KLASSIKER Mordopfer Zola
Wie in einem fernen Nachhall der Dreyfus-Affäre rührt Emile Zola die Geister noch einmal auf. Lange hatten Biografen den Verdacht weitgehend ignoriert. Jetzt, hundert Jahre nach seinem Tod, gilt die These als nahezu gesichert: Zola, flammender Verteidiger des jüdischen Hauptmanns Alfred Dreyfus ("J'accuse"), fiel wohl einem Mordkomplott zum Opfer. Der Romancier, der die gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit ungeschönt beschrieb, starb in der Nacht vom 28. auf den 29. September 1902 in seiner Pariser Wohnung an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung. Ein Unfall, so hieß es: Das Schlafzimmer war nicht gut belüftet, der Kamin schlecht gefegt. Als Erster hatte der Journalist Jean Bedel diese Version bezweifelt. Andere verfolgten die Spur und stießen auf den Namen des mutmaßlichen Mörders: Henri Buronfosse, ein Ofensetzer, der zur rechtsextremen, rabiat antisemitischen »Liga der Patrioten« gehörte. Offenbar hatte Buronfosse Zolas Schornstein fachmännisch mit Ruß und Teer verstopft und den Pfropfen nach vollbrachter Tat unerkannt beseitigt. Die Parteinahme für den zu Unrecht wegen Verrats verurteilten Dreyfus hatte Zola Morddrohungen eingebracht; ein Jahr vor seinem Tod war eine Bombe in der Nähe seiner Wohnung entschärft worden. Die französische Nationalbibliothek zeichnet jetzt zum 100. Todestag Zolas Werdegang in einer großen Ausstellung nach. Auch darin wird der Mord an dem engagierten Schriftsteller als höchst plausible These dargestellt - mögen endgültige Beweise auch nicht mehr zu finden sein.