Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Jet, The Rapture, Van Morrison und John Mayer sowie ein opulentes Best-Of-Album von Billy Bragg.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jet - "Get Born"
(EastWest/Warner Bros.)


Auf verschmutzten Garagen-Rock musste man ja in den letzten zwei Jahren nicht wirklich verzichten, doch Australien hat bislang lediglich The Vines hervorgebracht, deren ordentlichem Debüt "Highly Evolved" demnächst ein zweites Album nachfolgen soll. So zweifelsfrei wie die Vines Nirvana nacheiferten, sind Jet, die man in Großbritannien turnusgemäß zur jüngsten Rock-Sensation kürte, kinderleicht als Fans der Rolling Stones zu identifizieren. Deren glanzvollste Phase, von "Beggar's Banquet" (1968) bis "Exile On Main Street" (1972) also muss das nachlässig rasierte Quartett stark beeindruckt haben, denn knochentrockene Songs wie "Rollover DJ" oder "Cold Hard Bitch" leben die Verwegenheit und Subversion der teuflischen Verbindung Jagger/Richards wie nichts anderes, was sich in den letzten Monaten in irgendeiner Form "Rock" auf die Fahnen schrieb. Dazu kommen ausgereifte, durchdachte Balladen im Lennon-Stil, von denen "Look What You've Done" sicher die ansprechendste ist. Ein äußerst gelungenes Debüt, keine Frage. Jan Wigger


Jet - offizielle Website 


The Rapture - "Echoes"
(Vertigo/Universal Music)


Vielleicht ist Disco-Punk ja doch eine gar nicht so falsche, wenn auch nur wenig ausreichende Beschreibung für das, was The Rapture (natürlich aus New York) auf den elf sehr eigenwilligen Tracks von "Echoes" veranstalten. "House Of Jealous Lovers", einer der gemeinsten Ohrwürmer nicht nur dieses, sondern auch schon des letzten Jahres, steht im Zentrum einer Platte, die von windschiefem Soul ("Open Up Your Heart") über House ("I Need Your Love") bis hin zu einer unfassbar qualvollen Ballade ("Infatuation") im Grunde alles zu bieten hat. Fast schon eine Art Treppenwitz ist der drollige Robert-Smith-Gesangsstil, der auch schon zu anderen Aufsteigern wie Hot Hot Heat und The Good Life so prächtig passte. "Echoes", nach diversen EP- bzw. Single-Veröffentlichung lang erwartet, ist ein großartiges Album geworden, das so mancher beim ersten Hören angewidert in die nächstbeste Ecke schmiss. Auch eine Form von Liebe. Oder, um es mit Elvis Costello zu sagen: "I used to be disgusted, now I try to be amused". Klappt hervorragend! Jan Wigger


The Rapture - offizielle Website 


Billy Bragg - "Must I Paint You A Picture? The Essential Billy Bragg"
(Cooking Vinyl/Indigo)


Es gibt ja durchaus noch Erfindungen, die der Menschheit wirklich nützen. Zum Beispiel brachte das geschmackssichere Label Cooking Vinyl ja unlängst schon diese hübsche, orange Camper van Beethoven-Box heraus und hat sich nun wieder selbst übertroffen - mit einem hübschen, gelb-blau-roten, limitierten Triple-CD-Set, darauf ein Bild von Billy Bragg, dem einzig ernstzunehmenden Sozialisten unter den Folk-Troubadouren. Wer die schönsten Bragg-Alben "Life's A Riot With Spy Vs. Spy" und "Talking With The Taxman About Poetry" hat, braucht "Must I Paint You A Picture?" trotzdem. Hier finden sich immerhin drei der Songs mit Wilco, auch etwas vom letzten, famosen Bragg-Album "England, Half English" und zehn absolute Raritäten. Kaum erwähnenswert, dass einem diese insgesamt 50 Stücke ganze Tage retten können. Für die Nächte gibt es ja noch Smog. Jan Wigger


Billy Bragg - offizielle Website 


John Mayer - "Heavier Things"
(Columbia/Sony Music)


Dreifach-Platin und ein Grammy für die beste Gesangs-Performance: Bessere Voraussetzungen für ein Scheitern mit dem zweiten Album kann es eigentlich gar nicht geben. Mit seinem Debüt "Room For Squares" und einer schmeichelnden Stimme hatte sich der damals 24-jährige Amerikaner John Mayer vor einem Jahr in die Herzen seiner Landsleute gesungen. Auch hierzulande konnte man zumindest der Single "Your Body Is A Wonderland" dank einiger Radiosender kaum entkommen. Auf dem Cover seiner zweiten Platte hat sich der brav bis belanglos aussehende Newcomer nun eine Gitarre ungehängt einen grimmigen Blick gewählt und oben drüber "Heavier Things" geschrieben. Nun, über das Gewicht einer handelsüblichen Fender Stratocaster lässt sich streiten, über die offensichtlich geglückte Entkrampfung Mayers jedoch nicht. Noch immer dient sich der weich gespülte Singer/Songwriterpop des Kalifoniers wohl am ehesten denen an, die auch bei Seal oder - noch schlimmer - der Lighthouse Family zugreifen - dennoch wirkt der ganze Sound mutiger, die Songstrukturen sind verfestigt, so dass sich der Milchbubi durchaus mal traut, maßvoll loszurocken, wie auf dem wunderbaren "Split Screen Sadness" oder dem ansatzweise konsumkritischen "Something's Missing". Einer der seltenen Fälle also, bei dem das Album nach dem Über-Erfolg schlicht das bessere ist. Andreas Borcholte

John Mayer - offizielle Website 


Van Morrison - "What's Wrong With This Picture?"
(Blue Note/Capitol/EMI)


Man hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen: Die Freude auf eine neue Van-Morrison-LP war bis zuletzt vorhanden und ungetrübt, auch von einer Song-Sammlung wie "Down The Road", die man sich zwar daheim ins Regal stellte, aber doch eher deshalb, weil sie von Van war. Nicht einmal ansatzweise konnte sie es mit Morrisons Arbeiten aus den Siebzigern aufnehmen und die Oberen der Plattenfirma, so war zu hören, gingen dem Meister auch schon wieder auf die Nerven. Mit "What's Wrong With This Picture?" ist der alte Misantroph nun beim legendären Jazz-Label Blue Note gelandet und wo auch sonst würde er besser hinpassen? Auf diese durchweg wundervollen Stücke hier (wir nennen einmal "Evening In June" und "Once In A Blue Moon") reagiert man mit freudigem Erstaunen - wirklich gerechnet hätte man mit einer solch genuinen Morrison-Platte nicht mehr. Dem unwiderstehlichen Swing von "Whinin Boy Moan" kann man es anhören: Hier quatscht ihm keiner rein, hier lassen sie ihn machen. Also dann: Auf die nächsten zehn Alben! Jan Wigger

Mehr lesen über