Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Popmusikalische Aufbruchsstimmung mit Spillsbury und Wir sind Helden, Gefälliger Roots-Rock von The Thorns, TripPop von Lyssette und Kauziges von Jeffrey Lewis.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Spillsbury - "Raus!"
(L'age d'Or/Zomba)

Mia, Paula, 2-Raum-Wohnung, die enttäuschende DAF-Reunion, "Verschwende deine Jugend", Zoot Woman, Ladytron, das Human-League-Comeback - wollen doch mal sehen, wann die achtziger Jahre endlich beendet sein werden. Vorher gibt's noch Spillsbury. Auch für dieses Duo (Zoe Meissner und Tobias Asche) ist die Schublade "80er-Revival" natürlich zu klein - und doch wird sie der Einfachheit halber wohl oftmals aufgemacht werden. Dabei lassen die peitschenden Synthie-Beats und die dringlichen, bestimmten Vocals von Zoe Meissner eher auf eine Punk-Herkunft schließen, auch wenn Spillsbury so jung sind, dass sie eher die frühen Tocotronic, die Neunziger also, als Haupteinfluss nennen. "Kurzer Blick und schon verstanden, ohne Worte alles klar/ Keine Zeit um Pläne zu schmieden, jetzt muss es klappen, damit die Mühe nicht umsonst war/ Alles auf die Dreizehn, komm schon gib dein letztes Geld her, hey was soll's/ Wenn wir es jetzt nicht wagen, schaffen wir es nie mehr raus", heißt es im Titelstück. Und genauso sollte Aufbruchsstimmung klingen. Jan Wigger


Spillsbury - offizielle Website 


Wir sind Helden - "Die Reklamation"
(Labels/Virgin/EMI)


Schon zu der Zeit, als "Guten Tag", der Überraschungshit von Wir sind Helden, in jedem zweiten Klamottenladen lief, schwärmten Musikerkollegen und stille Bewunderer von der reizenden Helden-Sängerin Judith Holofernes. Später kehrten Musikjournalisten von Interviews zurück und ventilierten, die Holofernes sei in natura noch hübscher, kenne sich zudem mit Elvis Costello und Robert Gernhardt aus und singe Bob-Dylan-Songs auf dem Autorücksitz. Ein Traum, natürlich, doch ist die Berlinerin, die schon Harald Schmidt becircte, mit ihrem Schlagzeuger zusammen, der obendrein einen Vollbart trägt. So deprimierend der Gossip, so gelungen das Album-Debüt von Wir sind Helden mit niedlichen Ohrwürmern ("Rüssel an Schwanz"), schlauen Beobachtungen ("Die Zeit heilt alle Wunder") und einer erstaunlichen Vielseitigkeit, die eben auch vor Songwriter-Anleihen nicht Halt macht. Jan Wigger


Wir sind Helden - offizielle Website 


Lyssette - "Cupid's Arrow"
(Bongostar/Alive)


Die Frau mit den beiden Doppelkonsonanten im Namen ist ein weitgehend unbeschriebenes Blatt in der deutschen Popszene: Keine Casting-Shows, kein großes Label, offensichtlich aber auch kein unbedarfter Teenager mehr, glaubt man dem Augenschein. Reif genug, um sich auf ihrer Homepage als "Nymphe der verbotenen Früchte" zu titulieren ist die gelockte Blondine auf jeden Fall, an anderer Stelle wird mit einer vermeintlich neuen Musikform eingeladen, deren Name sich Musikjournalisten schon seit Jahren aus purer Hilflosigkeit bedienen: "Welcome to TripPop". Nicht ganz so unbeschrieben ist Lyssettes Manager Reinhard Neroth, der uns nicht nur den "Lemon Tree" von Fools Garden und den Ost-Charme von Bell, Book & Candle bescherte, sondern auch die Achtziger-Persiflage Knutschfleck. Trotz aller schlechten Vorzeichen ist "Cupid's Arrow" (Amors Pfeil) kein Schuss ins Leere geworden. Lyssette haucht und trällert sich gar lieblich durch abwechslungsreiche, atmosphärische Popsongs und traut sich in dem Groove-Stück "East Of Eden" sogar an so etwas wie Sprechgesang. Das leere Attribut TripPop scheint sich hier tatsächlich mit Substanz zu füllen. Spannender als Morcheebas gesamter Backkatalog ist "Cupid's Arrow" allemal. Andreas Borcholte


Lyssette - offizielle Website 


Jeffrey Lewis - "It's The Ones Who've Cracked That The Light Shines Through"
(Rough Trade/Sanctuary/Zomba)


Gerade hat sein Kumpel Adam Green sich vom so genannten Anti-Folk verabschiedet und eines der bestechendsten Alben der letzten zwei Jahre herausgebracht, da ist auch der linkische New Yorker Comic-Zeichner Jeffrey Lewis wieder aufgetaucht. "If You Shoot The Head You Kill The Ghoul" oder "You Don't Have To Be A Scientist To Do Experiments On Your Own Heart" - die Titel der charmanten Lo-Fi-Folk- und Schrammel-Songs sind so skurril und wahrhaftig wie Jeffreys Texte und vor allem die Aufmachung seiner zweiten Platte: Die von Lewis liebevoll in Blockschrift ins Booklet transkribierten Lyrics und die kleinen, erläuternden Zeichnungen enden nicht etwa auf dem Papier, sondern werden auf der nicht bespielten Seite der Compact Disc einfach fortgesetzt. Auch nicht vorenthalten werden uns abgelehnte Ideen und Vorschläge für den Namen von Lewis' Band: "Jeff Lewis & Scum", "Jeff Lewis & The Heavy Hearts" oder "Jeff Lewis & The Very Very Strong Swords". Ein komischer, unbedingt liebenswerter Kauz. Jan Wigger


Jeffrey Lewis - Homepage bei Rough Trade Records 


The Thorns - "The Thorns"
(Columbia/Sony Music)


Schon länger hat kein All-Star-Team mehr vorbei geschaut, da tun sich die in Europa zwar ziemlich bis komplett erfolglosen, doch in Amerika zur Songschreiber-Elite zählenden Matthew Sweet, Pete Droge und Shawn Mullins als "The Thorns" zusammen und versammeln auf ihrer ersten Platte 13 glattpolierte Songs, die nicht einmal ansatzweise als Störfaktor jedweder Beschäftigung einsetzbar sind, dafür aber recht trefflich beweisen, was ohnehin bekannt war: Sweet, Droge und Mullins sind gute Songwriter. Allerdings hätte man sich auf "The Thorns", das stellenweise eben allzu lieblich und harmlos daherkommt, etwas mehr zutrauen können, als das bereits perfekte und daher nicht als Cover taugende "Blue" der Jayhawks neu und in diesem Fall fast gleich klingend zu interpretieren oder sich mit "Thorns" und "Such A Shame" unter Wert zu verkaufen. "Runaway Feeling" und "Think It Over" dagegen ist schlanker Harmony-Pop, wie ihn die Connells oder Daryll-Ann auch nicht besser hinbekommen würden. Jan Wigger


The Thorns - offizielle Website 


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