Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Daniel Küblböck -"Positive Energie"
(Hansa/BMG)
Wie haben wir sie gehasst: Der schnöselige Schnulzier Daniel Lopez durfte sich als Gnadenbrot wenigstens noch bei Axel Bulthaupt und den Zuschauern vor der "Grand Prix"-Großleinwand auspfeifen lassen. Das penetrant professionelle "Vollweib" Juliette Schoppmann nervte schon beim Hinsehen und hat bis heute keine Single veröffentlicht, nur Sex-und Implantatsbeichten in der "Bild"-Zeitung. Gracia Baur wurde vom Mitglied einer drittklassigen Boygroup gelinkt und antwortete, im Krankenhaus nach ihrem Fußbruch befragt: "Ich habe eine Fraktion im rechten Fußgelenk!" Und Alexander Klaws, der Oliver Bierhoff unter den "Superstar"-Blagen? Bald in den "Was macht eigentlich...?"-Seiten, ganz hinten im "Stern" zu finden. Es zeichnete sich ab, dass neben unserem amtierenden Bundespräsidenten Dieter Bohlen nur der bisexuelle Pyromane Daniel Küblböck aus Eggenfelden überleben würde, allerorten nur bekannt als "der schräge Daniel". Was durchaus bedauerlich ist, denn als Hornbrillenträger mit Strubbel-Haarschnitt wird einem ja neuerdings deutschlandweit "Küblböck" hinterher gerufen, obwohl nicht die geringste Ähnlichkeit besteht und allein im Hamburger Schanzenviertel lauter Daniels rumlaufen. Wollen wir nun wirklich noch zur Platte kommen? Da kann man es kurz machen: Lauter Bohlen-Nummern (außer Orbisons "Pretty Woman") mit simpelsten Texten und schmerzhaft auffällig gestreuten Versatzstücken aus Evergreens der fünfziger Jahre bis heute. Alles voll crazy, total schräg und in zwei Wochen Nummer 1.
Jan Wigger
Kampf der Musik-Mikroben: Küblböck, Küblböck, Küblböck!
Daniel Küblböck - offizielle Website
Adam Green - "Friends Of Mine"
(Rough Trade/Sanctuary)
Als Adam Green mit seiner New Yorker Anti-Folk-Band The Moldy Peaches vor zwei Jahren ein paar Deutschland-Konzerte gab, lief er einmal nach einem Auftritt ohne Ziel durch die Nacht, verlor alle paar Meter seine Schuhe, schmetterte ausgerechnet den "Wind Of Change" der Scorpions und war so höflich, dass er jedes Getränk selbst bezahlen wollte. Ein sonderbarer junger Mann, der immer einen riesengroßen Kopfhörer und zahlreiche Scott-Walker-CDs in einer kleinen Tasche mit sich herumtrug. Man wusste damals nicht so recht, was das zu bedeuten hatte, war doch der Charme seines wunderbaren Solo-Debüts "Adam Green" ein noch rauer und unfertiger. Jetzt sind wir alle schlauer: Mit "Friends Of Mine" hat Adam Green nur das Größte der letzten Jahrzehnte destilliert: Frank Sinatra, Lee Hazlewood, Todd Rundgren, Brian Wilson, Al Stewart und eben vor allem Scott Walker geistern durch 15 erhabene, streichergetränkte Stücke. Aus Green ist plötzlich ein Crooner geworden, der bei allem Aplomb noch immer urkomische Texte schreibt und mit seinem zweiten Solo-Album die Sensation des Jahres geschafft hat. Man könnte tagelang auf dem Boden liegen und diese Platte hören, doch die Arbeit wartet und irgendwann sind wir alle tot. Bis dahin ist "Friends Of Mine" der allerdelikateste Zeitvertreib.
