Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Olli Schulz & Der Hund Marie werden beige, The Posies werden politisch, Laura Cantrell wird nostalgisch, Dredg werden langweilig, und Valentine wird bald beeindrucken.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Olli Schulz & Der Hund Marie - "Das beige Album"
(Grand Hotel Van Cleef/Indigo)

Dass sich hinter Olli Schulz & Der Hund Marie und dem etwas schrägen Titel "Das beige Album" lässiger Roots-Rock mit bittersüßen Texten verbirgt, ahnt man nicht, es sei denn, man ist tief in der Hamburger Musikszene verwurzelt oder greift bei allem, wo Grand Hotel Van Cleef draufsteht, bedenkenlos zu, weil bei der kleinen Plattenfirma in St. Pauli auch die allseits beliebten Bands Tomte und Kettcar erscheinen. Mit ihren Labelkollegen haben Olli Schulz und Max Schröder alias Der Hund Marie aber gar nicht viel zu tun, weder musikalisch noch textlich. Die beiden Hamburger, deren Debüt "Brichst Du mir das Herz, dann brech' ich dir die Beine" vor zwei Jahren erschien, verstehen sich nicht so sehr als tiefschürfende Gitarrenrocker, sondern sind eher der leichten Gangart verpflichtet. Auf ihrem beigen Album versammeln sie allerlei aus dem Alltag gegriffene Absurditäten über ein Stofftier namens "Affenbär", Typen, die "Klapskalli" heißen, den faulen Superhelden "Bettmensch" und die "Ankunft der Marsianer" zu einem launigen Liederabend mit Akustiklampfe, Bier und Lagerfeuer. Wenn es nicht alles so gelassen nach Country und Kakteen klingen würde, wobei stets eine leise Melancholie mitschwingt, dann könnte man glatt behaupten, dass dieses wüstenbeige Album ganz schön rockt. (7) Andreas Borcholte

Olli Schulz - offizielle Website 

The Posies - " Every Kind Of Light"
/Ryko/Rough Trade)

Für alle, die es vergessen haben: The Posies, hauptsächlich bestehend aus Ken Stringfellow und Jon Auer, waren eine der besten Grunge-Bands der Neunziger - ohne wirklich Grungerock zu spielen. Die Posies standen stets für den britisch beeinflussten Power-Pop der Marke Teenage Fanclub, Replacements oder Matthew Sweet. 1998 war es nach nur drei regulären Alben vorbei, das letzte Album hieß "Success" in Anlehnung an das erste Demo-Tape der Band, "Failure". Vor einigen Monaten, mitten im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, haben sich Auer und Stringfellow wieder in Seattle im Studio vergraben, um schließlich mit "Every Kind Of Light" wieder aufzutauchen. Für Neuentdecker öffnet sich hier ein wahres Füllhorn an Verweisen auf 30 Jahre Popgeschichte - angefangen bei Beatles und Byrds über Alex Chilton bis hin zu Screaming Trees und Dinosaur Jr. Neuer klingen die Posies anno 2005 tatsächlich nicht, was für selige Nostalgie sorgt. Was nicht heißt, dass es für die alten Fans nichts mehr zu entdecken gibt. Im Gegenteil: Auf "Every Kind Of Light" finden sich einige der ungewöhnlichsten Posies-Songs. Gleich der Opener "It's Great To Be Here Again" verstört durch seine burleske Poppigkeit, um sich dann als ätzende Anklage gegen die Macht des Konsums zu entlarven. Überhaupt ist die politische Komponente frappierend: In dem Blues (!) "Could He Treat You Better" wird Amerika bedauert, weil es so einen miesen Präsidenten hat, "That Don't Fly" ist eine Abschiedserklärung Stringfellows an seine US-Heimat; der Mann lebt wegen George W. Bush die meiste Zeit in Frankreich. "I Finally Found A Jungle I Like" schließlich hingegen ist ein hirnloser Partyrocker mit Schweineorgel. In jedem Licht betrachtet eine großartige Platte. (8) Andreas Borcholte

The Posies - offizielle Website 

Laura Cantrell - "Humming By The Flowered Vine"
(Matador/Indigo)

