Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Lee Hazlewood - "For Every Solution There's A Problem"/"Total Lee - The
Songs Of Lee Hazlewood"
(Labels/Virgin/EMI)
"That guy's old", hätten Beavis & Butthead gewitzelt, wenn sie dem großen und bald 73-jährigen Lee Hazlewood dieser Tage gegenübergesessen hätten. Dabei hat Hazlewood in den letzten Monaten Stücke wie das grabeskalte "Dirtnap Stories" geschrieben, das ihn als Seelenverwandten von Leonard Cohen und Johnny Cash ausweist. Einiges auf "For Every Solution There's A Problem" ist so neu nicht, entfaltet aber in der jeweils abgespeckten, orchesterlosen Version einen ganz neuen Reiz. Auf dem Tribute-Album "Total Lee - The Songs Of Lee Hazlewood" versuchen sich unter anderem Jarvis Cocker, Lambchop und die Tindersticks am Material des Altmeisters: Erfreulich, dass weder die Webb Brothers an "Some Velvet Morning" noch Calexico an "Sundown, Sundown" scheitern. An "These Boots Are Made For Walking" hat sich ja gar nicht erst jemand rangetraut.
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The Libertines - "What A Waster" (EP)
(Rough Trade/Sanctuary)
Die ersten 30 Sekunden der Demo-Version von "The Modern Age" sollen dem Rough-Trade-Chef Geoff Travis Grund genug gewesen sein, die Strokes vom Fleck weg für sein verdientes Label unter Vertrag zu nehmen. Da ihn sein beneidenswertes Gespür auch diesmal ganz und gar nicht getrogen hat, wird an dieser Stelle erstmals ein kleines Format besprochen. Dem Londoner Quartett The Libertines reichen drei Stücke und knappe sieben Minuten für die aufregendsten Rocksongs seit "Is This It". "What A Waster" grüßt mit bestechender Melodieführung die Mod-Urväter The Jam, "I Get Along" ist haltlos und fiebrig wie Iggy And The Stooges auf "Raw Power" und "Mayday" ein feiner Rausschmeißer in Höchstgeschwindigkeit. Während die Plattenfirma trotz Textinhalten wie "fuck", "pissing" und "cunt" ("What A Waster") auf den Charteinstieg in England hofft, liegt man sich bei der britischen Musikbibel "New Musical Express" ob des zu erwartenden Hypes sicher schon in den Armen. Trotz des frühen Zeitpunkts: die Single des Jahres, nicht weniger.
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Belle & Sebastian - "Storytelling"
(Jeepster/EFA)
Wer "Welcome To The Dollhouse" und "Happiness", die bisherigen Regiearbeiten des Sonderlings Todd Solondz gesehen hat, vergisst sie in der Regel nicht mehr. Der Blick fürs Tragikomische und Groteske dürfte auch seinen neuen Film "Storytelling" auszeichnen, die scheuen Traumtänzer von Belle & Sebastian liefern den Soundtrack. Wer sich nach den letzten, ausgezeichneten EPs der Schotten ein reguläres Studio-Album gewünscht hat, mag eine leise Enttäuschung zwar nicht verbergen können, Grund zur Gram besteht aber nicht: Das Titelstück sowie "Black And White Unite" sind gewohnt starke Kompositionen, auch ein zugegebenermaßen am Rande des Kitschs balancierendes Instrumental wie "Fiction" rührt das Herz. Nur Nörgler werden auf die eingestreuten Filmdialoge und kurzen Zwischenspiele schimpfen - die stören zwar den Fluss der Platte, gehören aber zum unter dem Strich gelungenen Gesamtkonzept.
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Eminem - " The Eminem Show"
(Aftermath/Motor/Universal Music)
Von der erschlagenden Textmenge der 20 Tracks mal abgesehen, ist auch die dritte Eminem-Platte wieder so lang geworden, dass man sie wohl kaum in einem Rutsch durchhören kann, ohne dass zwischendurch das Telefon klingelt. Musikalisch wie gewohnt über jeden Zweifel erhaben, funktioniert "The Eminem Show" stellenweise sogar als Rock-Album: Das etwas bemühte "Sing For The Moment" wurde mit Aerosmiths "Dream On" unterlegt und "Till' I Collapse" zitiert "We Will Rock You" von Queen. Neben grimmigen Abrechnungen wie "White America" gibt es wieder neue Nachrichten an die böse Mutter: Im eher getragenen "Cleaning Out My Closet" fährt Marshall Mathers III schwere Geschütze auf: "But how dare you try to take what you
didn't help me to get, you selfish bitch/ I hope you fuckin' burn in hell for this shit." Eminems bislang düsterstes Album - nur leider nicht sein bestes. Und Angst haben wir vor ihm schon lange nicht mehr.
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Doves - "The Last Broadcast"
(EMI)
Es soll ja tatsächlich Leute geben, die das vortreffliche Coldplay-Debüt "Parachutes" als streng kalkuliert und larmoyant missverstanden haben. Für jene könnten nun die Doves aus Manchester die herzlich willkommene Alternative sein: War "Lost Souls" vor zwei Jahren trotz einer Menge guter Ansätze noch etwas unausgereift, bleibt das Niveau des UK-No.1-Albums "The Last Broadcast" bis zum furiosen Abschluss "Caught By The River" gleichbleibend hoch. Im weitesten Sinne spielen Jimi Goodwin und die Zwillingsbrüder Williams sphärischen Brit-Pop - das allerdings mit Raffinesse und Geschichtsbewusstsein: "Words" erinnert an die Stone Roses und Ride, anderes gar an Pink Floyd, die ja in letzter Zeit wieder öfter als Referenz ins Feld geführt werden. Auch Skizzen wie "M62 Song" sind schlüssig und bewegend. Scheint so, als hätten die Doves diesmal wirklich alles richtig gemacht.
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