Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Devendra Banhart, Social Distortion, Dizzee Rascal, Enders Room und eine Neu-Auflage des Clash-Klassikers "London Calling".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

The Clash - "London Calling - 25th Anniversary Edition"
(Columbia/Sony Music)


Nun hat man "London Calling" also noch einmal auf dem Tisch liegen - und sitzt ratlos davor. Was bitte soll man zu einer solchen Platte noch schreiben? Es ist ja längst alles darüber gesagt und geschrieben worden. Joe Strummer ist tot, die Ramones bald auch, eine Schande sondergleichen, und wer den Dezember 1979 qua später Geburt nicht miterleben konnte, hat sich dieses und die anderen Alben der Clash eben später besorgt. Soll man etwa Fakten sammeln? Den Leser "informieren", wie es in jeder dritten reiz- und leidenschaftslosen Plattenbesprechung geradezu in Beamten-Manier getan wird? Das würde zwar kein bisschen zu The Clash passen, aber gut: Die so genannte "25th Anniversary Edition" enthält das Doppel-Album "London Calling", eine zweite CD mit den "Vanilla Tapes", Entwürfe und fast schon fertige "London Calling"-Stücke sowie fünf noch gänzlich unveröffentlichte Songs, die eigentlich auch unveröffentlicht hätten bleiben können. Dazu: die obligatorische DVD, "The Last Testament" mit einem aufschlussreichen "Making Of" und Promo-Kram, das Booklet, 36 Seiten, Fotos, auch unveröffentlicht, fertig. Eine minder talentierte Band wie New Model Army hat allein auf den ersten 3 Minuten, 19 Sekunden dieser Doppel-LP die halbe Karriere aufgebaut. Und bis die Libertines kamen, hat Rockmusik nie wieder so geklungen wie auf "London Calling". (ohne Wertung) Jan Wigger


The Clash - offizielle Website bei Sony Music 


Devendra Banhart - "Nino Rojo"
(XL Recordings/Indigo)


Bloß ein paar Monate ließ Devendra Banhart verstreichen, schon drängte es ihn, wieder ein ganzes Booklet mit seinen surrealen Zeichnungen und höchst eigentümlichen Texten über Sex mit Schweinen und das beinharte Dasein kleiner Spatzen zu füllen. Der Bartträger aus San Francisco, der ein Nomadenleben führt, soll mittlerweile in Frankreich residieren und selbstverständlich kann Banharts dritte Songsammlung gar keinen normalen Titel tragen, sondern muss mythisch "Nino Rojo" heißen. Devendras Gegurre und Geleier bleiben beispiellos, seine Stimmakrobatik unnachahmlich - Er kann machen, was er will: Letztlich fühlt man sich immer ein wenig, als wäre man Teil von Nicholas Roegs Albtraum-Film "Wenn die Gondeln Trauer tragen". Und das ist Devendra Banhart hoch anzurechnen. (7) Jan Wigger


Devendra Banhart - Homepage bei Young God Records 


Dizzee Rascal - "Showtime"
(XL Recordings/Indigo)


Dizzee Rascals "Showtime" wird nicht in der befreundeten monatlichen "Abgenickt"-Kolumne besprochen, weil es vor allem eine Platte für Leute ist, die sich gar nicht für HipHop interessieren. Diese Leute lieben Filme wie "Boyz N The Hood" und "Menace II Society" und jeden Ton von The Streets, haben aber sonst nur ein paar Alibi-Alben von Public Enemy und A Tribe Called Quest im Schrank, falls mal ein paar Homies zu Besuch kommen. "Showtime" wird ihre neue Lieblingsplatte. Nicht nur die wirklich düsteren Beats, auch Rascals vollkommen unkonventionelle und hochgeschwindige Art zu rappen, sollten jeden begeistern, der sich auch nur ein bisschen fürs Geschichtenerzählen interessiert. "Dizzee Rascal livest, loudest, dirtiest, grimiest most hot dirty stank/ London stand up tall" ("Stand Up Tall"). Die Versammlung von Zuhälter-Typen im "Kämpf um deine Frau"-Container von Sat.1 hätte Dizzee jedenfalls in einer Viertelstunde erledigt. (8) Jan Wigger


Dizzee Rascal - offizielle Website bei XL Recordings 


Social Distortion - "Sex, Love And Rock'n'Roll"
(Kung Fu Records/Rough Trade)


Unsere müden Augen täuschen sich nicht: Acht Jahre nach "White Light, White Heat, White Trash" haben sich Mike Ness' Social Distortion tatsächlich zu ein paar neuen Songs aufgerafft, die man zwangsläufig dem vor viereinhalb Jahren an einer Hirnblutung verstorbenen Social-Distortion-Gitarristen Dennis Danell gewidmet hat. Natürlich ist der Album-Titel ein einziges Klischee, auch das Cover sieht aus wie jene Ausgabe der Metal-Zeitschrift "Rock Hard", in der man sich vor Jahren besorgt fragte: "Ist der Metal tot?". Weniger um Metal, sondern um den Punkrock der alten Schule, um die Stimme der Sehnsucht und um absolute Verlässlichkeit geht es auf "Sex, Love And Rock'n'Roll". Den Menschen, die sich heute ihr Green-Day-Album sichern werden, seien genau zwei Dinge gesagt: Sich die Social-Distortion-Platte nicht auch zu kaufen, wäre geschichtslos. Und bei "Highway 101" nicht Graham Parker mitzudenken und auch dessen Lieder wieder einmal aufzulegen, wäre nicht weniger als jammerschade. (7) Jan Wigger


Social Distortion - offizielle Website 


Enders Room - "Human Radio"
(Enja Records/Sony Music)


Johannes Enders wurde 1967 geboren, dem Jahr, in dem die Jazz-Legende John Coltrane starb. Hat dieser Wink des Schicksals den stämmigen Bayern beeinflusst? Aber ja. Inzwischen wäre es aber fast vermessen, dem Tenor-Saxofonisten aus Weilheim mit seinen offensichtlichen Vorbildern zu begegnen; er gehört längst selbst zur Weltelite. Auch Vergleiche deuten oft in die falsche Richtung: Der deutsche Joshua Redman sei Enders, schrieb einmal ein US-Blatt. Das war nett gemeint, mit dem inzwischen recht saturiertem Sound des Amerikaners hat Enders nichts zu tun. Als fester Bestandteil des Jazz-Experiments Tied & Tickled Trio und Gastmusiker bei The Notwist ist Enders längst auch einer breiteren Pop-Gemeinde bekannt; sein eigenes Projekt Enders Room begeisterte bereits vor zwei Jahren mit dem Debüt "Monolith" die Fachpresse. Warum? In bester neo-skandinavischer Tradition verknüpft Enders seinen nach allen Seiten offenen Saxofon-Sound mit Elektrobeats und Pop-Elementen. Die meisten Instrumente spielt er selbst, zur Seite stehen ihm allerdings namhafte Jazzer wie Joo Kraus und Thomas Stabenow, vor allem aber die Norwegerin Rebekka Bakken mit ihrem elfenhaften Gesang. Das Ergebnis klingt auch auf "Human Radio" wie Musik aus einer anderen Welt: einerseits funky und hypnotisch, andererseits ätherisch und improvisiert. (8) Andreas Borcholte

Johannes Enders - offizielle Website 



Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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