Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Die britischen Cribs sorgen für frischen Wind, Of Montreal sind introvertiert wie immer, Moloko-Sängerin Roisin Murphy versucht sich als Zirkusdirektorin, The Robocop Kraus verringern ihre Chancen auf einen Clubhit, die Foo Fighters geben sich gereift.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

The Cribs - "The New Fellas"
(Wichita/V2/Rough Trade)

Es wird wieder Zeit für die nächste tolle Platte aus England. Den Journalisten dort drüben ist nämlich mittlerweile schon so langweilig geworden, dass sie einen Kleinkrieg zwischen zwei abgeschmackten amerikanischen Bands, The Killers und The Bravery, inszenierten. Die drei Cribs-Brüder Gary, Ryan und Ross aus dem nordenglischen Wakefield haben uns derweil ihr zweites Album "The New Fellas" beschert, elf scheppernde, aufgekratzte, arrogante Lieder, von Edwyn Collins (Ex-Orange Juice) produziert. Schön rabaukig und besoffen ist der "Whoa-Whoa!"-Chor in "Martell", ganz wunderbar das gebremste "Hello?...Oh" und der Abschluss "Things Aren't Going To Change". Bloß "Haunted", wohl als verschüchterte Huldigung an Graham Coxon gemeint, ist nicht gelungen. Die Schlüsselwörter: Punk, Post-Punk, New Wave, Garagen-Rock, Motown und der Mikrofon-Effekt von Julian Casablancas. Man kann nichts falsch machen mit dieser Platte. (7) Jan Wigger

The Cribs - offizielle Website 

Of Montreal - "The Sunlandic Twins"
(Track & Field/Cargo)

Immer wenn ein Künstler vollkommen zu Recht kein Verlangen verspürt, mit seinen Fans ein Bier zu trinken, schaulustigen Musikschreibern seine Songs zu erklären und auch sonst eher selten das Haus verlässt, müssen wir leider lesen, dieser Künstler sei ein "Kauz". Eine Band, in der es von Käuzen nur so wimmelt, müssten daher Of Montreal sein, die einst auf dem Label "Kindercore" veröffentlichten, "Friends Of Mine" von den Zombies coverten und ihre Stücke gern "Death Dance For Omipapas And Sons You Don't Know" oder "A Man's Life Flashing Before His Eyes While He And His Wife Drive Off A Cliff" nennen. Auch das siebte Of-Montreal-Album "The Sunlandic Twins" ist wieder großartig geworden: Kennerhaftes Beatles- und Kinks-Songwriting zu Elektro-Pop und übersprudelndem Gesang. Und "The Party's Crashing Us" vereinigt Indie-Pop und Disco in einer Art und Weise, wie es niemand anderem gelingen würde. Ein Hoch auf die Einsamen! (8) Jan Wigger

Of Montreal - offizielle Website 

Roisin Murphy - "Ruby Blue"
(Echo/PIAS/Rough Trade)

Man kennt Roisin Murphy als eine Hälfte des britischen Elektro-Pop-Duos Moloko und erinnert sich gerne daran, wie sie im Videoclip zu "The Time Is Now" in Zeitlupe und mit wehendem Haar durchs Bild gleitet. Eine Erscheinung diese Frau, nicht nur wegen ihrer spröde-lasziven Stimme, die natürlich mitverantwortlich für den Erfolg von Moloko-Songs wie "Sing It Back" war. Miss Murphy hat sich nun explizit nicht von Moloko-Partner Mark Brydon getrennt, aber dennoch ein Solo-Album aufgenommen. Ganz alleine geht es natürlich nicht: An Brydons Stelle tritt der kultisch verehrte Elektronik-Jazzer Matthew Herbert, der eigentlich nicht so gern mit Sängerinnen arbeitet, es sei denn, es ist seine Ehefrau Dani Siciliano. Nun also der Elektro-Eigenbrötler und der TripHop-Vamp: "Ruby Blue" ist ein sehr entspanntes (und eingängiges) Pop-Album geworden, das jedoch bei näherem Hinhören Schicht um Schicht eines komplexen und faszinierenden Zitate- und Stil-Geflechts offenbart. Da treffen die Andrew Sisters auf Free Jazz, während burleske Vaudeville-Sounds mit Moloko-typischen Funk-Elementen verschmelzen. Klingt wie ein Zirkus? Ist auch einer, und Roisin Murphy macht ihre Sache als Direktrice ausgesprochen gut. Immer mehr erinnert ihre Stimme zudem an Vorbilder wie Nina Simone und Josephine Baker: Man hat ständig das Gefühl, das ganze Leben sei ohnehin nur ein großes Experimentierlabor für divenhafte kleine Mädchen. In diesem Fall lassen wir gerne mit uns herumspielen. (7) Andreas Borcholte

