Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Belle & Sebastian - "Dear Catastrophe Waitress"
(Rough Trade/Sanctuary)
In der Frühphase von Tocotronic machte man sich als Fan einen Spaß daraus, schon im Vorfeld einer anstehenden Veröffentlichung den möglichen Titel des Album herbei zu phantasieren - die Band selbst jedoch war immer schon mehrere Schritte weiter und so kam es meist ganz anders als erwartet. Beim zu Recht kultisch verehrten Glasgower Septett Belle & Sebastian geisterten mindestens ein Dutzend Vorschläge und Ahnungen durch die Fan-Foren - mit "Dear Catastrophe Waitress" hat es der schönste Titel geschafft. Auch hielt ein neues Selbstbewusstsein Einzug: Zu den Interviews schickte man nicht mehr irgendeinen Trompeter, sondern Sänger Stuart Murdoch, bis dahin ein Phantom, das die intelligentesten, literarischsten Texte Großbritanniens seit Morrissey schreibt. "I'm sorry if he hit you with a full can of coke, it's no joke/ Your face is bleeding, you'll soon be leaving this town to the clowns who worship no one but themselves", heißt es im grandiosen Titelstück, und nur schlichte Gemüter, die feinstes Songwriting wie in "Piazza, New York Catcher"
mit Muzak verwechseln, übersehen in all dem Schönklang und Liebreiz, den Murdoch und der Rest verstreuen, die Subversion, die schon immer in den Texten von Belle & Sebastian lag. "Dear Catastrophe Waitress" schließt direkt dort an, wo die exzellenten letzten EPs "Sing Jonathan David" und "I'm Waking Up To Us" endeten. Vorzügliche Platte, wie gewohnt.
Jan Wigger
Belle & Sebastian - offizielle Website
Robert Wyatt - "Cuckooland"
(Hannibal/Indigo)
Was wären wir nur ohne Robert Wyatt? Kurz nachdem Kevin Ayers, damals kongenialer Partner bei den unbezahlbaren Soft Machine, ein paar alte Platten wieder neu auflegen ließ, ist auch Wyatt mit "Cuckooland" wieder aufgetaucht. Ryuichi Sakamoto holte ihn einmal als Gastsänger für seine LP "Beauty" ins Boot, weil er "die traurigste Stimme der Welt" für sich singen lassen wollte. "Cuckooland" ist, wie alle Wyatt-Platten, in erster Linie ein Rätsel, um das es sich wochen- und monatelang ohne den geringsten Reizverlust kreisen lässt.
In "Neither here..." und "...Nor There" hat Wyatt dieses suggestive, fast 80-minütige Meisterwerk eingeteilt, mit 30 Sekunden reiner Stille als Interludium. Songs wie "Forest" oder "Insensatez" gehören zum Besten, was Wyatt jemals aufgenommen hat. Im Infoschreiben zur Platte hält er Ansprache und fragt: "Kannst du die Stecknadel fallen hören?" Mit einiger Mühe: Auch das. Jan Wigger
Robert Wyatt - Homepage bei Rykodisc
John Cale - "HoboSapiens"
(Pop-U-Lab/Capitol/EMI)
John Cale ist so produktiv wie lange nicht mehr: Er tourte mit seiner Band durch Deutschland und lässt seiner gar nicht prätentiösen EP "5 Tracks" nun ein neues Studio-Album folgen, dessen etwas plattes Wortspiel im Titel den Gesamteindruck, den "HoboSapiens" hinterlässt, keinesfalls trüben kann. Wo fängt man an bei einem neuen Cale-Album? Vielleicht damit, dass "Things" erstaunlicherweise Single-Qualitäten hat, freilich als einziges Stück der Platte. Oder damit, dass sich die Arbeit mit David Byrne auf "Walking On Locusts" (1996) tief in Cales Unterbewusstsein gegraben haben muss: Im gespenstischen Schlusspunkt "Over Her Head" hallt doch tatsächlich "Cool Water" nach, das allerletzte, dräuende Stück der Talking Heads auf "Naked". Leicht machen soll Cale es einem natürlich nicht und wer nur wenig Zeit mit "HoboSapiens" verbringt, kann durchaus dem Irrtum unterliegen, John sei ein Wirrkopf geblieben. Wahrscheinlicher: Cale ist neben Robert Wyatt der letzte große Visionär.
Jan Wigger
John Cale - offizielle Website
Randy Newman - "Songbook, Vol.1"
(Nonesuch/Warner Bros.)
Bei jeder Gelegenheit wird betont, welch fabelhafter Zyniker doch in Randy Newman stecke (weil es die Wahrheit ist), zu selten jedoch, dass er noch immer einer der allergrößten Songschreiber weltweit ist. Seine letzte LP "Bad Love", ein durchweg bestechendes Werk, lief wieder nur schleppend an, Randy musste immer mal wieder Filmmusik komponieren, um sich den Lebensunterhalt zu sichern. Man könne seine Stücke nicht mitsingen, nicht mal mitsummen, sagt er, und das ist eine glatte Lüge. Auf "Songbook Vol.1" kann man 18 von
Newmans meisterlichen Songs noch einmal hören - aufs Wesentliche reduziert, der Meister selbst spielt Klavier und singt, das war's. "Sail Away" oder "In Germany Before The War" funktionieren auch ohne Streicher, denn Songs wie diese sind unzerstörbar. Auch "The World Isn't Fair", auch "The Great Nations Of Europe", beide jüngeren Datums, werden durchs "Songbook" noch einmal ausreichend gewürdigt. Für Randy Newman bleibt es bis auf weiteres einsam an der Spitze. Jan Wigger
Songwriter-Guru Randy Newman: "Ich mag die Amerikaner"
Blondie - "The Curse Of Blondie"
(Epic/Sony Music)
Könnte man doch nur glauben, was einem Tag für Tag so erzählt wird, beispielsweise die putzigen Geschichten über das neue Album von Blondie. "Ohne jegliche Anbiederungsversuche" soll Debbie Harry im ersten Track "Shakedown", einer schwülstigen, austauschbaren R&B/HipHop-Nummer angeblich rappen, dabei könnte man Tränen vergießen, wenn man an "Eat To The Beat" denkt und an die Tatsache, dass sich eine Legende wie Harry hier ihr eigenes Grab schaufelt. Sie war eine von denen, die man nie altern sehen wollte. Aber Obacht: Vernachlässigen wir bloß nicht das "Recht aufs Älterwerden"! Gut, wir denken dran - aber das Recht aufs Peinlichwerden, hat das zwischenzeitlich irgendjemand eingeführt? Bryan Ferry oder David Bowie doch ganz sicher nicht. Kurz gesagt: "The Curse Of Blondie" ist eine traurige und leider oft auch würdelose Veranstaltung mit einem treffenden Titel. Einen Gnadenpunkt für den Song, in dem Joey Ramone gedacht wird. Jan Wigger
Blondie - offizielle Website