Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
David Bowie - "Reality"
(Iso/Columbia/Sony Music)
"Oh my idiot trance/ All my idiot questions/Let's face the Music and dance" - diese Zeile aus der Single "New Killer Star", dem ersten Stück Musik, mit dem sich David Bowie zwei Jahre nach dem sinistren "Heathen" zurückmeldet, könnte man als Motto für "Reality" lesen, denn zugänglicher, vitaler und verliebter in klare, raue und rockige Strukturen hat man Bowie lange nicht erlebt. Man weiß nicht, ob es die wach rüttelnden Anschläge vom 11. September waren, wie "New Killer Star" suggeriert, man weiß nicht, ob ihm die ungestümen neuen "The"-Bands imponieren oder einfach nur seine eigene, frische und energische Musikertruppe - man hört nur, dass der 56-Jährige offenbar gerade genug von Sound-Experimenten wie "Earthling" oder eben "Heathen" hat. "I've been right and I've been wrong/ Now I'm back where I started from" heißt es im Titelstück, Bowie kehrt zurück zu seinen glamourösen Anfängen, covert mit "Pablo Picasso" sogar eine der rotzfrechen Nummern des Berufsjugendlichen Jonathan Richman und schmettert seinen alten und neuen Fans durchaus selbstironisch ein "Never Get Old" entgegen. Das kann man - wie mancher Kollege - einfallslos und unter Wert verkauft finden, man kann sich aber auch über einen Musiker freuen, der hörbar Spaß an seiner Musik hat - und damit
anzustecken weiß. Andreas Borcholte
David Bowie - offizielle Website mit Soundfiles
Warren Zevon - "The Wind"
(Artemis Records/Ryko)
"Life'll Kill Ya" - Warren Zevon wusste das am besten und vor einer Woche wurde er selbst vom Leben dahingerafft. Zevon war unheilbar an Lungenkrebs erkrankt, man war sich der unabänderlichen Tatsache schmerzlich bewusst, dass "The Wind" das letzte Album vor dem Tode sein würde, ein Abschiedsgruß, unbeugsam. Ähnlich wie auf "Sentimental Hygiene" (1987), auf der damals u.a. Neil Young und Bob Dylan mitwirkten, schauten auch bei den Aufnahmen zu "The Wind" Freunde und Weggefährten vorbei: Emmylou Harris, Don Henley, Jackson Browne, Dwight Yoakam, Billy Bob Thornton und Bruce Springsteen, der in "Prison Grove" im Background brilliert. Zevons Interpretation von "Knockin' On Heaven's Door" ist unglaublich, das letzte Stück "Keep Me In Your Heart" schnürt Kehlen zu: "Shadows are falling and I'm running out of breath/ Keep me in your heart for awhile/ If I leave you it doesn't mean I love you any less/ Keep me in your heart for awhile/ When you get up in the morning and you see that crazy sun/ Keep me in your heart for awhile." Warren Zevon starb am 7.September im Alter von 56 Jahren. Jan Wigger
"Werewolves Of London": Songwriter Warren Zevon gestorben
Warren Zevon - offzielle Website
Starsailor - "Silence Is Easy"
(Chrysalis/EMI)
James Walsh hat anlässlich des zweiten Starsailor-Albums "Silence Is Easy" noch einmal Rückschau aufs Debüt gehalten: "'Love Is Here' einzusingen, war für meine Stimme sehr anstrengend. Ich hatte so viel Jeff und Tim Buckley gehört und wollte genauso klingen. Aber nach sechs Monaten auf Tour lebte ich nur noch von Zitrone und Honig." Die Buckleys kennt und verehrt man bereits, auch Jeffrey Lee Pierce und Van Morrison, die Walsh ebenfalls verinnerlicht haben muss. Ein typischer Adept, dieser Walsh, mit gefährlichem Hang zum
