderlich groß zu sein. Fred Strassburger, Sekretär der US-Psychologenvereinigung, erklärte, die Gesellschaft habe im Augenblick »sehr viel wichtigere soziale Probleme zu erörtern und zu untersuchen, als sich mit einer Angelegenheit zu befassen, über die bislang so wenig bekannt« sei.

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