Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
George Harrison - "The Dark Horse Years (1976-1992)
(Parlophone/EMI)
Als der Postbote heute morgen klingelte, hatte er einen klotzigen, quaderförmigen Karton dabei, der nicht so recht zu den anderen Sendungen des Tages passen wollte. Als all das Papier beseitigt war, kam ein schwerer Würfel zum Vorschein, den man an der Stelle, wo George Harrisons Gesicht zu sehen ist, mit einem Nylonbändchen öffnen konnte. Im Inneren befanden sich jene fünf seltenen Alben, die Harrison auf seinem eigenen Label "Dark Horse" in den Jahren 1976 bis 1992 veröffentlicht hatte. Man hat auf diesen Platten wie in den Booklets noch sehr oft Gelegenheit, in das Gesicht George Harrisons zu sehen und muss doch immer nur daran denken, wie schnell und unbarmherzig die Lebenszeit verrinnt und wie lange dieser gläubige, unscheinbare und immer etwas unbeholfen wirkende Mann jetzt schon tot ist. Obwohl Harrison für die Bequemen immer bloß "der stille Beatle" war, erscheint er einem im Nachhinein als der Schlaueste von allen. Er war sich vielleicht als Erster bewusst, wo alles endet und im November 2001 verschwand er einfach.
Mit "Cloud Nine" und den darauf enthaltenen Klopfern "This Is Love", "When We Was Fab" und "Got My Mind Set On You" dürfte für viele Endzwanziger die Harrison-Zeit begonnen haben. Eine tolle Platte. Was letztlich auch die zugeben müssen, die sich immer nur über die Produktion von Jeff Lynne beschweren. "Somewhere In England", natürlich mit "Baltimore Oriole" und dem großartigen "All Those Years Ago" ist dabei, der allzu vergnügte Ausrutscher "Gone Troppo", "Thirty Three & 1/3" und "George Harrison", auf dem ja gerade das Schlichte und Leichtgängige ("Blow Away") so schön ist. Dazu kommt das Doppel-Album "Live In Japan" im Super-Audio-Format, Bonus-Titel, eine 75-minütige DVD, ein ganz herrliches, gebundenes Booklet und, nicht zu vergessen, der Würfel selbst! Winken sie deshalb nicht gleich ab, weil sie glauben, dass das Ding in ein paar Monaten nur wieder in der Ecke rumsteht, sie sowieso alles von Harrison (allerdings nicht "digital remastered"!) schon haben oder nur "All Things Must Pass" brauchen: Mit dem Harrison-Würfel, "Unearthed" von Johnny Cash und der The Cure-Box können sie auch Domino spielen oder eine Miniatur-Rutschbahn bauen. Das hätte vielleicht George Harrison nicht gefallen, aber ganz sicher Ringo Starr. Jan Wigger (keine Wertung)
George Harrison - offizielle Website
The Cure - "Join The Dots" (B-Sides And Rarities 1978-2001)
(Fiction/Universal Music)
Das Zeitalter der Box-Sets findet kein Ende und nun bekommen wir endlich das, was wir schon seit Jahren verdient haben: Ein ebensolches Box-Set von The Cure. "Join The Dots", soviel sei gleich zu Beginn gesagt, ist dann doch um einiges besser, als es mancherorts gemacht wurde. "Seventeen Seconds", "Faith" und
"Pornography" waren die verzweifeltsten, gebrochensten, verzagtesten, vor allem aber auch besten Platten von The Cure. Und was waren das für Zeiten, als wir diese drei Platten hintereinander weg hörten und gar nicht mehr aus dem Bett aufstanden. Zwar stimmt es, dass von diesen Alben im Grunde rein gar keine Outtakes
auf "Join The Dots" enthalten sind, doch die Erinnerung kommt durch seltene Stücke wie "Plastic Passion" oder dem obskuren "Do The Hansa" dennoch zurück. Chronologisch geordnet und auf vier CDs gibt "Join The Dots" Auskunft über weit mehr als zwei Dekaden The Cure, auch über den Trauerkünstler Robert Smith, der uns
begleitet hat seit frühesten Schulzeiten.
