Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Don Lennon - "Downtown"
(Secretly Canadian/Cargo)
Ob der Name wohl echt ist? Für das Cover der allerersten Don-Lennon-Platte, die kaum jemand kennen dürfte, hatte sich der Songschreiber aus Boston zumindest das schlohweiße Konfirmandenhemd und die geschmacklose Krawatte nur geliehen und schaute noch etwas unentschlossen. Die volltönende Stimme Morrisseys, das gewinnende Wesen Jonathan Richmans und der Witz von Ben Folds machen "Downtown", die Dritte, zu Lennons bislang unwiderstehlichstem Album. Gleich zwei Mal werden die Konsensrocker der Dave Matthews Band aufs Korn genommen, im großartigen "Lenny Kravitz And Lisbon" warnt Lennon vorsichtshalber eine ganze Stadt vor dem einfältigen Hendrix-Kopisten: "No more copys of his Greatest Hits, they're all sold out in a single day/ Lenny asks a simple question: Baby, are you gonna go my way/ Hey Lisbon, hear my warning, Lenny's here tonight and he's twelve feet tall." Vielleicht die einzige Pop-Platte, die Woody Allen gefallen würde.
Wyclef Jean - "Masquerade"
(Columbia/Sony Music)
Bemerkenswert an dem Ex-Fugee Wyclef Jean ist, dass man ihn einfach nicht hassen kann. Dabei liefert er selbst immer wieder genügend Gründe: Die Verhackstückelung von Pink Floyds "Wish You Were Here" zum Beispiel oder seine gefällige Kollaboration mit Mick Jagger. Aber vergebens: Wyclef schafft es - mit feistem Grinsen und gewinnenden Grooves -, immer wieder von sich zu überzeugen und integer zu bleiben. So findet der viel befürchtete Ausverkauf des HipHoppers auch auf "Masquerade" nicht statt. Auf der Kommerz-Seite notiert Jean Neuauflagen des Tom-Jones-Klassikers "What's New Pussycat" und des Dylan-Krachers "Knockin' On Heaven's Door", wobei er in letzterem zum politisch korrekten Teil des Albums überleitet: der Verarbeitung des 11. Septembers. In Jeans "Knockin'"-Version werden nicht nur die in den vergangenen Jahren gestorbenen Rapper gewürdigt, sondern auch die Opfer des Anschlags auf das New Yorker WTC. Die Welt spielt verrückt, konstatiert der ehemalige Haiti-Flüchtling und plädiert in "War No More" für den weltweiten Frieden. Das kann man blöd finden, vielleicht sogar abgedroschen. Dennoch (siehe oben) kann man sich diesem blendendem Zirkus aus Reggae, Pop und HipHop einfach nicht entziehen. Andreas Borcholte
Wyclef Jean - offizielle deutsche Website mit Video und Soundfiles
Wyclef Jean - offizielle Website mit Audiofiles und Video
Guided By Voices - "Universal Truths And Cycles"
(Matador/Zomba)
Es gibt da ein paar Menschen, die halten Guided By Voices im allgemeinen und Robert Pollard im Speziellen für die unterbewertetsten Geschöpfe auf der ganzen Welt. Wer schon einmal seine Tage damit verbracht hat, über unwirklich schönen Songsammlungen wie "Vampire On Titus" oder "Bee Thousand" zu brüten, weiß: Da ist was dran. Mit "Universal Truths And Cycles" ist Pollard, der damals Lehrer geworden ist, um genug Freizeit für betrunkene, mitternächtliche Vierspur-Aufnahmen zu haben, wieder zum honorigen Indie-Label Matador zurück gekehrt. Mit Erfolg: Viele der 19 neuen Stücke können es mit früheren Geniestreichen wie "Hold On Hope" oder "The Official Ironman Rally Song" aufnehmen. Zudem wird ordentlich gerockt und auch die einminütigen Skizzen, die immer im besten Moment abbrechen und von denen man sich eigentlich schon verabschiedet hatte, sind wieder mit dabei. Mit einem Wort: Klassisch.
Guided By Voices - offizielle Website mit Audiofiles
Guided By Voices - Homepage bei Matador Records (mit Soundfiles)
Soundtrack - "Spider-Man"
(Columbia/Sony Music)
Der größte Blockbuster des Jahres sollte auch über einen Bestseller-Soundtrack verfügen - so jedenfalls haben es Marketing-Strategen am liebsten. Der "Spider-Man"-Soundtrack, wohlgemerkt nicht der Original-Score, sondern ein Album voller Musik "from and inspired by the movie", ist geradezu prädestiniert, diesen Vorgaben Rechnung zu tragen - wenn auch vor allem in seinem Mutterland USA. Immerhin aber ist die von Nickelback-Sänger Chad Kroeger und Josey Scott vorgetragene Hymne "Hero" auch bei uns schon ein Hit. Und auch das von Aerosmith recht launig hingerotzte "Theme From Spider-Man" hat hierzulande gute Chancen. Der Rest des Albums ist jedoch kaum mehr als eine Leistungsschau der momentan angesagten und aufkommenden Mainstream-Rocker Amerikas: Sum 41 dürfen ebenso beitragen wie Alien Ant Farm und die eigentlich schon vergessenen Black Lab, dazu gibt's ein paar Newcomer mit nichtssagenden Namen wie Bleu, Greenwheel oder Default. Das alles könnte also in einer Riesenenttäuschung enden, wenn es nicht noch ein paar Highlights von den Strokes, den Hives und dem ehemaligen Alice-in-Chains-Gitarristen Jery Cantrell gäbe. Diese Perlen machen den Kohl zwar nicht fett, aber zumindest nahrhaft.
Andreas Borcholte
"Spider-Man"-Soundtrack - deutsche Homepage mit Multimedia
"Spider-Man"-Soundtrack - offizielle Homepage bei Columbia Records (mit Multimedia)
"Spider-Man": Held mit Herz
"Spider-Man"-Fotostrecke: Klettern, küssen, kleben
Mark Olson And The Creekdippers - "December's Child"
(Glitterhouse Records/Indigo)
Wer "Hollywood Town Hall", das schönste Album der Jayhawks, besitzt, hat eigentlich schon ausgesorgt. Aber würden wir uns jemals gegen neues Material von Aussteiger Mark Olson sträuben? Nein, das würden wir nicht. Ein mancher mag Nicky Hopkins, der "Hollywood Town Hall" mit seinem Tastenspiel veredelte, vermissen. Dafür sind auf "December's Child" Olsons Ehefrau Victoria Williams und sogar sein alter Jayhawks-Weggefährte Gary Louris (Golden Smog) mit dabei. Der warmherzige Country-Folk Olsons
ist immer noch beruhigend wie berührend, man sieht die kahlen Landstriche und die Trailerparks mühelos vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Auch gut: Den doch etwas an den Nerven zerrenden Blues-Versuch "One Eyed Black Dog Moses" hat der Mann aus Minneapolis klugerweise ganz am Ende von "December's Child" versteckt.
Mark Olson - Homepage bei Glitterhouse Records mit Soundfiles