Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Einfallsreicher Rock von Hot Hot Heat, gewohnte Kost von Marilyn Manson, eine schräge Bestandsaufnahme von Chilly Gonzales, Indie-Klänge von Rilo Kiley und Lakonisches von Temper aus Frankreich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hot Hot Heat – "Make Up The Breakdown“
(Sub Pop/Wea/Warner Bros.)


Einem etwas missglückten ersten Album und der quecksilbrigen, schlichtweg überwältigenden EP "Knock Knock Knock“ lassen die vier Kanadier nun die in den Staaten schon längere Zeit erhältliche LP "Make Up The Breakdown“ nachfolgen. In den aufgekratzten, von Sänger Steve Bays mit grandiosem Georgel veredelten Pop-Hymnen "Get In Or Get Out“ oder "Oh Goddamnit“ stecken Ideen für vier oder fünf Songs, das stupende Geschichtsbewusstsein der selbstredend sehr jungen Bandmitglieder reicht vom frühen Costello über die Talking Heads, XTC und der lebensbejahendsten Phase von The Cure. Viva-Moderatorin Charlotte Roche sprach dem Quartett die Ikonentauglichkeit ab, weil sie zu hässlich seien. Das sind die Libertines allerdings auch, was sie nicht daran hinderte, im letzten Jahr die besten Songs zu schreiben. 2003 könnte daher durchaus das Jahr von Hot Hot Heat werden – "Make Up The Breakdown“ jedenfalls ist ein Fest für Hyperaktive und melodievernarrte Menschen mit zu hohem Blutdruck.
Jan Wigger


Hot Hot Heat - offizielle Website 


Marilyn Manson – "The Golden Age Of Grotesque“
(Nothing Records/Motor Music/Universal)


Wir haben es ja längst kapiert: Brian Warner alias Marilyn Manson ist einer der intelligentesten und belesensten Musiker unserer Zeit und das schnöde Stigma "Schock-Rocker“ hat er nicht verdient. Vor kurzem sprach Manson in Michael Moores Dokumentation "Bowling For Columbine“ ein paar - im direkten Vergleich zu etwa Charlton Heston - in der Tat kluge Sätze. Die Intellektuellen lobten, wollten aber immer noch keine Manson-Platten kaufen. Verständlich, denn so ausgeklügelt das Konzept hinter "The Golden Age Of Grotesque“ auch sein mag, mangelt es Manson wie schon auf dem blutleeren Vorgänger "Holy Wood“ auch hier an hinreichend guten Kompositionen. Der Ideen- und Abwechslungsreichtum des besten Manson-Albums "Mechanical Animals“ (1998) ist dem Entrepreneur der Finsternis in der letzten Zeit verloren gegangen, eintönig rumpelnde Marginalien wie "Doll-Dagga Buzz-Buzz Ziggety Zag“ sind in der Überzahl, das unsägliche Soft-Cell-Cover "Tainted Love“ ist auch noch mal mit dabei. "Mobscene“, auch "Slutgarden“ sind ganz launig geraten, der Rest ist schnell vergessen. Ganz ehrlich: Eine Enttäuschung.
Jan Wigger


Interview mit Marilyn Manson: "Ich bin Amerikas Alptraum"
Marilyn Manson - offizielle Website 


Gonzales - "Z"
(KittyYo/Zomba)


Während das kultisch verehrte und vehement als Heilsbringer der deutschen Musikszene gehypte Berlin-Label Kitty Yo langsam aber sicher den Mainstream erobert und mit Maximilian Hecker einen veritablen Chart-Einstieg (Platz 82!) verbuchen kann, darf mit "Z" noch einmal einer der Kitty-Pioniere zeigen, was er kann. Chilly Gonzales, schräger Entrepreneur aus Kanada, ist neben Peaches der Vorzeige-Künstler des Labels und versammelt auf seinem "Best of"-Album eine illustre Reihe untergrundiger Promis. Da es ihm, wie er sagt, "physisch unmöglich" war, für sein viertes Album neues Material einzuspielen, nahm er sich einfach einige seiner alten Stücke vor und drehte sie durch den Fleischwolf. So wird "This One Jam" diskofiziert, der HipHop-Jam "The Joy Of Thinking" (gesungen von Peaches) wird tanzbar, und das rumpelige Peaches-Stück "Lovertits" von der kanadischen Newcomerin Feist zur gehauchten Ballade umfunktioniert. Weitere Gäste sind der Gitarrist Taylor Savvy, die New Yorker Rapperin Princess Superstar und die französische Indie-Ikone Guesch Patti, die mit Gonzales das anrührende Duett "Dans tes yeux" gibt. Ein Allstar-Treffen der ganz eigenen Art also, denn auch nach radikaler kosmetischer Bearbeitung versprühen Chillys Songs zwar viel nihilistischen Charme und musikalisches Engagement, der viel bemühte Funke will aber dennoch nicht recht überspringen. Immerhin: Ein sehr gehaltvolles Bonbon, aber wohl leider nur für Insider und beinharte Kitty-Yo-Fans.
Andreas Borcholte


Neuer Berliner Pop: Farbe in der coolen Tristesse 
Gonzales - offizielle Website 


Rilo Kiley – "The Execution Of All Things“
(Saddle Creek/Efa)


Es hat schon griffigere Namen für eine Band gegeben als Rilo Kiley und auch Songtitel wie "Hail To Whatever You Found In The Sunlight That Surrounds You“ lassen sich nur schwerlich memorieren. Macht alles nichts, denn Rilo Kileys zweites Album "The Execution Of All Things“ erscheint auf dem schon lange Zeit so geschmackssicheren und doch erst kürzlich wirklich breitenwirksam entdeckten Saddle-Creek-Label in Omaha/Nebraska, das uns tolle Platten von Bright Eyes, The Good Life, Cursive oder Nachwuchs-Dylan Conor Oberst (Bright Eyes) bescherte. Rilo Kiley passen vor allem dank ausgeschlafenem Songwriting und ihrer beherzten Sängerin Jenny Lewis, die an Liz Phair und Chan Marshall (Cat Power) erinnert, wunderbar ins Plattenfirmen-Programm.
Jan Wigger

Rilo Kiley - offizielle Website 


Temper – "New Place, New Face“
(Talitres Records/Zomba)


"Talitres“ heißt ein weiteres aufstrebendes Label, das zuletzt mit der Veröffentlichung von "This Night“, einem weiteren Meisterwerk von Destroyer glänzen konnte. Vollkommen unverständlich jedoch, dass diese fast unmenschlich gute Platte bis auf ein, zwei rühmliche Ausnahmen in der deutschen Presselandschaft nicht einmal als Randnotiz Erwähnung fand. Jetzt folgt mit den Franzosen Temper eine feine, maximal entspannte und höchst eklektische Band aus St. Etienne, deren Haupteinflüsse schon beim ersten Hören kinderleicht zu destillieren sind: Television (vor allem die Solowerke von Tom Verlaine) und Lou Reed, dessen brummelnde Lakonik Temper-Sänger Jean-Pierre Montal haargenau in seiner Stimme trägt. "New Place, New Face“ klingt so ähnlich wie das Curtis-Mayfield-Zitat, das die CD-Rückseite ziert: "Now is always the right time“.
Jan Wigger


Temper - Homepage bei Talitres Records 

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