Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
The White Stripes - "Get Behind Me, Satan"
(XL Recordings/Beggars/Indigo)
Neue Töne aus der charmantesten Do-it-Yourself-Butze von Detroit: dem Third Man Studio von Jack und Meg White. Knapp zwei Jahre nach dem bahnbrechenden "Elephant" erscheint mit "Get Behind Me, Satan" das fünfte Album der White Stripes - und es dürfte für Verblüffung sorgen: Nur 3 der 13 neuen Songs erinnern noch an den trockenen, knarzigen Gitarrensound, mit dem die Whites ihren weltweiten Ruhm begründeten. Der Rest wurde mit Piano, Drums, akustischer Gitarre und Marimba eingespielt. Das Konzept jedoch blieb im Großen und Ganzen gleich: Ein Teil der amerikanischen Musikgeschichte wird auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt - allerdings nicht unbedingt so, wie er vorher war. Blues und Country haben die White Stripes bereits hinreichend dekonstruiert, nun scheint die Reise in die Siebziger zu gehen, in die Ära der Rock-Dinosaurier Led Zeppelin und pompöser Bluesrocker wie Bad Company. Vokaltalent Jack White macht sich nicht schlecht als Robert-Plant-Imitator, manchmal erinnert seine weinerliche Stimme gar ein wenig an David Bowie. Die rudimentäre Produktion der Musik sorgt freilich dafür, dass alles klingt, als hätte man es einmal durch den Fleischwolf gedreht und dann rückwärts durch eine Wolldecke hindurch abgespielt. Das mag merkwürdig anmuten, hört sich aber phantastisch an und bietet mit geraden Rockern wie "Blue Orchid", "My Doorbell" oder "The Denial Twist" sogar die bisher eingängigsten Songs des Duos. Auch der Kürzeste ist dabei: Megs knapp 30-sekündiger Appell an alle Mädchen, auf ihre Mütter zu hören ("Passive Manipulation"). Wie man dem sympathisch verwirrten Text im Booklet entnehmen kann, ging es Jack bei diesem Album um die Suche nach der Wahrheit und die Frage, ob es sie überhaupt gibt. Schwierig, schwierig. Wahrhaftig scheint nur eines zu sein: Die White Stripes werden mit jedem Album besser. (9) Andreas Borcholte
Achtung: Veröffentlichung erst am 6. Juni!
White Stripes - offizielle Website
Oasis - "Don't Believe The Truth"
(SonyBMG)
Das nennt man ein Comeback nach Maß: Mit Oasis hatte wohl keiner mehr so recht gerechnet, nachdem die letzten beiden Alben "Standing On The Shoulder Of Giants" und "Heathen Chemistry" eher Mediokres zu bieten hatten. Pünktlich zur Veröffentlichung der neuen Single "Lyla", einem schamlosen Beatles-Rip-Off, präsentierten sich die Brüder Liam und Noel Gallagher nun wieder als jene Rüpel, die man einst lieb gewonnen hatte, und feuerten in der britischen Presse eine Breitseite gegen alle Emporkömmlinge: Kaiser Chiefs? Klingen wie "schlechte Blur". Keane? "Vollidioten". Libertines? "Scheiße". Franz Ferdinands Sänger Alex Kapranos erinnert Liam gar an "fucking Right Said Fred". So weit, so amüsant. Und an wen erinnern Oasis mit ihrem sechsten Album? Klar, wie immer an Beatles (siehe oben), Who ("Mucky Fingers"), Stranglers ("Part Of The Queue"), Velvet Underground und - äh - Beatles. Aber egal, denn durch das neue, jetzt verfestigte Bandprinzip, demzufolge nicht nur die Gallaghers Songs schreiben dürfen, sondern auch Gem Archer und Andy Bell, sind den Britpop-Veteranen aus Manchester ihre solidesten und souveränsten Songs seit langem gelungen. Sogar eine politische Dimension soll sich angeblich in den Textzeilen verbergen, denn die Lügen der Politiker gehen den Arbeiterklasse-Helden gehörig auf die Nerven. Viel Spaß beim Suchen der Botschaft, und währenddessen viel Vergnügen mit dem ersten gelungenen Oasis-Album seit "Revolver" ... Nein! "Morning Glory" natürlich! (8) Andreas Borcholte
Madsen - "Madsen"
(Vertigo/Universal)
Eine Band, die dieser Tage deutsch singt und bei einem Majorlabel veröffentlicht, ist erstmal suspekt: Der schnelle Ausverkauf der viel bemühten Neuesten Deutschen Welle mit minderwertigen Talenten muss vermutet werden. Doch dann wird man stutzig, denn kein geringerer als Thees Uhlmann, Sänger der ultrakorrekten Hamburger Indie-Band Tomte und Chef des honorigen Kleinlabels Grand Hotel Van Cleef meldet sich auf der offiziellen Website von Madsen zu Wort und schwärmt in den höchsten Tönen von diesen Newcomern ("Scheiße, schockt diese Musik"). Aber was schockt denn da so? Madsen, eigentlich Sänger und Songschreiber Sebastian Madsen, haben sich der dreiminütigen Rockattacke verschrieben und erheben den Anspruch, unglückliche