Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Black Box Recorder - "Passionoia"
(One Little Indian/Zomba)
Eine weitere britische Supergroup, die kaum jemanden zu interessieren scheint, sind und bleiben zweifelsohne Black Box Recorder: Der einmalig sardonische Luke Haines, hier zu Lande schon mit den Auteurs und zuletzt zwei tollen Solo-Platten erfolglos, Schlagzeuger John Moore (Ex-Jesus And Mary Chain) und natürlich Sarah Nixey, die skandalös unterkühlte Sängerin des Trios. "Life is unfair/ Kill yourself or get over it" waren unsterbliche Zeilen, doch einigen insularen Radiosendern fiel nichts besseres ein, als den dazugehörigen Song fortan zu meiden. Das schönste Black-Box-Recorder-Album "The Facts Of Life" von vor drei Jahren musste man sich mühsam importieren lassen, die B-Seiten-Kollektion "The Worst Of Black Box Recorder" war kaum noch auffindbar. Dem lasziven High-Class-Pop von "Passionoia", der keinem Freund von David Bowie oder The Velvet Underground (mit Nico!) missfallen dürfte, droht naturgemäß dasselbe Schicksal. Nichts als heimtückisch, das Leben.
Jan Wigger
Black Box Recorder - offizielle Homepage bei One Little Indian
Cradle Of Filth - "Damnation And A Day"
(Epic/Sony Music)
Im Alltag gibt es recht wenig Gelegenheiten, zu denen man Cradle Of Filth hören kann. "All tracks shitten by Cradle Of Filth" steht im Booklet, der "AbraCadaver"-Hase wird auf der Plattenrückseite aus dem Hut gezogen und die 17 Stücke des vierteiligen "Damnation And A Day"-Epos erfordern ein Durchhaltevermögen, das Nicht-Black-Metal-Hörer zuletzt bei "Eaten Back To Life" von Cannibal Corpse aufbringen mussten. Bei Live-Konzerten sind die großartigen Metzel-Orgien der Briten allerdings in höchstem Maße unterhaltsam: Bis auf Slayer können hier alle Bands, die nach Höchstgeschwindigkeit und maximaler Intensität gieren, noch etwas lernen. Ebenso erbaulich sind die wie am Spieß geschrienen Texte: "Know that you shall die like whores, and the cries of your writhings shall rise/ To please their lord.../So before the sword side with me in slaughter" ("The Smoke Of Her Burning"). Ist "Damnation And A Day" besser als die bislang mächtigste Cradle-Of-Filth-Platte "Dusk And Her Embrace"? Die Belegschaft der Monatszeitschrift "Rock Hard" wird es Ihnen genau erklären.
Jan Wigger
Cradle Of Filth - offizielle Website
Melanie C - "Reason"
(Virgin/EMI)
Glaubt man der Geschichte, die sich bekanntlich ständig wiederholt, dann dürfte Melanie Chisholm mit ihrem zweiten Album endgültig der Durchbruch als Solo-Künstlerin gelingen. 1999 war Schluss mit doofen Trainingsanzügen und dem Spitznamen "Sporty Spice". Stattdessen emanzipierte sich Mel C., heute 28, von ihrer Vergangenheit als Girlgroup-Mitglied, ging durch die Drogen- und Alkohol-Hölle, meisterte eine Identitätskrise und veröffentlichte ihr erstes, relativ erfolgreiches eigenes Album "Northern Star" (2000), das auch die Kritiker zu wohlwollenden Äußerungen verleitete. Klingt bekannt? Klar, war bei dem Take-That-Survivor Robbie Williams auch nicht anders, der erst mit seinem zweiten Album zum eigenständigen Star wurde. So weit ist es jetzt auch für Melanie C, die sich auf "Reason" ähnlich mutig, frech und frisch gibt wie Robbie einst auf "I've Been Expecting You". Die Musik: Northern Soul, gitarrenlastiger, zuweilen bombastischer Britpop ("Here It Comes Again") und sanfte Balladen, die immer kitschig klingen wollen, aber vom allgegenwärtigen Augenzwinkern gerettet werden. Eine sympathische Künstlerin, ein sympathisches Album, ab in die Charts...
Andreas Borcholte
Melanie C - offizielle Website
Nicolai Dunger - "Tranquil Isolation"
(Virgin/EMI)
Wer einmal das geradezu himmlische Vergnügen hatte, "All The Love, Days And Tears" von Nicolai Dungers letztem Album "Soul Rush" zu hören, wird sich "Tranquil Isolation" ohnehin kaufen. Ein weiterer Grund, das neue Album des schwedischen Songschreibers zu erstehen, dürfte allerdings das Begleitheftchen sein: Klappt man die Hülle der CD auf, ist dort Will Oldham in Latzhose zu sehen, kein bisschen rasiert, aber glücklich in einem verwüsteten Kornfeld stehend, die letzten Sonnenstrahlen im Rücken. Der Einsiedler kräht zu Dungers formidablen Stücken eindrucksvoll im Background, Jessica Billey spielt Geige und mit dem "Tribute To Tim Hardin" gelingt sogar Unvergessliches. "Last Night I Dreamt Of Mississippi" klingt so archaisch, wie Blues heute noch klingen kann. Nach diesen fast sieben Minuten läuft man geschwind nach Hause und pflückt Baumwolle. Wetten?
Jan Wigger
Nicolai Dunger - offizielle Website
Cinerama - "Cinerama Holiday"
(Scopitones/EFA)
Vom unfreiwilligen Kult-Status konnte sich David Gedge noch nie etwas kaufen. Seine verblichene Band The Wedding Present veröffentlichte 1987 mit "George Best" eine der wichtigsten Schrammel-Lektionen der achtziger Jahre, sein flirrend-orchestraler Pop mit Cinerama blieb auch nach drei Studio-Alben erschreckend unbemerkt. "Cinerama Holiday" kompiliert ein paar EPs und Singles, es gibt ein Wiedersehen mit dem betörenden "Lollobrigida" und dem fabelhaften "Sly Curl", die die leise Ahnung bestätigen, dass Divine-Comedy-Sänger Neil Hannon sein Halstüchlein hergeben würde für die eine oder andere Komposition des einst so obstinaten Gedge. Das Cover der "neuen" Cinerama gemahnt allerliebst an die Smiths und Belle & Sebastian. Stellen sie "Cinerama Holiday" im Plattenregal deshalb gleich daneben.
Jan Wigger
Cinerama - offizielle Website