Und noch ein Album, das eigentlich nicht zu dem Label passt, auf dem es erscheint. Laura Cantrell mischt sich mit ihrem fünften Countrypop-Album "Humming By The Flowered Vine", ihrem ersten bei Matador, unter anderem zwischen Mogwai, Yo La Tengo und Interpol. Was für ein Kontrast. Ähnlich muss es der jungen Laura einst gegangen sein, als sie von ihrer Geburtsstadt Nashville nach New York umzog. Von den ersten Erfahrungen in der großen Stadt handelt auch gleich der beste Song des Albums, das sehnsüchtige "Khaki & Corduroy". Um Erinnerungen, nämlich an die Prä-E-Mail-Ära, geht es auch in "Letters", einem bisher unveröffentlichten Song der Roots-Ikone Lucinda Williams aus den Siebzigern. Man merkt schnell, dass die Nostalgie sich wie ein roter Faden durch das Album zieht. So ist der Song "California Rose" der Honky-Tonk-Legende Rose Maddox gewidmet, die Murder Ballad "Poor Ellen Smith" stammt aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Cantrell singt ihre Geschichten von sepiafarbenen Zeiten mit glockenheller Stimme, in der ein Fünkchen Wehmut flackert. Produziert wurde das Album von JD Foster, der schon bei Marc Ribot dafür sorgte, dass man den Straßenlärm der Großstadt leise durch die transparenten Arrangements hindurch zu hören meinte. Perfekt für einen Sommerabend auf dem Balkon eines Wolkenkratzers. (6) Andreas Borcholte

Laura Cantrell - offizielle Website 

Valentine - "Ocean Full Of Tears"
(EMI)

Warum finden wir eigentlich Avril Lavigne so toll? Weil die inzwischen 21-jährige Kanadierin ihren ganzen Teenager-Frust so richtig laut rausrotzt. Avril Lavigne und die 16-jährige Berlinerin Valentine dürften ungefähr im selben Alter angefangen haben, Musik zu machen. Der Plattenfirma zufolge war Valentine 13, als sie ihre ersten Songs auf dem Klavier klimperte und von dem Freund ihrer Mutter ermutigt wurde, weiterzumachen. Drei Jahre später präsentiert die EMI stolz ihr neues Eigengewächs; man habe Valentine Zeit gelassen, um sie nicht vorschnell zu verheizen. Reifen sollte sie erstmal ein bisschen, und so klingt ihr Debüt-Album "Ocean Full Of Tears" tatsächlich ein bisschen zu gut produziert, zu gut gesungen, zu gut arrangiert - einfach zu perfekt. Schon mit der Wahl der englischen Sprache in den Texten (und im Booklet) wird hier der Angriff auf den internationalen Markt signalisiert, wo sich schon andere Teenager-Stars wie Joss Stone oder Renee Olstead tummeln. Wo die eine mit Jazz rüssiert, die andere schon mit 17 wie eine alte Soul-Diva klingt, versucht sich Valentine im Genre des manchmal etwas zu pompösen Breitwand-Pops, wie ihn US-Bands wie Evanescence pflegen. Tatsächlich darf man gespannt sein, was die Zukunft noch bringt, denn im Moment scheint Valentine noch auf die Bremse zu treten. Selbst in rockigeren Nummern wie "Your Shit" haucht sie das verruchte S-Wort im Refrain nur keusch dahin. Aber natürlich klingt ihre Stimme für ihr Alter beeindruckend, und man darf auch nicht vergessen, dass sie alle ihre Songs und Texte selbst geschrieben hat. Übrigens etwas, was sie Avril Lavigne voraus hat. Dafür opfert die kanadische Rock-Göre ihre Frustration wenigstens nicht einer glattpolierten Oberfläche. (5) Andreas Borcholte

Valentine - offizielle Website des Labels 

Dredg - "Catch Without Arms"
(Interscope/Universal)

Ok, da dies ein Konzept-Album über Kontraste und unterschiedliche Perspektiven sein soll, nehmen auch wir mal zwei Standpunkte auf einmal ein. Einerseits gab es vor gut drei Jahren keine andere US-Band, die mehr versprach als dieses Quartett aus Nordkalifornien. Auf ihrem zweiten Album "El Cielo" klangen Dredg wie eine Mischung aus Pink Floyd und Tool mit A-ha-Frontmann Morten Harkett als Sänger. Verstanden, worum es auf der Platte ging, hat niemand, aber wow! Diese abrupten Tempiwechsel, diese vertrackten Arrangements! Unhörbar, aber toll. So und nicht anders sollte die nächste Platte bitte auch sein. Ist sie aber leider nicht. Dredg haben ihre wundersame Verrücktheit auf "Catch Without Arms" einem geradlinigen und elegischem Mainstream-Sound geopfert, der sie wie amerikanische Klone der Britpopper Keane klingen lässt - mit Gitarren. Hörbar, aber langweilig. Andererseits ist das alles nicht so schlimm, denn dieser Band ist zuzutrauen, dass sie mit ihren netten neuen Melodien erstmal Geld machen wollen, um danach dann wieder in totaler Unzugänglichkeit zu schwelgen. Könnte alles Teil einer großen Kampagne sein, immerhin hieß das Debüt-Album "Leitmotif". Ist das jetzt ein Trost? Irgendwie nicht. (4) Andreas Borcholte

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