Mit "A Chain Of Flowers" und "Snow In Summer" sticht die eigentlich viel zu gut gelaunte "Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me"-Phase mit den schönsten, bislang wenig bekannten B-Seiten heraus, während anderes entweder Duplikat schon bekannter Smith-Stücke bleibt oder eben bloß Spielerei, wie die drei Versionen von "Hello I Love You", dem schon im Original überbewerteten Stück der vor allem an Universitäten und bei leichtgläubigen Hippie-Mädchen überbewerteten The Doors. Unklar bleiben dann aber doch die vielen Remixe: "Ey, Alter - schon den 'Ambient Mix' von 'This Is A Lie' auf der B-Seite von 'Gone' gehört? Echt knorke!" Niemals würden sich Cure-Fans in dieser Art und Weise unterhalten, denn nur die wenigsten Smith-Verehrer hören privat Autechre oder Aphex Twin. Aber noch einmal: Zumindest CD 1 und jeweils die Hälfte der zweiten und dritten CD von "Join The Dots" bleiben absolut unverzichtbar. Glückwunsch übrigens an den, der die knapp fünf Stunden ohne Ausfallerscheinungen durchhält. Jan Wigger (keine Wertung)
The Cure - offizielle Website
The Stands - "All Years Leaving"
(Echo/PIAS)
Howie Payne heißt der Mann, der bei der Liverpooler Band The Stands fast alles allein erledigt: Singen, Gitarre spielen, Songs schreiben, Noel Gallagher beeindrucken und Zeitungsartikel über The Band ausschneiden und sammeln, in denen Robbie Robertson erklärt, wie man für den Song (und nicht für sich selbst) musiziert und dabei auch noch zum zeitunabhängigen Klassiker wird. Wer bisher glaubte, dass Fran Healys "Coming Around" schon nahe und "Ain't That Enough" von Teenage Fanclub schon sehr nahe an den Byrds war, hat die erste The Stands-Platte "All Years Leaving" noch nicht gehört. An der Stelle, wo es in "This River Rolls Over You"
heißt: "No one to follow or to trace/ No wonder you are like you do", wird es beinahe unverschämt. Wenn man das Rückwärtsgewandte, das Schwelgen und den Folk-Pop an sich noch immer liebt, bleibt Gegenwehr dennoch zwecklos. Jan Wigger (7)
The Stands - offizielle Website
Naked Lunch - "Songs For The Exhausted"
(Motor/Universal Music)
Die Rubrik "Manchmal kommen sie wieder" wird heute von Naked Lunch aus Österreich angeführt. Die Erinnerung an die beiden ersten Alben, die schon viele Jahre zurückliegen, ist dennoch frisch: Zuerst das viel zu glatt produzierte Debüt, allerdings mit wirklich manierlichem Gitarren-Pop, der schon damals gerne mit The Notwist verglichen wurde. Danach "Love Junkies", optimistisch, hochmelodisch, ausschweifend und doch erfolglos. "Songs For The Exhausted" dröhnt zunächst wie My Bloody Valentine ("God") - eine Finte, denn fortan taumeln Stücke wie "Lost It All" zwischen Sekundenschlaf und totaler Depression. "Retainer", ganz zum Schluss, ist wunderschön, so einiges aber auch ganz einfach schlapp. Die Sache mit der permanenten Einsamkeit: Bill Murray und Bill Callahan helfen gerne weiter. Jan Wigger (6)
Naked Lunch - offizielle Website
Sun Kil Moon - "Ghosts Of The Great Highway"
(Jetset Records/Zomba)
"Summer dress / makes you more beautiful than the rest/ Loveliest girl that I know and the sweetest/ Spends her life inside, she thinks she isn't blessed/ Summer dress/ Seperates you from the rest." Wir hätten diese Zeilen aus Mark Kozeleks "Summer Dress" in Holzbänke und in Baumrinden ritzen sollen, als die Red House Painters für ein paar Monate die trübsinnigste Band der Welt waren. Stattdessen haben wir gar nichts getan und uns gewundert, dass Kozelek in seiner Jugend immer nur Neil Young und Cat Stevens gehört hat, aber Drake und Cohen gar nicht kannte. "Old Ramon", der letzten, hervorragenden Painters-LP folgte nichts mehr nach - Kozelek hat alte und neue Freunde versammelt und nennt das bloß noch Sun Kil Moon. "Ghosts Of The Great Highway", auf dem gleich der erste Song so heißt wie der Rhythmusgitarrist von Judas Priest, ist ein Versuch über die Lautlosigkeit und ein Verschwinden in 58 Minuten. Gleich danach "Katy Song" hören, über die volle Distanz. Jan Wigger (8)
Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)