Moloko-Sängerin Roisin Murphy: Irlands Rose Roisin Murphy - offizielle Website 

The Robocop Kraus - "They Think They Are The Robocop Kraus"
(Epitaph/L'Age D'Or/SPV)

The Robocop Kraus sind zweifelsohne eine Band, die ganz automatisch Widersprüchlichkeiten und Missverständnisse evoziert: Sänger Thomas Lang und die anderen vier Bandmitglieder kommen aus Nürnberg, klingen aber weder "deutsch", noch provinziell und veröffentlichen ihre neue Platte obendrein auf dem Punk-Label Epitaph. In den Indie-Diskotheken wurden mindestens "Fake Boys", "Fashion" und "Danny Is Passing" von der letzten Robocop-Kraus-LP "Living With Other People" gern gespielt und euphorisch quittiert, doch der große Durchbruch wurde verpasst. "They Think They Are The Robocop Kraus" ist natürlich ein super Albumtitel, doch mit den ambitionierten und nur scheinbar schwerfälligen neuen Stücken, deren Talking-Heads-und XTC-Einfluss noch größer geworden ist, dürften es The Robocop Kraus wieder nicht leicht haben: Streng genommen taugt nur "There Are Better Lights In Hollywood" für die Clubs. Der Dorfjugend, die sich momentan an öden Tocotronic-Kopien erfreut, ist das Songwriting vermutlich nicht platt genug. Nicht zu vergessen das momentan größte Hindernis: The Robocop Kraus singen auf Englisch. Unter anderem über den Kreml-Flieger Mathias Rust, ein ehemaliges Bandmitglied, das ihnen von Jesus-Freaks geraubt wurde, und darüber, warum man keinen Arzt, aber einen Priester braucht. Wir hoffen mal vorsichtig darauf, dass diese Lebensfragen noch von universellem Interesse sind. (6) Jan Wigger

The Robocop Kraus - offizielle Website 

Foo Fighters - "In Your Honor"
(Sony BMG)

Mal wieder beim Godard-Film eingeschlafen? Keine Lust mehr, alles bloß an Elaboriertheit und Kunstanspruch zu messen? Stattdessen Lust, mal wieder Thin Lizzy oder Led Zeppelin aufzulegen? In diesem Fall sollte ihnen die Rock-CD des neuen Foo-Fighters-Doppelalbums zum zehnjährigen Bandjubiläum nicht missfallen. "Mine is yours and yours is mine/ There is no divide/ In your honor I will die tonight": Dave Grohl brüllt diese etwas kindischen Zeilen durch eine Wand aus Lärm hindurch - eine Art Manifest und nebenbei die brutalsten vier Minuten in der Foo-Fighters-Historie. "Free Me" hat seinen großen Black-Sabbath-Moment mit einem Killer-Riff; "No Way Back" ist klassischer Foos-Rock und überraschenderweise nicht die Single; "Hell" arbeitet sich in stählernen zwei Minuten an The Who ab; "Resolve" ist fast zu grüblerisch und benebelt für den muskulösen ersten Teil von "In Your Honor". Zehn Akustik-Tracks sind auf der zweiten CD, beginnend mit "Still", einem der düstersten Foo-Fighters-Songs überhaupt, dann "What If I Do", Grohls Ode an seine alte Heimat North Carolina. Bei "Another Round" holt John Paul Jones die Mandoline raus, im spielerischen Bossa Nova "Virginia Moon" fällt Norah Jones zumindest nicht negativ auf. Wenn man "Over And Out", vor allem aber "On The Mend" hört, fragt man sich übrigens, was Verehrer der beiden Ryan-Adams-Mini-Alben "Love Is Hell 1 & 2" eigentlich davon abhalten sollte, das hier gut zu finden. Am Ende noch Schlagzeuger Taylor Hawkins als Sänger im etwas flachen "Cold Day In The Sun" und Josh Homme, Gitarre zupfend, in der traurigen Entgrenzung "Razor". Etwas unerwartet, aber eben auch zwangsläufig ist "In Your Honor" auch Dave Grohls bisher größter Schritt auf dem Weg zum ernstzunehmenden Storyteller. (7) Jan Wigger

Foo Fighters - offizielle Website 


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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