Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
The Donnas - "Spend The Night"
(Atlantic/Eastwest/Warner Bros.)
Nach drei schrammeligen Alben im Hintergrundrauschen des Rock-Untergrunds machen die vier Donnas aus San Francisco endlich ernst: In der herrschenden Revival-Atmosphäre aus New Yorker Punk und
Seventies-Dinosaurierrock setzen sich die frechen Girls mit ihrer neuerdings auf Hochglanz polierten Riffrock-Ramones-Hommage zwischen alle Stühle. Ohne unnötige Zwischentöne dreschen die Donnas auf "Spend The Night" so energisch auf ihre Instrumente ein und rotzen ihre Texte über Jungs und deren Verführung zu amourösen/sexuellen Abenteuern so beherzt heraus, dass man sich spätestens nach drei Songs nicht mehr ernsthaft dagegen wehren kann. Auf die Dauer stellt sich natürlich ein gewisser Wiederholungseffekt ein - drei Akkorde, Vers, Refrain, Vers - aber hat man sich darüber bei den Ramones beschwert? Mit den Donnas wird uns nun die weibliche Variante des Macho-Punkrocks durchaus selbstironisch vorgeführt. Die Siebziger-Kulturtrash zitierenden Frisuren der Donnas und die umwerfend geschmacklose Covergestaltung des Albums vollenden ein kleines, schlichtes Album-Kunstwerk. Da bleibt man gerne länger als nur über Nacht.
The Donnas - offizielle Website
Mellow Mark - "Sturm"
(Rap.de/Wea)
"Mellow" Mark Schlumberger, gebürtiger Bayreuther, nahm seine Amerika-kritische Hymne "Weltweit" ("Weltweit/ US-am Arsch vorbei") schon vor zwei Jahren auf, beeinflusst von der gewaltsamen Eskalation
des Globalisierungsgegner-Protests beim G8-Gipfel in Genua. Dann kam der 11. September, dann der Irak-Krieg und nun scheint sein kleines Kampflied gegen die popkulturelle, politische und ökonomische Hegemonie Amerikas den Zeitgeist auf den Kopf zu treffen. Zusätzlich zu diesem trefflichen Soundtrack für die nächsten Montagsdemonstrationen gibt es auf Mellow Marks Debüt-Album "Sturm" 13 weitere Agitpop-Nummern, in denen es um politisches Bewusstsein für alles, was auf der Welt schief läuft geht, das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Hoffnung, dass es möglich ist, aus eigener Kraft etwas zu verändern, die "Revolution" zu schaffen. Musikalisch zieht sich der Wahlhamburger das politisch oft erprobte bunte Reggae-Mäntelchen über, vielleicht, damit seine teils aufrührerischen Botschaften nicht ganz so harsch wirken. Aber auch mit härteren Rock-Gitarren, sanfteren Protestsong-Gitarren, peinlichen Balladen ("Babies") und natürlich Rap wird experimentiert. Das alles klingt bei bloßer Beschreibung nicht gut, entfaltet aber dennoch einen kosmopolitischen Charme, den die neuere deutsche Popmusik oft vermissen lässt. Wer weniger auf politische Statements und verbrämte Rasta-Romantik, dafür aber auf besseren Reggae-Pop steht, sollte sich an den ebenfalls aus Hamburg kommenden Patrice halten.
