Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Tom Petty And The Heartbreakers - "The Last DJ"
(Warner Bros./Wea)
Natürlich war Tom Pettys letztes Album "Echo" (1999) nicht gerade ein Geniestreich, doch die Hoffnung, dass dem oftmals nur als "Geschichtenerzähler" oder Ersatz-Dylan (respektive Ersatz-Young) titulierten Songwriter noch einmal ein Meisterwerk wie "Wildflowers" (1994), oder zumindest ein "Into The Great Wide Open" (1991) gelingt, gibt man nur ungern auf. "The Last DJ" jedenfalls ist ein wehmütiger, aber nicht bloß sentimentaler Blick zurück geworden. Das Titelstück "You And Me", ein absolut klassischer Petty, ist dann aber doch gefährlich nah am Dylan von 1966. "When A Kid Goes Bad" ist ein harscher Blues und "Can't Stop The Sun" eine feine Ballade, die allerdings mit allzu viel Gegniedel ausklingt. Tom Petty besingt den letzten, aus Kommerzgründen entlassenen DJ dennoch mit Stil, Individualität und geschmackvoller Musikauswahl. Er bedauert, dass man die in Rock und Pop verpackten amerikanischen Mythen dem schnöden Mammon geopfert hat. Dafür kann man Petty meinetwegen belächeln, nicht aber für "The Last DJ", das in jedem Fall zu seinen besseren Alben zu zählen ist.
Tom Petty - offizielle Website
Deichkind - "Noch fünf Minuten Mutti"
(Showdown/Eastwest)
Für Sebi, Malte, Buddy und Philip lässt es sich nach der Gesundschrumpfung des deutschen HipHop, zu dem sich Deichkind ohnehin gar nicht oder nur ungern zählen ließen, noch befreiter aufspielen: Mit einem Single-Hit wie "Bon Voyage" rechnet ohnehin niemand mehr und die Erwartungen der Außenwelt wurden auf ein vernünftiges Maß zurückgefahren. "Noch fünf Minuten Mutti" ist die wiedergewonnene Narrenfreiheit in allen 22 Tracks mühelos anzuhören: "Limit" glänzt mit der perfekten Bassline, " La Playa" mit lässigen Albereien und das umwerfend komische Intro "Introduction d'Allemagne" mit brandheißem Crooning für Freunde des sehr frühen Herbert Grönemeyer respektive der beiden ersten Alben von Matthias Reim. Dafür Respekt und volle Punktzahl an den Deich.
Deichkind - offizielle Website
Turner - "A Pack Of Lies"
(Ladomat 2000/Zomba)
Sie wird allerorten gefeiert, die neue, dritte LP dieses jungen Mannes: Paul Kominek heißt er, auch bekannt als Turner. Just in diesen Tagen tourt Kominek mit Tocotronic quer durch Deutschland, was ihm dabei helfen sollte, ein gern genommenes Missverständnis schnellstens aus dem Weg zu räumen: Turner ist spätestens seit "Disappearing Brother" (2000) in erster Linie veritabler Pop-Musiker und nicht nur ein verschrobener House- und Elektronik-Frickler, der, wenn es sich anbietet, "auch mal selbst singt" und mit "Been Out" einen kleinen, aber nur schwer wiederholbaren Überraschungshit gelandet hat. Mit "A Pack Of Lies" macht Kominek Ernst: Er singt auf jedem einzelnen Stück und hat zudem endgültig den ganz großen Pop-Entwurf entdeckt. Allein für "That Honest" dürfte sich jeder, der ein Herz für kopfhängerische und verregnete Kompositionskunst hat, begeistern.
Soft Cell - "Cruelty Without Beauty"
(Cooking Vinyl/Indigo)
Weder auf dem Cover, noch im Booklet sind Dave Ball und Marc Almond zu sehen, und das mag - ohne gehässig sein zu wollen - einen ebenso guten Grund haben wie die Wahl des Albumtitels: "Cruelty Without Beauty" heißt das erste Soft-Cell-Album seit 18 Jahren, was unfreiwillig erahnen lässt, dass die Welt sich ob dieser letztlich doch unverhofften Rückkehr der professionellen Hedonisten vor Erwartungsfreude gerade noch halten kann. Zwar sind David Balls Klanglandschaften noch immer unverkennbar, und auch die Produktion ist auf der Höhe der Zeit, doch ist den Briten das innovative Songwriting von "Non-Stop Erotic Cabaret" (1981) weitestgehend abhanden gekommen. Lediglich "The Night" und "Caligula Syndrome" genügen den
Anforderungen, wissen aber kaum zu bezaubern. Unverwüstlichen Fans wird nichts weiter übrig bleiben, als in den einschlägigen Etablissements auf das Gloria-Jones-Cover "Tainted Love" zu warten. "Cruelty Without Beauty" werden sie trotzdem kaufen.
Marc Almond - offizielle Website
The Black Heart Procession - "Amore Del Tropico"
(Touch And Go Records/Efa)
Noch vor ein paar Jahren leitete Pall Jenkins das einzigartige musikalische Abriss-Kommando Three Mile Pilot, San Diegos düsterste Verheißung und eine wahnsinnigsten Bands unter der Sonne. Es soll sie noch geben, auch wenn Jenkins mit "Amore Del Tropico" das nunmehr vierte Werk seines unergründlichen Quartetts The Black Heart Procession vorlegt. Ein kaltes Sehnen durchzieht Trauerspiele wie "Before The People"
oder "The Visitor" und der Tod sitzt am Klavier. "Now we'll never meet again, not in this broken world/ our time is through" wehklagt Jenkins und es müssen Manifeste des Grams wie Leonard Cohens "Songs Of Love And
Hate" oder "Faith" von The Cure sein, die Jenkins regelmäßig zum Frühstück hört, wenn er es tatsächlich mal schafft, aus dem Bett zu kommen. "Amore Del Tropico" markiert nicht nur den Schaffenshöhepunkt des Songschreibers Jenkins, es ist auch eine der vollendetsten Platten, die man in diesem Jahr finden wird. Gute Laune dagegen finden Sie überall, nur nicht hier.
The Black Heart Procession - offizielle Homepage bei Southern Records