Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Paul Weller - "Illumination"
(Independiente / Sony)
Glänzend war bereits das im vergangenen Jahr erschienene Live-Akustik-Dokument "Days Of Speed": In Höchstform gab Paul Weller einige seiner schönsten Solo-Kompositionen und den ein oder anderen Gassenhauer seiner ehemaligen Bands The Jam und The Style Council zum Besten. Man hätte bereits erahnen können, was mit dem nächsten Studioalbum auf uns zukommt: Nämlich der definitiv beste Weller seit "Wild Wood" (1993). Den galligen Blues "A Bullet For Everyone" kontrastiert Paul mit "Who Brings Joy", einer behutsamen Ode an die Tochter: "I just want so much to be here for you / you my darling, who brings so much joy". Berührt beobachtet Weller den ziellosen "Bag Man" ("I'm looking for something / something's looking for me / I don't know what it is") und zelebriert im mustergültigen "Leafy Mysteries" Songwriting wie aus dem Lehrbuch (dem eigenen natürlich). Unter den Gästen befinden sich Noel Gallagher und leider auch Stereophonics-Reibeisen Kelly Jones, der glücklicherweise nur ein einziges, das schwächste Stück ("Call Me No.5") zersingen darf. "Illumination" ist ein hervorragendes Album voller Herzblut und Empathie geworden. Und sollten sie demnächst Sachen lesen wie "Hier hat jemand zu sich selbst gefunden" oder "Weller, der Erleuchtete", schmunzeln sie einfach und legen die Platte noch mal auf.
Paul Weller - offizielle Website
Superdrag - "Last Call For Vitriol"
(Ryko / Zomba)
"The Staggering Genius" heißt ein Song auf "Last Call For Vitriol", der neuen LP von Superdrag. Das passt ganz gut, denn trotz ihrer feinen Mixtur aus vehementem Rock, Sixties-Pop und seltsamen Hüten ist das Quartett aus Knoxville bislang noch eine Band für Kritiker geblieben. Guided By Voices-Chef Bob Pollard, ein Genie, das zwischen zwei Gläsern Bier vier Songs schreibt, gastiert auf "Baby Goes To 11", doch es ist vor allem "Remain Yer Strange", das Superdrag als waschechte Fans von Guided By Voices ausweist. Ansonsten geistern - logischer Weise - die Beatles ("Her Melancholy Tune"), Paul Westerbergs Replacements und Weezer durch die zwölf runden Songs. "Even if I can't be proud / at least I'm gonna try" muntert Sänger John Davis sich in "So Insincere" selbst auf. Auch ein Weg.
Various Artists - "20 Years Of Dischord"
(Dischord / EFA)
Jedem auch nur oberflächlich an Punk und Hardcore interessierten Menschen dürfte das Washingtoner Dischord-Label ein Begriff sein: Ian MacKaye, heute bei Fugazi, damals bei den Teen Idles und Minor Threat, gründete die Anlaufstelle für innovative Kräfte aus der eigenen Stadt im Jahr 1980. Dem immensen Arbeitsaufwand ist das nun etwas zu späte Erscheinen der erwartungsgemäß prächtigen Werkschau "20 Years Of Dischord" geschuldet. Zum 134seitigen, essentiellen Booklet gibt es 74 Stücke (rund ein Drittel davon rar oder noch gänzlich unveröffentlicht) auf 3 CDs im opulenten Box-Set. Mit dabei: Minor Threat, Nation Of Ulysses, Jawbox, Fugazi, Gray Matter, Shudder To Think, The Make-Up sowie alle anderen Formationen, die jemals bei "Dischord" unter Vertrag standen. Wäre das Wort nicht so abgegriffen, man müsste glatt "Fundgrube" dazu sagen. Look back and laugh.
The Posies - "Success" + "Nice Cheekbones And A Ph.D."
(Houston Party Records/ Strangeways)
Sogar Chelsea Clinton soll sich ja kürzlich als große Verehrerin der Posies geoutet haben. Was freilich auch nichts daran ändert, dass man den jubilierenden Gitarren-Pop der Band aus Seattle trotz Insider-Klassikern wie "Frosting On The Beater" hier zu Lande kaum zu schätzen weiß. Gerade erst hat Posies-Sänger Ken Stringfellow, der immerhin als Teilzeitkraft mit R.E.M durch die Lande zieht, mit "Touched" ein wunderbares Solo-Album herausgebracht, nun werden mit "Success" und der Akustik-EP "Nice Cheekbones And A Ph.D." (wirklich ein sehr verkaufsträchtiger Titel!) zwei fast vergessene Posies-Schätze auf einer CD neu herausgebracht. Wer Jellyfish, Big Star oder Teenage Fanclub liebt, dürfte mit den Posies kaum Probleme bekommen. Spaß macht vor allem die EP: Die Posies spielen erstmals Banjo und covern gekonnt das Byrds-Stück "Lady Friend".
The Posies - offizielle Website
Underworld - "A Hundred Days Off"
(V2 Records)
Bedauerlicherweise - und da muss man realistisch bleiben - sind Underworld der breiteren Öffentlichkeit auch weiterhin ausschließlich auf Grund ihres unverhofften Megahits "Born Slippy" ein Begriff, der 1996 auch Danny Boyles Film "Trainspotting" untermalte. "A Hundred Days Off", immerhin schon die vierte Platte, findet erstmalig ohne den abtrünnigen DJ Darren Emerson statt. Natürlich klingen auch die Übriggebliebenen Karl Hyde und Rick Smith, die diesmal verstärkt auf analoges Equipment setzten, unverkennbar nach Underworld: Hi-Speed-Techno wie "Dinosaur Adventure" ist ebenso drin wie ein niedlicher, sedativer Ambient-Track ("EssGee"), wie man ihn auch von Biosphere oder Aphex Twin hätte erwarten können. Wer möchte, darf gern "intelligente Elektronik" dazu sagen. "A Hundred Days Off" funktioniert indes genauso gut, wenn man beim Hören gar nicht drüber nachdenkt - ein nicht zu unterschätzender Vorteil.