Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von The Hidden Cameras, Ben Weaver, Superpunk, They Might Be Giants und The Bees
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

The Hidden Cameras - "Mississauga Goddam"
(Rough Trade/Rough Trade)

Mit Kanadas faszinierendster wie enigmatischster Band, den 13-köpfigen Hidden Cameras, begrüßen wir alte Bekannte. "The Smell Of Our Own", das Debüt aus dem letzten Jahr, fand sich an dieser Stelle verdient unter den zehn Platten des Jahres 2003 wieder. Und wenn uns nicht alles täuscht, so wird die Welt doch noch einmal gut: Die ansonsten hochgradig unsympathische Viva-Moderatorin Sarah Kuttner hat eklatant verspätet Adam Green für sich entdeckt, Captain Jack hat schon wieder keinen Sommerhit gelandet und Joel Gibb, Leiter des feinnervigen und immer erhebenden Kammer-Pops der Hidden Cameras schreibt noch immer die scharfsinnigsten, erfreulichsten Texte über schwulen Sex: "I beg and plead to be underneath/ The man with bread who wakens me/ He curls his breath and turns the dead/ It winds inside to fertilize" ("That's When The Ceremony Starts"). Dazu himmlischer Pop, der die Smiths belehnt, die Magnetic Fields überrundet und mit "Doot Doot Ploot" und "The Fear Is On" die zwei bislang größten Hits der "Gay Church Folk"-Spielgruppe aufbietet. "I found music and he found me/ I gave him some tambourine, he gave me a scream/ I washed his dirty underwear, he made me toast/ Music filled my mug with vaseline, I gave him a choke" ("Music Is My Boyfriend"). Superb! (9) Jan Wigger

The Hidden Cameras - offizielle Website 

Ben Weaver - "Stories Under Nails"
(Fargo Records/Rough Trade)

"I left a cloud of dust down every road / I saw my future reflected in every blade of snow / I was born with these two feet so as to follow my heart / And in the end they lead me to you" (Grieve All You Want"). So beginnt Ben Weavers "Stories Under Nails", eine existenzialistische, staubige Platte, auf der alles dunkel klingt und jedes Wort, jede Geste eine ganz bestimmte, unmissverständliche Bedeutung hat. Um die Reinheit des Herzens und darum, sich den Arsch abzutouren, geht es diesem Songschreiber aus Minnesota, der bereits einige Alben veröffentlicht hat, die wie "Stories Under Nails" Blues, Folk und Country zu seiner jeweils ursprünglichen Form zurückführen. Und sind wir nicht froh, dass jemand den steinigen, beschwerlichen Weg für uns geht? "It's like a friend of mine said/ There's really no going back/ I better leave now because you know we'd never last/ I'm all gone now like the morning and the dove" ("Old Mule"). In diesem Album stecken mindestens ebenso viele Wahrheiten wie in Lou Yes Film "Suzhou River". (8) Jan Wigger

Ben Weaver - offizielle Website 

Superpunk - "Einmal Superpunk, bitte!"
(L'Age D'Or/Rough Trade)

Die Liste der Peinlichkeiten und Verfehlungen beim deutschsprachigen Texten ist lang und wird mit jedem Jahr länger. Wir müssen hier nicht einmal an Pur oder Rosenstolz erinnern, sondern können getrost bei Gunter Gabriel verweilen, der "House Of The Rising Sun" schon vor längerer Zeit folgendermaßen eindeutschte: "Es steht ein Haus im Kosovo/ Es ist total zerbombt." Ach, Gunter. Superpunk singen "Um die Selbsttötung zu vermeiden/ Muss ich bei dir bleiben/ Doch es zehrt an meinen Nerven/ Und es beginnt mich aufzureiben/ Bitte tu den ersten Schritt:/ Bitte verlass mich.". So wird's gemacht, und so fügen Hamburgs "Top Old Boys" ihren Evergreens "Neue Zähne für meinen Bruder und mich", "Ich bin kein Ignorant, ich bin kein Idiot" oder auch "Auf ein Wort, Herr Fabrikant" mit "Einmal Superpunk, bitte" noch ein paar weitere hinzu. Den durchaus etwas altmodischen Northern Soul von Superpunk kann man auch diesmal wieder am besten besoffen genießen, ohne jemals in den Verdacht des Toten Hosen-Bierzelt-Gegröles zu kommen. Schönstes Stück: "Die Bismarck". (7) Jan Wigger

Superpunk - offizielle Website 

They Might Be Giants - "The Spine"
(Cooking Vinyl/Indigo)

Natürlich muss man den Tatsachen ins Auge sehen: Wer sich bisher nicht für den sehr eklektischen, überspannten Pop von John Flansburgh und John Linnell interessierte, wird anlässlich "The Spine" ganz sicher nicht damit anfangen. They Might Be Giants, deren Nachteil es vielleicht war, nicht so ernsthaft und kunstbeflissen wie XTC und nicht so präsent wie Ween gewesen zu sein, haben zwar mit ihrem letzten Album "Mink Car" recht erfolgreich alte Stärken mobilisiert und durften sogar die Fernsehsendung "Malcolm In The Middle" untermalen, doch waren die jüngsten Stücke naturgemäß immer auch Variationen der alten Großtaten ihrer bestechendsten Alben "Lincoln" (1989) und "Flood" (1990). "The Spine" ist indes nicht zu ihren besten Leistungen zu zählen, wenn auch in jeder Minute unverkennbar ist, dass es sich um die zwei albernen Schrumpfköpfe Linnell und Flansburgh handelt, die hier wacker gegen das Vergessenwerden ankämpfen. Sie sollten vielleicht auch endlich mal auf Tour kommen. (6) Jan Wigger

They Might Be Giants - offizielle Website 

The Bees - "Free The Bees" (Labels Germany)

Man hatte sich hübsch eingerichtet in der entspannten Beschaulichkeit des Bees-Debüts "Sunshine Hit Me" (2002), das eine "Mercury-Prize"-Nominierung für das beste Album des Jahres nach sich zog. Mit "Free The Bees" haben die Bees, die wie der Songschreiber Drew von der Isle Of Wight stammen, ein Album aufgenommen, das bei allem gesunden Menschenverstand nicht mehr dieselbe Band wie vor 2 Jahren vermuten lässt, an allen Ecken und Enden surrt, fiept und summt und zudem den mit äußerster Vorsicht zu benutzenden Begriff "Retro" einmal vollkommen rechtfertigt: "No Atmosphere" oder "Horsemen" lassen zweifellos auf Endsechziger-Sozialisierung schließen, "I Love You" ist das bisher wohl weltvergessenste, seelenvollste Stück von Aaron Fletcher und Paul Butler und der Höhepunkt von "Free The Bees". "I have told you not to worry" heißt es einmal, und die frühe Meisterschaft ist bereits für das nächste Album zu erwarten. (7) Jan Wigger

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