Mordsweib - DER SPIEGEL
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Filme Mordsweib

»Bandit Queen«. Spielfilm von Shekhar Kapur. Indien/Großbritannien 1994.
• aus DER SPIEGEL 15/1995
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Für ein rostiges Fahrrad und eine Kuh verkauft ein armer Inder seine Tochter an einen Heiratswilligen aus dem Nachbardorf, der eine Arbeitskraft braucht. So wird die elfjährige schmächtige Phoolan Devi vom Spielplatz weg in die Ehe befohlen mit einem Mann, der dreimal so alt ist wie sie und der weltweit verbreiteten männlichen Meinung anhängt, wenn man ein Mädchen nur oft genug vergewaltige, finde es schon Gefallen daran.

Phoolan bleibt störrisch, flieht zurück in ihr Heimatdorf, wo die Ehe-Deserteurin aber nicht Schutz findet, sondern als sexuelles Freiwild gilt, besonders für Burschen aus der reichen Grundbesitzerkaste der Thakurs. Zehn Jahre lang erlebt sie sich als Opfer männlicher Gewalt, die ihr in der Religion, im Kastenwesen wie in der Prügelpraxis der Justiz entgegentritt - dann beginnt sie zurückzuschlagen: Sie schließt sich einer Räuberbande an, um blutige Rache zu üben, besonders an den Thakurs, macht als tollkühne Banditenhauptfrau Karriere und gewinnt als »weiblicher Robin Hood« (SPIEGEL 24/1992) einerseits die Verehrung des verarmten Landvolks, andererseits Medienruhm weit über Indien hinaus.

Der englisch-indische Regisseur Shekhar Kapur, 49, erzählt die Geschichte der »Bandit Queen« Phoolan Devi mit heftiger, zupackender Energie. Er hat in Seema Biswas eine Hauptdarstellerin, deren Qual und Furor bewegt, und er macht aus der dürren, wüst zerklüfteten Landschaft des Tschambal-Tales, wo die Geschichte spielt, eine Szenerie von archaischer Wucht.

Undurchdringlich für den westlichen Blick bleiben manche Detail-Umstände, die etwa mit Blutracheregeln zu tun haben, mit Kastenzwängen, die auch unter Banditen gelten, überhaupt mit dem Brauchtum dieser militärisch kostümierten Räuberbanden, die offenbar die Protektion reicher Thakurs genießen und manchmal auch in deren Sold unbürokratisch Ordnung schaffen.

Für den indischen Blick wiederum ist »Bandit Queen« offenbar ein ganz unindischer Film, in seinen realistischen Kraßheiten nach europäischer Art so ungewohnt und kaum erträglich, daß er wohl nur in Großstädten ein intellektuelles Publikum erreichen wird. Die traditionell indische Kunst nämlich und das Theater haben sich nie für realistische Darstellungsformen interessiert, und deshalb ist auch das gängige indische Kino (das zu den produktivsten der Welt gehört) wie eh und je aus Prinzip unrealistisch: Da wird getanzt und gesungen, und auf Liebende regnen Rosenblätter herab.

Phoolan Devi hat sich 1983, 25jährig, auf der Höhe ihres Ruhms, als 2000 Polizisten auf sie Jagd machten, in einem feierlichen Kapitulationsakt der Justiz übergeben. Ohne Prozeß saß sie elf Jahre im Gefängnis, seit ihrer Entlassung Anfang 1994 strebt sie, nun mit einem reichen Mann verheiratet, als Frauenrechtlerin eine politische Karriere an. Daß ihre Lebensgeschichte viel zu außerordentlich ist, um Glorifizierung zu brauchen, will sie nicht einsehen: Sie findet den Film »Bandit Queen« (der gedreht wurde, während sie noch auf unabsehbare Zeit inhaftiert war, sich aber als Quelle auf eine »Autobiographie« der Analphabetin beruft) abscheulich und hätte ihn am liebsten verbieten lassen.

Wenn man in diesem Film sieht, mit welch opernhaft-sakralem Selbstverständnis Phoolan Devi 1983 auf einer eigens errichteten Bühne ihre Waffenniederlegung vor einem Bild der tigerreitenden Rachegöttin Durga inszeniert hat, begreift man, warum sie den Film ihres Lebens nicht so rüde und schmutzig wie »Bandit Queen« haben will: Er soll durch und durch indisch sein, mit Tanz, Gesang und Rosenregen.

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