Liebesdinge unverkitscht und lebenshilfegerecht auf den Punkt zu bringen. Das klingt manchmal tatsächlich schlau und gut - "Ich war schon so weit weg und hab mich wieder umgedreht, um noch mal nachzusehen, wie es dir so geht." ("Immer wieder") -, manchmal ist die Rhetorik aber auch ein bisschen platt: "Ich schreie so laut ich kann, doch für dich bin ich unsichtbar" ("Unsichtbar"). Gelernt haben die Jungs aus dem Wendland ihren geraden Garagenrock ganz offenbar in der Hamburger Schule, bei deren Vertretern sie auch den Mut zum übermäßigen Gebrauch des Wörtchens "Ich" abgeguckt haben dürfte. Aber genug gemäkelt: Madsen klingen tatsächlich so frisch und unverbraucht wie eine Schülerband, haben musikalisch aber eindeutig mehr drauf. Selten nur hört man jemanden so schön Nu-Metal-mäßig herumschreien wie Sänger Madsen in den Refrains von "Panik" oder "Die Perfektion". Uhlmanns Lob ist also gerechtfertigt, jeder Argwohn unbegründet: "Madsen" macht Spaß und dürfte angstvollen Teenagern ordentlich Identifikationspotenzial stiften. Fragt sich nur, warum Ullmann sie nicht gleich selbst unter Vertrag genommen hat. Tja, gäbe es nur die doofe deutsche Welle nicht ... (6) Andreas Borcholte
The Futureheads - "The Futureheads"
(Sire/Warner)
Das beste an den Retro-Rockplatten neueren Datums ist ja, dass sie mit der Unsitte der Neunziger aufräumen, eine CD immer mit den maximalen 74 Minuten Spielzeit vollzuknallen. Die zunehmende Beliebigkeit von Popmusik bis hin zur Zerfledderung ganzer Alben per iTunes rührt zum großen Teil von der schieren Übersättigung mit mediokren Titeln her, die als reines Füllmaterial geschrieben, produziert und auf Platte gepresst wurden. Weniger ist mehr, wissen wir spätestens seit kurzen und prägnanten Debüts von den Strokes, den Libertines oder Franz Ferdinand. Ohne die folgende Band in einem Atemzug nennen zu wollen, kommen auch die Futureheads mit knappen 34 Minuten aus, in die sie 15 großartige, atemlose Songs gepackt haben. Neu an dieser britischen Band ist nicht der Sound, denn der bezieht sich auf die inzwischen üblichen Verdächtigen The Jam, Gang of Four, XTC oder Wire. Interessant am Futureheads-Debüt ist allerdings, dass der Gesang mehrstimmig ist und stets ganz nach vorn gemischt wurde. Dahinter rumpelt oft nur ein recht übersichtliches Gerüst aus Schlagzeug, sprunghaftem Bass und riffender Gitarre, so dass zuweilen so etwas wie ein A-Cappella-Gefühl aufkommt. Einmal, in "Alms", lassen sie die Musik tatsächlich ganz weg - das muss man sich erstmal trauen. Doch nicht nur singen, auch Songs schreiben können sie, und zwar in bester, britischer Punktradition. Kein Wunder, dass Gang of Fours Andy Gill bereit war, fünf Stücke der Futureheads zu produzieren: Er kann stolz auf solche Epigonen sein - auch wenn sie in weniger genialen Momenten sehr unangenehm an die Housemartins und Big Country erinnern können. Kurz und gut: (7) Andreas Borcholte
The Futureheads - offizielle Website
Rob Thomas - "Something To Be"
(Atlantic/Warner)
Auch das muss man in diesen Zeiten erst einmal schaffen: Rob Thomas, bekannt als Sänger der Rockband Matchbox 20 und mehrfach ausgezeichneter Songwriter, belegte mit seinem Solo-Album in den US-Billboard-Charts den ersten Platz - und zwar vor den einschlägigen R&B- und HipHop-Stars, die die ersten zehn Plätze der amerikanischen Hitparade zumeist unter sich ausmachen. Dieses gelungene Kunststück spricht für den Ruf des Songschreibers Thomas, aber natürlich noch nicht für die Qualität des Albums. Wahr ist: Wer die Single "Lonely No More" gehört hat, die sich an kernigen Latino-Sounds orientiert und an Thomas' erfolgreiche Santana-Kooperation "Smooth" erinnert, ahnt, dass man es mit klassischem Gitarrenrock wohl nicht mehr auf den Spitzenplatz schafft. Auch wahr aber ist, dass der Rest des Albums glücklicherweise nicht so anbiedernd poppig klingt wie die Single. Hin und wieder experimentiert Thomas zwar mit artfremden Elementen und tupft mal Soul-, mal Ethno-Klänge ein, im Großen und Ganzen bleibt er sich jedoch treu und bietet stadiontauglichen Sensibelrock mit hervorragenden Melodien und Refrains. Thomas selbst sieht immer so aus, als könne er kein Wässerchen trüben, doch hinter dem unscheinbaren Äußeren steckt ein Künstler, der sich mit "Something To Be" eine eindrucksvolle Visitenkarte verteilt. Er ist zwar nur ein Mainstream-Rocker, aber unterschätzen sollte man ihn nicht. (5) Andreas Borcholte