Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Sophie Ellis Bextor - "Read My Lips"
(Zeitgeist/Polydor/Universal Music)
Es ist eigentlich kaum noch nötig, zu erwähnen, dass Miss Bextors laszive Stimme erstmals vor zwei Jahren einer größeren Öffentlichkeit zugeführt wurde. Spillers Italo-Dance-Single "Groovejet" machte die dunkelhaarige Britin über Nacht zur Szene-Persönlichkeit, jetzt will das Sternchen mit seinem ersten Solo-Album zeigen, dass es auch zum Star taugt. Mit der auch in Deutschland erfolgreichen Single "Murder On The Dancefloor" ließ sich das Projekt schon mal nicht schlecht an, und auch der Rest von "Read My Lips" birgt noch einige Überraschungen, die man von einer normalen Pop-Newcomerin dieser Tage nicht erwartet hätte. Auch wenn die konsequente Anlehnung an trendige Achtziger-Jahre-Sounds und -Klischees auf die Dauer eines ganzen Albums etwas nervt, so ist doch zu merken, dass Sophie Ellis Bextor beileibe keine jener gut aussehenden, aber talentlosen Industrie-Marionetten ist. "Sophisticated Pop" nennt sie selbst ihre Spielart eingängiger, tanzbarer Populärmusik. Wenn damit ihre zuweilen lustvoll-ironischen Texte gemeint sind, oder der durch jeden Song wirkende Charme des "very" britischen Stils und Humors, dann sollte hier vermerkt werden, dass die Musikwelt nun wohl tatsächlich um eine charismatische und eigenwillige Pop-Prinzessin reicher ist. Andreas Borcholte
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Sophie Ellis-Bextor: Sehr zart, sehr zickig
Sonic Youth - "Murray Street"
(Geffen/Motor/Universal Music)
Etwas schade ist es ja schon: Ohne Not wurde beinahe jedes neue Lebenszeichen der New Yorker Gitarren-Legende nach "Dirty" (1992) mit dem Zusatz "eine weitere Sonic Youth-Platte" versehen. Dabei gaben uns die nunmehr um den genialischen Jim O'Rourke erweiterten Noise-Ästheten auch in den letzten zehn Jahren wenig Grund, an ihrer Relevanz zu zweifeln. Diesmal also "Murray Street", ein im positivsten Sinne abgeklärtes und leichtfüßiges Spätwerk, dessen elfminütiges Zentrum "Karen Revisited" nicht eine Sekunde zu lang ist. Kim Gordon, die in der jüngeren Vergangenheit so wundervolle Stücke wie "Skink", "Heather Angel" oder "Drunken Butterfly" sang, bestreitet hier die beiden letzten von sieben traumwandlerisch gut funktionierenden Stücken. Pur-Sänger Hartmut Engler, der sich "Murray Street" eher nicht kauft, würde wohl sagen: "Immer noch da!". Wir sollten froh darüber sein.
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Tocotronic - "Tocotronic"
(L'age D'or/Zomba)
Viel, sehr viel, ist bereits über das sechste, ungewöhnlichste und möglicherweise beste Album von Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank gesagt und geschrieben worden: Eins zu eins sei jetzt vorbei, die 13 Stücke seien "einfach schön", man halte einen Direkteinstieg unter die ersten drei Plätze der deutschen Album-Charts für möglich, man verstehe nicht mehr, worum es in den Texten gehe, die Trainingsjacken seien nun endgültig im Container der Heilsarmee gelandet, noch so ein meisterhaft produziertes Pop-Album und Tocotronic seien bald die deutschen Prefab Sprout. Das mit Prefab Sprout ist natürlich übertrieben, all die Titelstorys dieser Tage aber berechtigt: Wie das heute so weit entfernt scheinende, stürmische und unbehauene Debüt "Digital ist besser" (1995) ist auch "Tocotronic" ein Album, das es in dieser Form in Deutschland noch nicht gegeben hat. Die dringlichste Frage bleibt die selbe wie schon nach "K.O.O.K" (1999): Was eigentlich kann jetzt noch kommen?
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Interview mit Tocotronic: "Wie man das jetzt nennt, ist nicht so wichtig"
Korn - "Untouchables"
(Epic/Sony Music)
Das sollte man ja ruhig mal zugeben: Die beiden ersten Alben des professionellen Irren Jonathan Davis und seiner Band Korn haben nicht nur Maßstäbe gesetzt und in Folge dessen zu einer nahezu unerträglich großen Anzahl von unbegabten Nacheiferern geführt, sondern boten neben guten Songs auch genügend Stoff zur Legendenbildung: Davis hatte (und hat) einen bösen Stiefvater, eine prima Adidas-Trainingsjacke (blau oder rosa mit Glitter), röchelte und atmete schwer, entdeckte Prozac und schlug im Fade-Out des mächtigen "Ball Tongue" mit einer Eisenstange alles kurz und klein. Auch Bandkollegen und Produzent waren um Authentizität bemüht und ließen schon mal unbemerkt das Band weiterlaufen, um einen minutenlangen Heulkrampf von
Davis für die Nachwelt zu konservieren. Heute hat der Weirdo so viel Kohle, dass er sich seine Probleme erst mal ausdenken muss. Bei "Untouchables", der fünften Platte, fragt man sich höchstens noch: Wie fett kann der Bass noch werden? Und: Wie tief man ihn noch stimmen? Die real gefühlte Wut von früher, sie klingt schon länger verwässert und schematisiert, auch textlich haben Korn nichts neues zu erzählen: Die alte Leier eben. "Hollow Life" und "Alone I Break" überraschen positiv, davon abgesehen beherrscht das Quintett die Kunst des Selbstzitats mittlerweile perfekt. Auf die Dauer ist das zu wenig.
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David Bowie - "Heathen"
(Columbia/Sony Music)
Das neue Bowie-Album: Für einige sicher ein willkommener Anlass, mal wieder die abgedroschene Metapher vom "musikalischen Chamäleon" aus dem Phrasenschrank zu holen. Was diesmal jedoch etwas unpassend wäre: Auf "Heathen" setzt David Bowie seine 1999 mit "Hours..." eingeläutete Heimkehr in beeindruckender Art und Weise fort. Gut für uns: Sowohl die Drum'n'Bass- als auch die Industrial-Phase scheint Bowie endgültig überwunden zu haben, auch ist ein Totalausfall vom Schlage "Never Let Me Down" oder "Black Tie White Noise" längst nicht mehr in Sicht. Im Gegenteil: "Heathen" beginnt fast so majestätisch wie Scott Walkers "Tilt"-Testballon "Climate Of Hunter" - nur die Kuhglocken fehlen. Dafür gibt es Coverversionen von Neil
Young und den Pixies, Dave Grohl und Pete Townshend beehren den Meister an der Lead Guitar. Dieser Mann fällt kein zweites Mal vom Himmel.
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