Johnny Hallyday: Der französische Elvis
Zum Tode Johnny Hallydays Der französische King of Rock
"Le roi est mort" - der König ist tot, mit diesen Wortenverabschiedete das Magazin "L'Obs" den Sänger Johnny Hallyday am Mittwochmorgen, natürlich ganz oben auf der Homepage seines Internetauftritts. In der Nacht hatte Laeticia Hallyday, seine vierte Ehefrau, die Nachricht in anrührenden Worten übermittelt: "Ich schreibe dies, ohne es zu glauben."
C'est Laeticia Hallyday qui a fait part de son décès à l'AFP, par le biais d'un communiqué. pic.twitter.com/xHspL8jjtH
— VANITY FAIR FRANCE (@VanityFairFR) December 6, 2017
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"Der König ist tot" - und das in dem Land, dessen Weltruf geprägt ist von der Revolution, die einen König stürzte! Im öffentlich-rechtlichen Radiosender France-Inter hat man das Programm über den Haufen geworfen, im Studio sind alle Hallyday-Kenner versammelt und diskutieren die Bedeutung des Mannes, den sie alle, wie das ganze Land, nur beim Vornamen nennen: Johnny hier, Johnny da - und am Telefon zugeschaltet ist noch der Kinoexperte, der erzählt, wie Johnny mal in einem italienischen Spaghettiwestern mitspielte - aber auch bei Godard, bien sur.
Ein Lebensstil, der um den Rock'n'Roll kreiste
Die Bedeutung von Johnny Hallyday für Frankreich ist kaum zu überschätzen, natürlich findet auch der Präsident angemessene Worte: "In jedem von uns steckt ein Stück Johnny", twitterte Emmanuel Macron. Und in einem längeren Statement hieß es aus dem Élysée-Palast, Johnny Hallyday habe "einen Teil Amerikas in unser nationales Panthéon hineingebracht." Eine Aussage, die dem Kern dessen, was Johnny Hallyday ausmachte, schon ziemlich nah kommt.
Wie für viele andere Kinder seiner Generation, waren es auch für den 1943 geborenen Jean-Philippe Smet die Musik und der Anblick von Elvis Presley, die alles veränderten. In diesem Falle konkret der Film "Loving You" ("Gold aus heißer Kehle"), den der 14-Jährige sah. Nur drei Jahre später, 1960, hatte Johnny Hallyday seinen ersten großen Auftritt - "Johnny" hatte ihn der Mann seiner Cousine genannt, ein amerikanischer Tänzer mit dem Bühnennamen Lee Hallyday. Johnny Hallyday also sang in der Fernsehshow "L'École des vedettes" zur Akustikgitarre, wackelte mit den Hüften und fiel auf die Knie wie sein Idol. In der nächsten Woche wurden von seiner Debütsingle 100.000 Exemplare verkauft.
Bald schon coverte Hallyday Ricky Nelsons "Teenage Idol" - und mit "L'Idole des Jeunes" war sein Status bestens beschrieben. In Frankreich, wie überall im Westen, fand die Generation der Teenager zu sich selbst. Und um die Musik, den Rock'n'Roll, kreiste ihr Lebensstil.
In Frankreich bekam diese Generation bald schon den Namen "Yéyé" (vom "Yeah Yeah Yeah" der Beatles), das Zentralorgan der "Génération Yéyé" waren die Radiosendung und das Magazin "Salut les Copains" - so hieß auch Hallydays zweites Album; natürlich war er auf dem Cover der ersten Ausgabe der Zeitschrift, die bald eine Millionenauflage erreichte.
Johnny Hallyday: Der französische Elvis
Dass Johnny Hallyday für Auflage sorgte, hatte aber nicht nur mit seinen zahlreichen Hits zu tun, sondern schon in den Sechzigerjahren mit seinem turbulenten Privatleben. 1965 heiratete er die Sängerin und Schauspielerin Sylvie Vartan, Johnny und Sylvie, das Yéyé-Traumpaar, im August 1966 kam ihr Sohn David zur Welt. Doch schon bald darauf wollte sich Vartan von Hallyday trennen. Er unternahm einen Selbstmordversuch, seine Plattenfirma brachte daraufhin die Single "Noir c'est Noir" heraus, ein Riesenhit natürlich. Bald waren Johnny und Sylvie wieder zusammen, die Scheidung kam erst 1980.
Mit der sich zunehmend politisierenden Gegenkultur ab Mitte der Sechzigerjahre konnte Johnny Hallyday nicht viel anfangen, dem langhaarigen und spöttischen Beat-Sänger Antoine sang Johnny ein "Lange Haare, kurzer Verstand" ("Cheveux longs et idées courtes") entgegen. Wie Elvis hatte auch Johnny seinen Militärdienst abgeleistet (wie Elvis in Deutschland, 1964 in Offenburg). Und die Pariser Aufstände im Mai 1968 überraschten Hallyday in Saint-Tropez, er hielt sich raus, gab sich unpolitisch.
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Diese Ablehnung mag seiner Karriere auf lange Sicht sogar dienlich gewesen sein, so blieb das einstige Jugendidol im Mainstream der Gesellschaft verankert. Unter Pariser Intellektuellen galt Johnny Hallyday lange als Opportunist, als Mann von Gestern, doch zähneknirschend gestand man, wie Christophe Conte vom Magazin "Les Inrockuptibles" etwa, ein: "Johnny, er ist eben doch der Größte von allen."
Den Franzosen über die Jahre ans Herz gewachsen
Er kultivierte das Rocker-Image, mit Lederjacke und Harley, aber viele seiner größten Hits waren Balladen, "Que je t'aime" von 1969 oder "Marie" von 2002 zählen zu den kommerziell erfolgreichsten. Mit dem Lied "Quelque chose de Tennessee" gelang es Johnny Hallyday 1985, seine musikalische Verwurzelung im Blues und Rock'n'Roll besonders eindrucksvoll mit der französischen Pop- und Chanson-Tradition zu verbinden.
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"Ma gueule" hieß ein anderer, rockigerer Hit von Johnny Hallyday, "meine Fresse". Man kannte seine Fresse, und er redete, wie ihm der Schnabel gewachsen war: So erklärt sich vielleicht, warum Johnny Hallyday den Franzosen über all die Jahre so sehr ans Herz gewachsen ist. So sehr, dass sie ihm Berichte über Drogen, Steuerflucht und - auch das gehört zu Hallydays Biografie, auch wenn derzeit die Hymnen überwiegen - den Vorwurf einer Vergewaltigung offenbar verziehen.
Bis zuletzt füllte Johnny Hallyday die größten Stadien Frankreichs, zu seinen Auftritten vor dem Eiffelturm in Paris kamen Hunderttausende. Geschätzt 110 Millionen Schallplatten wurden von ihm verkauft. 2009 wurde ein kalifornischer Arzt in die Hauptnachrichten des französischen Fernsehens geschaltet, um zu erklären, warum man Johnny Hallyday in ein künstliches Koma versetzt habe (Komplikationen bei einer Bandscheibenoperation). Danach ging er wieder auf Tour, bis ihn am Ende doch eine Lungenkrebserkrankung stoppte.
In ihrem Abschiedsstatement schrieb Laeticia Hallyday: "Er war ein außergewöhnlicher Mann. Er wird es mit Ihrer Hilfe bleiben. Vergessen Sie ihn nicht." In Frankreich (und darüber hinaus) wird man dieser Bitte sicher folgen.