Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Smog - "A River Ain't Too Much To Love"
(Deltasonic /Domino)
Nach jahrelanger und kaum je unterbrochener Fronarbeit buchte der Verfasser dieser Zeilen einen Kurzurlaub, den er drei Tage später wieder stornieren musste, weil Bill Callahan alias Smog seine erste kleine Deutschland-Tour seit Ewigkeiten zum falschen Zeitpunkt durchzuführen gedenkt. Bis es so weit ist, nehmen wir mit "A River Ain't Too Much To Love" vorlieb, einer Platte, die verlässlich das alte Smog-Gefühl zurückbringt, das sich immer dann einstellte, wenn man schwer angeschlagen das Muster des Fußbodens studierte, erfolglos versuchte, so sonor zu brummeln wie Callahan selbst und unsterbliche Smog-Klassiker wie "Your Wedding", "I Break Horses" oder "Prince Alone In The Studio" wieder und wieder hörte. Auch "A River Ain't Too Much To Love" (ein wundervoller Titel!) ist ein Meisterwerk, doch dürfte es eher unwahrscheinlich sein, dass der Stoiker Callahan damit mehr als eine Handvoll neuer Fans hinzugewinnt. "I love my mother/ I love my father/ I love my sisters too/ I bought this guitar/ To pledge my love/ To pledge my love to you/ I am a rock bottom riser/ And I owe it all to you" ("Rock Bottom Riser"). Es gibt keine Stimme, der man lieber zuhören würde, wenn einmal das Ende kommt. (VÖ: 30.5.05) (8) Jan Wigger
Domino Records - offizielle Website
Martha Wainwright - "Martha Wainwright"
(Drowned In Sound Recordings/UK-Import)
War das ein Aufruhr, als Marthas Bruder Rufus in der Stadt war: Mädchen berichteten staunend und leichenblass davon, am Morgen mit Wundmalen nicht näher geklärter Herkunft aufgewacht zu sein. Beim Konzert sah man gestandene Männer weinen, und in der Umbaupause ließ der Mann mit der angenehmsten Stimme der Welt "Martha Wainwright" laufen, das Debüt seiner Schwester, das alles in allem deutlich irdischer ist als seine eigenen Arbeiten. Auch Marthas Stimme hat etwas Einzigartiges: Sie ist rau, kratzig und flamboyant, aber auch höchst sensibel und entzieht sich so den üblichen Vergleichen mit Patti Smith, Liz Phair oder Polly Jean Harvey. Wie Rufus mit "Dinner At Eight" hat auch Martha Wainwright eine bittere Abrechnung mit Vater Loudon Wainwright III im Angebot, die sich "Bloody Mother Fucking Asshole" nennt: "I will not pretend/ I will not put on a smile/ I will not say I was allright for you/ When all I wanted was to be good/ To do everything in truth." Nur als Import erhältlich, aber äußerst günstig, wenn man weiß, wo.(7) Jan Wigger
Martha Wainwright - offizielle Website
The Coral - "The Invisible Invasion"
(Deltasonic/Sony BMG)
Die grandios trübsinnige und hoffnungslos nostalgische Jungsbande, die der Langeweile im englischen Kaff Hoylake, Merseyside, mit Kiffen und unzähligen Sixties-Platten begegnet, wurde für ihren wenig motivierten Schnellschuss "Nightfreak And The Sons Of Becker" zurecht gerügt: "Auntie's Operation", "Migraine" und manch andere dahingeschluderte Song-Skizze ließen all die Brillanz ihres rührenden zweiten Albums "Magic & Medicine" vermissen. Für "The Invisible Invasion" hat sich das Sextett glücklicherweise an eigene Geniestreiche wie "Pass It On" oder "I Remember When" erinnert und spielt ihn wieder, den phantasievoll arrangierten, traumverlorenen und immer etwas bedröhnten Psychedelic-Folk, den niemand besser kann als sie selbst. Im vielleicht schönsten Song "So Long Ago" wird das unerbittliche Voranschreiten der Zeit, das auch die strahlendsten Erinnerungen verblassen lässt, besungen und bedauert. The Coral hingegen sind präsenter denn je: Vergessen wird man sie nicht mehr. (7) Jan Wigger
The Coral - offizielle Website mit Audio und Video
Hal - "Hal"
(Rough Trade/Sanctuary)
Mit The Stands und The Thrills gibt es bereits zwei Bands aktuelleren Datums, die ihre massiven Byrds- und Beach-Boys-Einflüsse selbstbewusst ausstellen. Das irische Quartett Hal, dessen letztjährige erste Single "Worry About The Wind" eines der wenigen Beispiele für einen von vorne bis hinten perfekten Pop-Song ist, treibt es nun mit seinem ersten Album "Hal" auf die Spitze: "Play The Hits" und "Don't Come Running" sind so nah an den Beach Boys der "Sunflower"-Phase wie keine andere Gruppe in den letzten Jahren. Hal-Sänger Dave Allen, dessen Bruder Paul ebenfalls mitspielen darf, findet das ganz natürlich: "Es kommt oft vor, dass mir Leute ein aktuelles Album ans Herz legen, dass ich mir dann auch durchaus ein paar Tage oder länger anhöre. Aber ich kehre immer wieder zu den Künstlern zurück, die ich liebe: Harry Nilsson, Brian Wilson, Van Morrison." Die selbstlose Liebe zu den alten Meistern - nachzuhören auf dem erstaunlichen Debüt von Hal. (7) Jan Wigger
Van Morrison - "Magic Time"
((Universal)
Mit noch nicht Bekehrten Diskussionen über Van Morrison zu führen, ist eine bald schwierige, bald ermüdende Angelegenheit: Wer nur "Astral Weeks", "Moondance", "Veedon Fleece" und vielleicht noch "Into The Music" besitzt, wird meistens sagen, dass man keine weiteren Morrison-Platten mehr braucht, weil die ohnehin ähnlich klingen würden. Tatsächlich braucht man mindestens 20 Van Morrison-Platten, jedoch nicht zwingend jene, die der stets missgelaunte Meister in den letzten Jahren aufgenommen hat. Mit "Magic Time" verhält es sich ähnlich wie mit den letzten Studio-Alben "Down The Road" und "What's Wrong With This Picture": Morrison und seine exzellente Begleitband spielen höchst routiniert und stilsicher ihren Stiefel runter, ohne dass dem irgendwo zwischen 30 und 40 Alben liegendem Oeuvre etwas Nennenswertes hinzugefügt würde. Was auch heißt: "Magic Time" kann man bedenkenlos zur Van-Sammlung stellen. Schade nur, dass das Cover so grausam verkitscht ist.(6) Jan Wigger
Van Morrison - offizielle Website
Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)