Jan Wigger
Adam Green - offizielle Website
Stephan Eicher - "Taxi Europa"
(Virgin/EMI)
Vor etwas mehr als einem Jahr hatte Stephan Eicher Bilanz seines bisherigen Schaffens gezogen und das opulente Best Of/Raritäten-Album "Hotel S" veröffentlicht. Damals kündigte der frankophone Schweizer in Interviews geheimnisvoll eine Neuerfindung für das nächste Album an. Doch keine Angst, wer nun erwartet, auf "Taxi Europa" klinge Eicher wieder so kalt-elektronisch wie damals bei seinem Grauzone-Hit "Eisbär", muss sich nicht unnötig gruseln. Es sind eher die Äußerlichkeiten, die sich verändert haben, weniger der Sound des vielsprachigen Singer/Songwriterpoprocks, der in den Neunzigern über die Alben "Engelberg", "Carcassone" und "Louanges" zu seinem Markenzeichen wurde. Für "Taxi Europa" arbeitete Eicher erstmals mit externen Produzenten zusammen und ließ sich von Pierre Jaconelli und dem hippen Neo-Chansonnisten Benjamin Biolay helfen. Derart aufgefrischt will Eicher seine Zuhörer auf eine textlich-musikalische Reise durch Europa entführen, die von Italien bis Hamburg führt. Darauf darf man sich gerne einlassen, zumal es schon seit langem keinen Künstler mehr außer Eicher gibt, den man als "europäisch" bezeichnen mag. Um den paneuropäischen Gedanken komplett zu machen, holte er sich für den Titelsong den italienischen Sänger Max Gazzé und den deutschen Superstar Herbert Grönemeyer ins Studio, der tatsächlich italienisch singen musste. Mehr Integration des "alten Europa" war nie. Und auf die Neuerfindung konnten wir - zumindest was Eicher betrifft - ohnehin verzichten.
Andreas Borcholte
Stephan Eicher - offizielle Website
Bernd Begemann - "Endlich"
(Begafon/Indigo)
Auch wenn das Cover seiner neuen Platte es vermuten lässt: Bernd Begemann, der beste Entertainer weit und breit, ist auch mit "Endlich" noch nicht im Schlager angekommen. Für Anlässe, an denen Jochen Distelmeyer von Blumfeld seinen Tennislehrer-Pullunder trägt, hat Begemann das Opa-Jäckchen und die weiße Hose dabei, ansonsten werden die Parallelen zu beispielsweise Jonathan Richman weniger und weniger, wenn man mal von Begemanns grandios witzigen Live-Auftritten absieht. Sicher, eine so gelackte Produktion wie auf "Endlich" hat sich der Hamburger Alleinunterhalter noch nie geleistet, doch von ein, zwei Ausrutschern ("Claudia") abgesehen, enthält "Endlich" eben auch einen gottverdammten Hit wie "Bis du den Richtigen triffst - nimm mich", ein wirklich famoses Duett mit dem untergetauchten Echt-Sänger Kim Frank. Und Geschichten wie "Ich kann dich nicht kriegen, Katrin" kennt man tatsächlich immer noch am besten aus dem eigenen Leben.
Jan Wigger
Bernd Begemann - Fansite
Mogwai - "Happy Songs For Happy People"
(Pias)
"Post-Rock" nannten vor einigen Jahren Schlaumeier jedes Independent-Album, auf dem nicht gesungen wurde. Doch wo Bands wie Tortoise ihre Kunst vor allem aus einsam angehörten Jazz- und Krautrock-Platten bezogen hatten, klangen Mogwai, die zwergenhaften Kapuzenträger aus Glasgow, immer recht unprätentiös. Obwohl nur auf "Rock Action" ab und zu einen richtigen Sänger gab, konnte man sich zu fast jedem Mogwai-Song problemlos einen denken. Zu dieser Musik konnte man Bücher lesen. "Happy Songs For Happy People" hat natürlich wieder keine Songs, baut auf einfache Gitarrenzupfmuster, abstrakte Geräusche und vereinzelte Lärmausbrüche. Rockmusik auf dem Grund einer gefüllten Badewanne. Einfaltspinsel werden auch dieses Mal bloß sagen: "Der Soundtrack zu einem Film, der nie gedreht wurde."
Jan Wigger
Mogwai - offizielle Website