Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Courtney Love stilisiert sich zur Anti-Madonna, Norah Jones übt sich im Wohlklang, Marr haben alles, was man braucht, Lambchop bringen Kritiker in Verlegenheit und die Einstürzenden Neubauten sind besser als ihr Ruf.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Courtney Love - "America's Sweetheart"
(Virgin/EMI)


Eigentlich hatte man ja gedacht, die gute Courtney hätte sich aus dem Drogensumpf befreit. Doch wer die Hole-Chefin und Cobain-Witwe auf ihrem ersten Solo-Album mit brüchiger, verschlurrter Stimme singen hört, ahnt, dass dies wohl ein frommer Wunsch bleiben wird. Schade, denn die Voraussetzungen für ein hervorragendes Album waren durchaus vorhanden. Produziert von Handwerkern wie Matt Serletic und John Barber, gemixt von Andy Wallace, geschrieben zum Teil von Linda Perry und Bernie Taupin konnte eigentlich kaum etwas schief gehen, doch trotz aller versammelter Rock-Kompetenz will der Funke einfach nicht überspringen. Es liegt natürlich an Love, die sich in Songs wie "Mono" oder "All The Drugs" darauf beschränkt, über das schnelle und flüchtige Leben in L.A.zu zetern und zu jammern. Die Welt ist so schlecht, das Leben so unfair, dass man sich nur in Drogen flüchten kann, so scheint Love zu denken. Zeilen wie "All my love's in vain/ Cannot find a vein" beantworten alle weiteren Fragen. Das als Schlagzeilen-Monster und Skandalnudel gesammelte Talent fürs Dramatische verarbeitet Love indes gar nicht ungeschickt, beispielsweise in "Sunset Strip", einem opulenten Kracher zwischen "All Tomorrow's Parties" und "Tal der Puppen". Und sicher, abgefuckte Drogen-Delirien können Charme haben und gehören zum Rock'n'Roll seit die Stones "Sticky Fingers" heraus gebracht haben. Aber Loves Larmoyanz nervt auf die Dauer und überzieht alles, was an "America's Sweetheart" genießbar wäre, mit einem bitteren Schimmelpelz. Immerhin stilisiert sich die Drogen-Diva (auf dem Cover geriert sie sich charmant gezeichnet als gefallenes Engel-Pin-Up) mit ihrem Solo-Versuch erfolgreich zur Anti-Madonna: zynisch, destruktiv und - vermutlich - unerfolgreich. (5) Andreas Borcholte


Courtney Love - offizielle Website 


Norah Jones - "Feels Like Home"
(Blue Note/EMI)


Das Unbehagen, das einen beim Hören des zweiten Albums von Norah Jones leicht befallen kann, hat weniger mit den durch und durch harmlosen, wohltuenden Songs auf "Feels Like Home" zu tun, sondern vielmehr mit einem Gefühl, von dem man glaubte, es überwunden zu haben: Das Gefühl, dass sich unter den Fantastilliarden Norah Jones-Hörern eine Vielzahl derer befinden, die den seifigen Mist von Laith Al-Deen bei Einkaufstouren im ortsansässigen Media-Markt auf Platz 1 der deutschen LP-Charts befördert haben, "My Big Fat Greek Wedding" für einen guten Film halten, Dido für "gefühlvoll" und - unvermeidlich - Norah Jones für eine der so genannten "starken Frauen", zu denen unter anderem ja auch die vorlaute und keinen Deut erotische Schmuddelgöre Pink gehört. Man muss solche Gedanken zusammen mit denen an Prosecco und Lounge-Bars rigoros ausblenden, um sich der einfachen Schönheit eines Songs wie "Sunrise" bewusst zu werden oder der doch recht hübschen Bluegrass-Annäherung "Creepin' In" etwas abzugewinnen. Der Rest ist bloßer Wohlklang, der in dieser Fülle nicht wirklich zu allen Gelegenheiten passt. Aber Garth Hudson und Levon Helm sind dabei! Und sah Norah Jones nicht reizend aus mit all den Grammys im Arm, die sie geradewegs und in letzter Sekunde vom Wühltisch gerissen zu haben schien? Ein Lied über Zehen ist übrigens auch drauf. (6) Jan Wigger