Mellow Mark - offizielle Website
freedom-of-speech.info - von Mellow Mark initiiertes Polit-Forum
The Yardbirds - "Birdland"
(Favored Nations/Zomba)
Überraschende Wiederbelebungsversuche im Ruhestand befindlicher Rockbands werden oft zu Recht mit Misstrauen beäugt. Was also soll man von einem neuen Album der britischen Sixties-Psychedelia-Truppe The Yardbirds halten - stolze 35 Jahre nach Veröffentlichung des letzten regulären Albums "Little Things"? Zumal vom einst blendenden Original-Line-Up (Eric Clapton, Jimmy Page, Jeff Beck) nur noch Drummer
Jim McCarty und Rhythmus-Gitarrist Chris Dreja übrig sind. Vorsichtig mit den Vorurteilen: Als neuen Stamm-Gitarristen für die acht Yardbirds-Klassiker und sieben neue Songs auf "Birdland" rekrutierten die rüstigen Veteranen Gypie Mayo (Ex-Dr. Feelgood) und scheinen im Studio jede Menge Spaß gehabt zu haben. Während Hits wie "For Your Love" oder "Shapes Of Things" frisch und renoviert klingen, lassen auch neue Kompositionen wie "The Mystery Of Being" keine Nostalgie aufkommen. Clever: Als Ersatz für die längst zu Superstars avancierten Lead-Gitarristen von einst dienen Promis wie Slash, Steve Vai, Brian
May und sogar Jeff Beck höchstpersönlich. Nicht nur das Heraushören, wer welchen Part gespielt haben könnte, macht an dieser erfreulichen Auferstehung Spaß.
The Yardbirds - offizielle Website
Evanescence - "Fallen"
(Wind Up/Epic/Sony Music)
Sängerin Amy Lee und Gitarrist Ben Moody lernten sich der Legende nach im Ferienlager kennen und nennen als Einflüsse unter anderem Tori Amos und Björk. Zusammen mit zwei weiteren Mitstreitern sind sie das nächste große Ding der amerikanischen Rockszene, glaubt man den rekordverdächtigen Radio-Einsätzen und den hohen Notierungen in den Billboard-Charts. Geschafft haben Evanescence dieses Kunststück mit ihrer Single "Bring Me To Life", die als Appetithappen auf dem Soundtrack zum Superhelden-Film "Daredevil" enthalten war. Dort stach der epische Song über Teenager-Ängste wohltuend aus dem Alternative-Rock-Einerlei heraus, und genau so ist es nun auch auf "Fallen", dem Debüt-Album der Band aus Little Rock, Arkansas. Während Lees Stimme durchaus markant und charakteristisch klingt (vielleicht auch, weil es im härteren US-Rocksegment ansonsten derzeit keine Sängerinnen gibt), lassen die schwerblütigen Songs auf Albumlänge viel Abwechslung zu wünschen übrig. Von den Feinheiten einer Tori Amos oder Björk ist hier wenig zu hören, dafür umso mehr stilistische Reminiszenzen an pompöse AOR-Rocker wie Heart oder Rush, zugeschnitten auf die Selbstfindungsphase depressiver US-Teenies. Für europäische Fans dieses Genres gibt es zudem die weitaus energischere und gewitztere heimische Variante namens Guano Apes.
Evanescence - offizielle Website
The High Llamas - "Retrospective, Rarities And Instrumentals"
(V2 Records/Zomba)
Als der Brite Sean O'Hagan, damals Sänger und Songwriter der Band Mircrodisney, 1990 ein Solo-Album mit dem Titel "High Llamas" veröffentlichte, hätte er es sicher nicht träumen lassen, zehn Jahre später über eine erfolgreiche Band gleichen Namens und eine treue Fan-Gefolgschaft zu verfügen. Während er seine Brötchen über die Neunziger hinweg bei den weitaus bekannteren Elektronikrock-Experimenteuren Stereolab verdiente, wuchsen die High Llamas vom schrägen Liebhaber-Projekt zum eigenständigen Act, der Beach-Boys-Verehrer, Burt-Bacharach-Aficionados und Tropicalia-Freunde gleichermaßen mit angenehmen Klängen versorgt. Die neue Doppel-CD mit dem etwas sperrigen Titel vereint noch einmal die Highlights der letzten Dekade, darunter Songs von den vielgeliebten Alben "Santa Barbara", Gideon Gaye" und "Hawaii", und bietet einen ganzen Sack voll obskurer Raritäten und Instrumentals auf der zweiten Disc. Leider fehlt mit "Twift" der erste Mouse-On-Mars-Remix, der je angefertigt wurde, ein ewiger Meilenstein in der obskuren Historie
dieser stilistisch nicht zu fassenden Band, dennoch wird der Einstieg in das umfangreiche Sound-Universum O'Hagans hiermit um einiges erleichtert. Vor Suchtgefahr wird gewarnt.