Schwülstigen. "Some of us laugh, some of us cry, some of us smoke, some of us lie/ But it's all just a way that we cope with our lives" singt Walsh nun in "Some Of Us" und über diese Art von Schüler-Lyrik kann man sich mühelos hinwegsetzen, wenn man bedenkt, dass Walsh immer noch Anfang 20 und "Silence Is Easy" musikalisch absolut gelungen, ja stellenweise fast perfekt geworden ist. Der Titelsong, ein Ohrwurm der gemeinen Sorte, bleibt also nicht allein: "Fidelity" und "Four To The Floor" stehen in vorderster Reihe, zwei
Stücke wurden von Phil Spector produziert, der weder stört noch wirklich Akzente setzt. Strahlende Aussichten, in der Tat. Jan Wigger
starsailor.tv - offizielle deutsche Website
Elvis Costello - "North"
(Deutsche Grammophon/Universal Music)
Es ist stets bedauerlich, auf Leute zu treffen, die den rüden, den zynischen, eben den Rock'n'Roll-Costello schätzen und lieben, den abseitigen, romantischen, meinetwegen auch geschmäcklerischen Costello aber links liegen lassen. Das neue Album von Elvis Costello heißt "North" und wird über das Klassik-Label Deutsche Grammophon vertrieben: Eine Schreckensnachricht für Verächter von Costellos Kollaborationen mit dem Brodsky Quartet oder der Sopranistin Anne Sophie von Otter. Über "Painted From Memory", Costellos delikate, großartige Nacht-Platte mit Burt Bacharach, gingen die Meinungen immerhin auseinander. Und was soll man sagen: "North", mit 28-köpfiger Streicher-Section, Jazz-Saxophonist, Trompeter und Steve Nieve am Piano, ist einfach exzellent geworden. "North" folgt Costellos ganz persönlicher Chronologie des Verlassenwerdens und des Sich-Neu-Verliebens (in die Jazz-Sängerin Diana Krall) und ist textlich so schlicht, schön und direkt wie noch selten zuvor. Das großartige Triptychon "Fallen", "When It Sings" und "Still" (noch einmal mit dem Brodsky Quartett) hören und dabei verzichtbare Manierismen anprangern - unmöglich. Jan Wigger
Elvis Costello - offizielle deutsche Website mit Video und Soundfiles
Anjali - "The World Of Lady A"
(Wiija/Beggars Group/Zomba)
Die Dame mit der Weihnachtsmann-Kapuze, die uns vom Cover leicht hochmütig ansieht, ist keine Unbekannte im britischen Untergrund. Noch vor ein paar Jahren rotzte Anjali Bhatia pseudofeministische Parolen in der Riot-Grrrl-Band Voodoo Queen, dann entdeckte sie gleichsam das DJ-ing und die Gelassenheit für sich. Und nun auch noch die Sixties und den Soul von Stax und Motown. Während es auf ihrem Debüt von 2000 noch vorwiegend entspannt loungte, so fetzen auf "The World Of Lady A" ganz anständig die - gesampelten - Bläser, klackern die Marimbas, heulen die Orgeln, dass es eine wahre Lust ist. Damit sind wir gleich
beim richtigen Stichwort, denn zu all dieser eindeutig retrospektiven Musik haucht uns Anjali lasziv-erotisch ihren Gesang entgegen. Keine Spur mehr vom gitarrenstarrenden Geschlechterkampf früherer Jahre, dafür präsentiert uns die indischstämmige Komponistin, Arrangeurin, Produzentin und Covergestalterin mit ihrem zweiten Solo-Album ihre eigene, swingende Version der Emanzipation. "Asian Provocateur" heißt einer der besonders verführerischen Songs auf "The World Of Lady A", denn natürlich kommen - ganz zeitgemäß - auch die musikalischen Einflüsse Indiens nicht zu kurz. Wer auf Bollywood, Beehive-Frisuren und Etuikleider mit großen Tupfen steht und das Frank Popp Ensemble wegen des komischen Namens nicht mag, hat hier einen plüschigen neuen Fetisch gefunden. Andreas Borcholte