KUNST Mohawk Apollo
Kolumbus hatte, als er 1492 vor vermeintlich indischer Küste Anker warf, keinen Bildberichter an Bord. Deswegen holte im Jahr darauf ein Florentiner Holzschneider die Schilderung des historischen Landgangs nach.
Bei Ankunft der Entdecker-Karavelle, so sah es der Anonymus, drängen unbekleidete Langhaarträger in palmenbestandener Hügelszenerie beiseite. Von Europa winkt der spanische König Gnade herüber.
Derart von ferne, doch um so schwungvoller, haben Europäer die Neue Welt gern dargestellt. Die Kunstgeschichte des Themas Amerika ist weithin eine Geschichte der Stilisierungen, Vorurteile und Fiktionen.
Kompakt belegt wird sie nunmehr, zum bevorstehenden US-Jubiläum, in der Washingtoner National Gallery. Mit rund 350 Bildern und Skulpturen, Büchern und sogar Möbelstücken nach Art fürstlicher »Wunderkammern« vollgestopft, spiegelt eine Ausstellung, die später noch in Cleveland und Paris gezeigt werden soll, farbig und facettenreich »Die europäische Vision von Amerika«.
Fremd und rätselhaft war auch für Amerikareisende wie den Hessen Hans Staden (1557) diese »Landtschafft der Wilden Nacketen Grimmigen Menschfresser Leuthen«, die staunenswerterweise Gütergemeinschaft und freie Liebe pflegten; jene Gegend, in der Kartoffeln und Sonnenblumen wuchsen, Truthähne, Alligatoren und Gürteltiere hausten.
Gewiß, es fehlte nicht völlig an verläßlichen Augenzeugen wie dem Maler Albert Eckhout, der zuerst 1637 im 46köpfigen Wissenschaftler- und Künstlergefolge des Generalgouverneurs Johann Moritz von Nassau nach (damals) Niederländisch Brasilien reiste. Eine Eingeborene vom kannibalischen Tapuya-Stamm malte er exakt mit ihren sparsamen Accessoires und gab ihr unauffällig ein paar menschliche Extremitäten als Proviant mit.
Zwei Jahrhunderte später brachte der Deutsche Johann Moritz Rugendas, vom Naturforscher Humboldt angespornt, sachliche Landschaftsbilder aus Südamerika nach Hause. Der Schweizer Frank Buchser malte naturgetreue Milieu-Ansichten aus den Vereinigten Staaten.
Den meisten Künstlern aber, zumal den daheimgebliebenen, geriet ihr Amerikabild nach mythischen und literarischen Klischees, als kraus exotischer Orient oder als klassisches Paradies. Bewunderung und Abscheu waren austauschbar: Konnte, schon um 1505, auf einem portugiesischen Anbetungsbild ein heiliger Indianer-König im Federschmuck den Platz des traditionellen Mohren einnehmen, so zeigte sich um die Mitte des Jahrhunderts ein Teufel mit entsprechendem Dekor.
Phantastisch aufgeputzte Amerika-Allegorien posierten auf passenden Reptilien. aber in manche »amerikanische Menagerie« sperrten die Künstler unbedenklich auch Federvieh, ja Elefanten aus der Alten Welt. Immer wieder galt ihnen, so der Brite Hugh Honour, Organisator und Katalog-Autor der Washingtoner Schau, »Amerika als eine Erweiterung Europas«.
Der Franzose Jean-Antoine Houdon reiste, unter den bedeutenden Künstlern eine Ausnahme, 1785 immerhin selbst in die jungen Vereinigten Staaten, um deren führende Köpfe wie Washington und Jefferson in Marmor zu hauen.
Sein König Ludwig XVI. ließ dagegen in heimischer Teppichmanufaktur Gobelins und Sesselbezüge mit prächtigen Sinn-Bildern weben, auf denen die Verflechtungen der internationalen Politik augenfällig wurden: Göttin Fama bekränzt ein Washington-Porträt; Minerva, die Bourbonen-Lilien am Schilde führt, triumphiert über Britannia. Offenbar waren die Textilkunstwerke als Geschenk für den ersten US-Prastdenten gedacht, nur kam König Ludwig. entthront und dann enthauptet, nicht mehr dazu, sie zu verschiffen.
Sonst spielt amerikanische Politik in der (europäischen) Kunst nur eine Nebenrolle, der Siedler-Aufbruch nach Westen kommt kaum vor, die Negerfrage bloß am Rande. Um so lebhafter regte das Schicksal der Indianer klassizistische und romantische Maler-Phantasien an.
Da wacht eine Indianerin in nächtlichem Gewitter bei den Waffen des toten Gemahls, eine andere letzt den kranken Indianerfreund Las Casas mit Muttermilch. Und »Les Natchez«. ein von Eugène Delacroix nach einem Motiv des populären, oft illustrierten Chateaubriand-Romans »Atala« gemaltes Meisterwerk, zeigt ein Indianerpaar, das auf der Flucht vor den Weißen sein Neugeborenes sterben sieht -- heroische Symbole von antikisierender Noblesse.
Der ehrende Vergleich ließ sieh auch umgekehrt ziehen. Als Benjamin West, pennsylvanischer Maler auf Europa-Tour, 1760 vor dem römischen Apollo von Belvedere stand, entfuhr es ihm: »Ganz wie ein junger Mohawk-Krieger!«