Norah Jones - offizielle Website 


Marr - "Express And Take Shape"
(Grand Hotel van Cleef/Indigo)


Die ohnehin fürchterliche schwäbische Metal-Band Farmer Boys sprach kürzlich in einem Interview einen sehr lustigen und in all seiner Ahnungslosigkeit geradezu epochal lästigen Satz: "Die Leute wollen unterhalten werden. Ich finde, dass es bei uns zu wenige Bands gibt, die sich trauen, etwas Eigenes zu machen, und die das dann auch mit Herzblut durchziehen." Wer an dieser Stelle weiter liest, statt zur letzten 4Lyn-Platte stupide den Kopf zu schütteln, den dürfte Marr erfreuen, die neueste Hoffnung des Hamburger Labels Grand Hotel van Cleef (das ist die Plattenfirma, die gerade in so ziemlich allen Musikzeitschriften die Jahrespolls gewinnt, außer vielleicht in "Yam") "Define the importance of things/ It's known in our hearts/ But are we artists enough/ Have we got what it takes/ To express and take shape", singt Jan Elbeshausen im Titelstück zu schneidigem, vertrackten Gitarren-Rock für Freunde von The Van Pelt und At The Drive-In. (7) Jan Wigger


Marr - offizielle Website 


Einstürzende Neubauten - "Perpetuum Mobile"
(Mute/EMI)


Ein kluger, ein sympathischer, ein stilvoller Mensch, dieser Blixa Bargeld. Das wird gerne verdrängt oder vergessen beim Hören von Kakophonien wie "Ich bin's" oder teils unhörbaren Schmerzenswerken wie "Zeichnungen des Patienten O.T.". Doch das ist lange her und spätestens mit dem wunderschönen Stück "Stella Maris" werden die Einstürzenden Neubauten nicht mehr bloß als Störfaktor mit einigen gefassten Momenten wahrgenommen. Eine ordentliche und alles in allem gar nicht so verkopfte Leistung ist dann auch "Perpetuum Mobile" geworden, das vielleicht noch einmal dazu beitragen kann, die alten Vorbehalte aus dem Weg zu räumen: "Ein leichtes leises Säuseln" beispielsweise ist scheint sogar den Tindersticks oder Element Of Crime verwandt. (6) Jan Wigger


Einstürzende Neubauten - offizielle Website 


Lambchop - "Aw C'mon /No You C'mon"
(City Slang/EMI)


Die Ängste waren unbegründet, das Jahr kann weitergehen: Kurt Wagner und Lambchop sind noch immer in der Lage, gar Großartiges zu erschaffen. Nur hätte Wagner sich nach dem erhebenden und absolut makellosen "Is A Woman", das noch gar nicht ganz verdaut ist, gerne etwas länger Zeit lassen können als zwölf Monate. Und dann auch noch gleich zwei Alben auf einmal, was die drängende Frage aufwirft, wie es in diesen Tagen eigentlich Karl Bruckmayer geht, der "Is A Woman" damals in der "Süddeutschen Zeitung" zu einem der besten 20 Alben aller Zeiten erklärte. Er sollte sich bester Gesundheit erfreuen, denn allein schon die Titel der 24 neuen Songs, die wieder den Soul haben, die Brillanz und natürlich die Langsamkeit, gehören teilweise zu den schönsten in Wagners nun recht langer Existenz als Kauz, Rückenkranker und Ex-Fliesenleger: "Each Time I Bring It Up It Seems To Bring You Down", "Women Help To Create The Kind Of Men They Despise" und selbstredend "Shang A Dang Dang"! Wer einen Sieger sehen möchte: "No You C'mon", das kann man so sagen, geht von den beiden Alben knapp als Erstes ins Ziel. (8) Jan Wigger

Lambchop - offizielle Website 

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