Abgehört 2002 Die wichtigsten CDs des Jahres
The Libertines - "Up The Bracket"
(Rough Trade/Sanctuary
Neben all den berechtigten Lorbeeren, die das Quartett aus London berechtigterweise einheimsen konnte, waren sie doch auch vor überall lauerndem Unbill nicht gefeit: Das schlichtweg furiose, von Mick Jones (The Clash) produzierte Debüt "Up The Bracket", dem wahnwitzige 33-Minuten-Konzerte folgen sollten, wurde gerne mal mit Garagenrock verwechselt und von Berufsskeptikern, die den Strokes aus "Hype"-Gründen heute noch nicht über den Weg trauen, missbilligt. Geradezu tölpelhaft der Einwand, die Libertines kämen "zur falschen Zeit" und wären etwa nur deswegen von Rough Trade unter Vertrag genommen worden, weil's nach Proberaum klingt oder ihr Bandname mit einem "The" beginnt. Um es kurz zu machen: Die Musikzeitschriften von der Insel feierten The Libertines zu Recht, denn auf "Up The Bracket" wimmelt es nur so von aufregendem, hedonistischem und angemessen gefährlichem Krach-Pop, in dem die sehr jungen Songschreiber Peter Doherty und Carlos Barat nur das Beste vom Besten zitieren, ohne in den Verdacht des Kopistentums zu geraten: "Horrorshow" rumpelt wie einst die Buzzcocks, "Boys In The Band" belehnte Beatles und Kinks, die Gitarren von "Tell The King" erinnerten an die unsterblichen Smiths.
Jan Wigger
The Libertines: Die Bengel aus der Brit-Garage
The Libertines - offizielle Website mit Audiofiles
Herbert Grönemeyer - "Mensch"
(Grönland/EMI)
Eigentlich hätte diesen Platz auch das selbstbetitelte Album der Hamburger Rocker Tocotronic einnehmen können, doch das wichtigste deutsche Album stammt nun doch von ihm: Herbert Grönemeyer. Was für ein Comeback! Irgendwann im Sommer war es, als man die Single "Mensch" erstmals im Radio hörte. Befangen war man ob der für "Herbie" ungewöhnlichen Klänge, einen Hit wollte man nicht vermuten. Doch dann kam die Flut und spülte "Mensch" auf den Wogen solidarischer Emotionen in die Charts. Das wenig später folgende Album präsentierte einen besonnen-besinnlichen Grönemeyer, der es für sich vermocht hat, Melancholie in Kraft, Trauer in Energie umzusetzen. Diese Seelen-Labsal dankte ihm das Volk bei "Wetten, dass...?" nach einer rührenden Aufführung seiner Ballade "Der Weg" mit standing ovations. Sollten wir in diesen politikverdrossenen Tagen eine moralischen Halt gebraucht haben - Der bescheidene Bochumer hat sie uns mit seinen einfühlsamen Lieder gegeben. Deutschland einig Tränenflut.
Andreas Borcholte
Herbert Grönemeyer - offizielle Website
Spoon - "Kill The Moonlight"
(12 XU/Zomba)
Leichtfertig außer Acht gelassene Musiker gibt es unzählbar viele - in diesem Jahr waren der wackere Texaner Britt Daniel und seine Band Spoon die strahlendsten Verlierer. Der entwaffnenden und natürlich kaum
gewürdigten Pop-Brillanz von "Girls Can Tell" (2001) ließen Spoon mit "Kill The Moonlight" gleich ein weiteres Meisterstück folgen. Die Intelligenz und Lässigkeit, mit der Britt Daniel Kinks-Verehrer zum Staunen brachte ("The Way We Get By") und zu blitzsauberem Indie-Rock ("Jonathon Fisk") Schulzeit-Dramen aufarbeitete, war ohne Beispiel. "The big innovation on the minimum wage/ Is lines up your nose but you're life on the page/ So c'mon tell me I'm wrong", analysierte der große Eklektiker klarsichtig im elektrisierenden "Small Stakes". Nicht nur deshalb gab es 2002 keine schlauere und zwingendere Platte als "Kill The Moonlight".
Jan Wigger
Spoon - offizielle Website mit MP3-Files
Paul Weller - "Illumination"
(Independiente/Sony Music)
Sicher, wenn man über britischen Rock im Jahre 2002 nachdenkt, fallen einem viele erwähnenswerte Namen ein: Doves, Coldplay, Archive, Cooper Temple Clause und natürlich Oasis. Doch nur einem ist es tatsächlich gelungen, ein charaktervolles Album zu veröffentlichen. Eine dieser seltenen Platten, die man nach Monaten noch einmal aus dem Regal zieht, um dann jeden einzelnen Song noch einmal neu zu entdecken. Paul Weller, ewiger Mod und Britpop-Pate, näherte sich mit "Illumination" einer Qualität, die zuletzt auf seinen Meisterwerken "Wild Wood" (1993) und "Stanley Road" (1995) zu hören war: Luftiger Northern Soul paarte sich erneut kongenial mit erdigem Bluesrock, filigrane Balladen rieben sich an stampfenden R&B-Hymnen wie "Call Me No. 5". Hernach zog Pop-Veteran Weller auf seine alljährliche Tournee und begeisterte mit einer Vitalität und Spielfreude, von der jüngere Vertreter des Inselrocks nur träumen dürfen. Mit 44 Jahren und leicht ergrautem Haar wird Weller zum modernen Klassiker. Gut, dass es ihn gibt.
Andreas Borcholte
Paul Weller - offizielle Website
Nada Surf - "Let Go"
(Labels/Virgin/EMI)
"We'll go on vacation tonight/ Under a sun of neon light/ And I almost love this town when I'm by your side", schwelgte Nada Surf-Sänger Matthew Caws und nannte den schönsten Song, den er jemals geschrieben hatte, nach der Biersorte "Killian's Red". Um die letzten fünf Minuten, in denen man sich in einer Beziehung noch wohlfühlt, ging es dort, um ähnliche Angelegenheiten auf den anderen Stücken des leisen Gitarren-Pop-Triumphs "Let Go". Caws hätte genauso gut über die Stumpfsinnigkeit von Label-Bossen singen können, jene, die vor vier Jahren das wundervolle Album "The Proximity Effect" absaufen ließen und ein Weiterkommen von Nada Surf systematisch zu verhindern wussten. Mit neuer Plattenfirma im Rücken geriet "Let Go" zum missing link zwischen Gitarren-Pop ("Happy Kid") und Singer/Songwriter-Innerlichkeit ("Paper Boats"). So melancholisch-zweifelnd das Album, so fulminant war die Rückkehr auf ausverkaufte deutsche Bühnen. Ebenso erfreulich: Die Leute, die nach dem Mini-Hit "Popular" gierten, waren kollektiv zu Hause geblieben.
Jan Wigger
Nada Surf - eigene Homepage der Band
Ihr Favorit war noch nicht dabei? Am nächsten Montag gibt's die restlichen fünf CDs des Jahres...