Müde Cäsaren - DER SPIEGEL
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GESCHICHTE Müde Cäsaren

Warum ist das Rom der Cäsaren untergegangen? Woher sein Sittenzerfall? Ein englischer Historiker bietet eine neue Erklärung an.
• aus DER SPIEGEL 33/1978
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Um das Jahr 120 nach der Geburt Christi verfaßte in Rom ein hoher kaiserlicher Ministerialbeamter namens Gaius Suetonius Tranquillus einen Text, der seither als das Muster einer höfischen Skandalchronik gilt. Unter dem Titel »De vita Caesarum« beschrieb Sueton die ersten zwölf Caesaren Roms, angefangen von dem am 15. März 44 vor Christus erdolchten Gaius Julius Caesar bis hin zu Domitian, der am 18. September 96 nach Christus von der eigenen Kamarilla gemeuchelt wurde.

Sueton war unter Vespasian (69 bis 79) geboren worden. Unter dem 98 bis 117 regierenden Trajan wurde er kaiserlicher Bibliothekar und unter dessen Nachfolger Hadrian Bürovorsteher im kaiserlichen Sekretariat. Beides waren Positionen, in denen er Zugang zu Geheimakten und intimer Kaiserpost hatte. Seine Freunde nannten ihn dominus scholasticus -- Herr Professor -, aber er war wohl eher ein gelehrter Aktenwurm und Voyeur.

Suetons Text gilt bis heute als ein Hauptbeweis dafür, daß Roms schließlicher Untergang mit dem Sittenverfall seiner Oberschicht begann. Eine hiervon etwas abweichende Interpretation hat jüngst jedoch der britische Althistoriker Michael Grant, 63, versucht. In einem nun auch auf deutsch zu habenden Buch macht er geltend, daß die Cäsaren als Chefs eines Weltreichs einem zermürbenden Streß ausgesetzt gewesen seien, der viele ihrer Entgleisungen erkläre*.

»Roms Cäsaren« ist über weite Strecken eine Nacherzählung Suetons -- was auch bedeutet, daß Grant sich selber die Verteidigung der Cäsaren nicht gerade leicht gemacht hat. Allzu peinlich ist, was Sueton in seinem pornographischen Eifer an Klatsch, Zoten, Anekdoten und Bettgeschichten in den Aktengrüften der kaiserlichen Bürokratie gefunden hat und dann in dem ihm eigenen peniblen Referierstil niederschrieb. Eine schamlos veristische Porträtgalerie der »Herren und Götter«, wie sich die Cäsaren seit Domitian nennen ließen, ist so entstanden.

Geschont wurde dabei niemand. Schon gar nicht die kaiserlichen Monstren Caligula, Nero und Domitian, aber auch nicht der Friedenskaiser und »Vater des Vaterlandes« Augustus. Von dessen merkwürdiger Krankheit ist da die Rede, die ihn, den obersten Kriegsherrn, fast immer auf dem Höhepunkt der Schlachten überfiel -- und von seinem wahllosen Frauenverschleiß. » Es ist doch völlig wurscht, mit welcher Du es treibst«, schrieb ihm Marcus Antonius, anfangs sein Freund, dann sein Todfeind, der schließlich unterlag.

Von Sueton stammen die Geschichten über die Unterwasser-Sexspiele und Deep-throat-Praktiken des kaiserlichen Knabenfreundes Tiberius auf Capri, auch die Anekdoten über den Grimassenschneider Caligula, über die ständig tropfende Nase des Kaisers Claudius und die Morde und Mätressen des Generals Titus, der später seinem Vater Vespasian im Kaiseramt nachfolgte.

Als Grund für die sittliche Zerrüttung der Cäsaren gibt Grant

* deren ständige Furcht vor Verschwörungen und Attentaten an und

* Michael Grant: Roms Cäsaren. Verlag C. H. Beck, München: 400 Seiten; 34 Mark.

** Michael Grant: »Paulus« . Gustav Lübbe Verlag. Bergisch Gladbach: 352 Seiten, 39.80 Mark.

ihre »im Grunde unerträgliche« Arbeitsüberlastung.

Grant steht sogar nicht an, im Zusammenhang mit der Cäsaren-Arbeit auf das amerikanische Präsidentenamt zu verweisen, von dem Woodrow Wilson sagte, daß »kein Mensch mit normaler Konstitution und Begabung« es lebend durchstehen könne.

Grants These klingt so unglaubwürdig nicht. Unter den Cäsaren schwoll die römische Zentralverwaltung zu einem Riesenapparat mit Tausenden von Berufsbeamten« für dessen Lenkung es so gut wie keine Erfahrung gab. Eine »erbärmliche und mühselige Sklaverei« sei das Kaiseramt« stöhnte denn auch Tiberius. Herrschaft nannte er ein »wildes Tier« und das Regieren eine Arbeit, wie wenn man »einen Wolf an den Ohren festhalten« solle. Ein Kaiser müsse »stehend sterben«, sagte Vespasian auf dem Totenbett -- auch das wohl ein echter Seufzer, abzüglich freilich kaiserlichen Selbstmitleids.

Trotz solcher und ähnlicher Zitate bleibt Grants These von den müden und deswegen sittlich anfälligen Cäsaren blaß. ihr mangelt das, was sie erst eigentlich interessant machen könnte, nämlich eine ins einzelne gehende Beschreibung der kaiserlichen Bürokratie, vor allem ihrer Entscheidungswege und der Belastungen der kaiserlichen Zentralperson.

Grant ist Altgeschichtler, emeritierter Professor und wohl der fleißigste und meistgelesene lebende Biograph auf dem Gebiet der antiken Geschichte -- und zwar sowohl im englischen als auch im deutschen Sprachraum. Britische Rezensenten beziffern sein Gesamtwerk auf rund 30 Bücher. In Deutschland vielgerühmt wurden vor allem die Grant-Biographien über Cäsar, Kleopatra und Herodes.

Allerdings wird Grants Produktionstempo neuerdings mehr bestaunt als bewundert. Tatsächlich nimmt es beängstigende Formen an. Kaum daß »Roms Cäsaren« bei C. H. Beck in München heraus war, erschien, wenige Tage später, bei Lübbe in Bergisch Gladbach eine weitere Grant-Novität: eine Biographie des Apostel Paulus**. Die Risiken eines solchen Produktionstempos sind vor allem an »Roms Cäsaren« zu erkennen. Selbst wenn Grant seine Überarbeitungs-These ausführlicher belegt hätte, würde sein Buch immer noch keine ausreichende Vorstellung vom gegenwärtigen Forschungsstand vermitteln.

Zum Beispiel: Hätte nicht Grant, wenn er schon die Frage nach den Gründen des cäsarischen Niedergangs stellte, zumindest erwähnen müssen, daß nach jüngeren deutschen Untersuchungen (von Professor Albert Esser) die ganze julisch-claudische Dynastie, von Cäsar bis Nero, an genuiner Epilepsie litt?

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