Ski-Tourismus Müde Knochen
Als bergauf noch gelaufen wurde und nicht geliftet, brach hangab meist nur der Ski und nicht das Bein. Doch schnelle Bretter und hohe Schuhe, gewalzte Pisten und komfortable Sessellifte machen aus dem weißen Sport zunehmend blutigen Ernst: In dieser Saison werden sich allein in den Alpen nahezu eine Viertelmillion Skifreunde die Beine brechen, einige hundert Brettl-Sportler wird die Neigung zur Schußfahrt gar das Leben kosten.
Die Hoffnung der Alpin-Touristen, teure »Jet«-Stiefel und richtig eingestellte Sicherheitsbindungen seien ein verläßlicher Schutz gegen Hals- und Beinbruch, ist offenbar trügerisch: 31 Prozent aller Sportunfälle ereignen sich mittlerweile beim Skilauf (Fußball: 26 Prozent); jede zweite Verletzung ist schwer (beim Fußball nur jede fünfte) -- die Bruchtendenz ist steigend.
Denn was sich die meist untrainierten Skifreunde beim winterlichen Wochenend- oder 14-Tage-Trip an Lust und Leistung zumuten, überfordert vielfach Leib und Seele: Weil »sich die Belastung im Unterschenkel vervierfacht, wenn der Skifahrer seine Fahrgeschwindigkeit verdoppelt«, so erläutert der Schweizer Physiker Benno Nigg, brechen die Knochen und reißen die Sehnen. »Künstlich geschaffene, hindernisfreie, glatte Fahrbahnen« andererseits verführen, so diagnostiziert Niggs Landsmann Gunter Pilz, Unfallforscher der Eidgenössischen Turn- und Sportschule, »schneehungrige Flachländer« zur »Pistenraserei« und verschaffen ihnen das prickelnde »Gefühl der Angstlust«.
Die Zugereisten sind nach Meinung der Schweizer Skiforscher doppelt gehandikapt: Die Abfahrtsmanie der Skitouristen, von Pilz als »Imponiergehabe« und »sportlicher Exhibitionismus« eingestuft, steht in krassem Widerspruch zu den biodynamischen Eigenschaften ihrer untrainierten Beine. Der Münchner Ski-Chirurg Dr. Ernst Asang: »Es leuchtet ein, daß man einen Knochen nur dann gegen Bruch schützen kann, wenn man zumindest ungefähr weiß, was er aushält.«
Aufs Komma genau wissen neuerdings Unfallforscher, was den menschlichen Knochen bergab an Gewalt widerfährt: In der Zürcher Eidgenössischen Technischen Hochschule tüftelte Ingenieur und Sportsfreund Benno Nigg, 35, eine listenreiche Konstruktion aus, die erstmals exakte Messungen der Belastung am talwärts strebenden Skifahrer gestattet.
Nur jeweils zwei Gramm wiegen die »Beschleunigungstransducer«, winzige Meßwertaufnehmer, die Nigg seinen Freiwilligen möglichst knochennah an Kopf, Hüfte und Schienbein befestigt. Ein elektronischer Winkelmesser bestimmt die jeweilige Beugung des Kniegelenks, und knapp vor der Bindung des Skis rollt auf der Schneeunterlage ein Teflonrad mit Spikes.
So ins Bild gesetzt, empfängt Nigg auf sieben Kanälen die Meßdaten eines Läufers. Sie beweisen, daß bereits bei zahmen Abfahrten der Unterschenkel Erschütterungen ertragen muß, die allemal ein Vielfaches der Fallbeschleunigung G* ausmachen.
Auf Hartschnee, mit dem sich die Touristen im organisierten Ski-Zirkus meist begnügen müssen, wird schon bei 30 Stundenkilometern das Bein mit der Gewalt von 30 bis 40 G gestaucht. Bei 54 Stundenkilometern sind auf einer normalen Piste bis 85 G, auf ausgefahrenen Bahnen gar 110 G gemessen worden. Einhundert Stundenkilometer schließlich belasten den Knochen für Bruchteile von Sekunden mit Erschütterungen von 150 G: Derart harte Stöße kann nach Ansicht des Ärztemagazins »euromed« der »Werkstoff Knochen« langfristig nicht ertragen, er »ermüdet« und bricht.
Die rasch steigende Zahl berstender Schienbeine -- Durchschnittskosten beim komplikationslosen Bruch: drei- bis fünftausend Mark -- geht also offensichtlich nicht nur auf das Konto falsch eingestellter (Sicherheits-)Bindungen. Sie ist vielmehr auch die logische Folge extremer Belastungen. Doch beim Ski-Abfahren, so erläutert das Fachblatt »Der Bergsteiger«, nähmen die Mitglieder der winterlichen Invasionstruppe geduldig Risiken auf sich. die im Alltag als unzumutbar gelten würden. »Bergsteigers« Deutung: »Vorübergehende geistige Umnachtung.«
Der Defekt am Kopf wird nach Meinung aller Sportärzte durch keinerlei Zuwachs an Organkraft kompensiert. Pistenläufe trainieren weder Herz noch Kreislauf -- im Gegenteil. Der Stress und die Angstlust bringen selbst jugendliche Blutpumpen häufig aus dem Rhythmus: Bei jedem dritten Teilnehmer einer Meisterschaft beobachteten die Sportärzte krankhafte Veränderungen der Herzstromkurven.
Das ursprüngliche Urlaubsziel. die »Leistungsfähigkeit zu verbessern und die Sauerstoffaufnahme zu maximieren« ("euromed"), erreicht aus dem Millionenheer jener Sportsfreunde nur noch jene kleine Minderheit, die langläuft oder auch bergauf steigt. Doch Sportarzt Dieter Baron sieht auch sie schon ganz schwinden: »Aus dem Skifahren ist ein Skiabfahren geworden. aus dem Skilauf ein Laufenlassen,« * G = Formelzeichen für die einfache Fall- oder Erdbeschleunigung (9,81 m/sec2).