Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Art Brut - "Bang Bang Rock & Roll"
(Fierce Panda/Cargo)
Wir sind ganz froh darüber, dass ein paar Dinge, die bereits über "Bang Bang Rock & Roll" geschrieben wurden, schlichtweg unsinnig sind: Art Brut aus Bournemouth, diese wie willkürlich zusammengewürfelt wirkende Truppe von Wahnsinnigen, ist viel, viel mehr als ein vergnüglicher Witz für den Augenblick. Ihre Texte mögen überspannt und albern wirken, aber wenn Eddie Argos über seine vorübergehende Erektionsschwäche ("Rusted Guns Of Milan") oder über die Freundin singt, die er mit 15 hatte und heute immer noch liebt, ist das zunächst einmal traurig und von großer Wahrhaftigkeit: "There's so much about you I miss/ Every time I see a couple kiss/ I hope this song finds you fame/ I want school kids on busses singing your name/ Other girls went and other girls came/ I can't get over my old flame/ I'm still in love with Emily Kane" ("Emily Kane"). Trotzdem erzählt Argos später in "Good Weekend" stolz von den Annehmlichkeiten einer neuen Liebe ("I've seen her naked TWICE!") und vom kleinen Bruder, der ohne Vorankündigung dem Rock'n Roll verfällt: "He no longer listens to A-sides/ He made me a tape of bootlegs and B-sides/ And every song, every single song on that tape said exactly the same thing:/ Why don't our parents worry about us?" ("My Little brother"). Wenn Sie einer von den Langweilern sein sollten, die bitte bloß nicht mehr an den Schmerz, die Zerrissenheit und das Glück des Jungseins erinnert werden möchten, vergessen sie diese Platte. Sollten Sie dagegen eine Affinität zu Schlachtgesängen, stark beeinträchtigten Geisteszuständen, donnernden und bretternden Gitarren, The Fall, The Clash, Wire und auch Pulp haben, werden sie nichts besseres als "Bang Bang Rock & Roll" finden: "Die your hair black/ Never look back/ My past is my business" ("Formed A Band"). Fürs T-Shirt oder für die Grabinschrift. (10) Jan Wigger
Richard Thompson - "Front Parlour Ballads"
(Cooking Vinyl/Indigo)
Über unsterbliche Klassiker wie "I Want To See The Bright Lights Tonight" oder "Shoot Out The Lights", die Richard Thompson einst gemeinsam mit seiner Ehefrau Linda aufnahm, muss an dieser Stelle nicht mehr geredet werden. Gerade deshalb nicht, weil der scharfzüngige Songschreiber mit "Front Parlour Ballads" ganz klar eine der besten Platten seiner gesamten Karriere gemacht hat. Allein das Cover ist so schrecklich - wir wollten uns die 13 meisterlichen Balladen erst gar nicht anhören, obwohl Richard Thompson draufstand. Im Gegensatz zum letzten Thompson-Album "The Old Kit Bag" ist auf "Front Parlour Ballads" nichts unfertig geblieben, sondern alles bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Es gibt Songs, die einem die Tränen in die Augen treiben: "When We Were Boys At School", "For Whose Sake?", "My Soul, My Soul" - welcher zeitgenössische Songschreiber würde sich nicht verbeugen wollen vor so viel Wortreichtum und Würde? In "A Solitary Life" singt der alte Brite seltsamerweise genau wie der späte David Byrne: "Sometimes I long for the solitary life/ Parents long gone, no kids, no wife/ Sister somewhere in Australia/ Never did keep in touch". Richard Thompson: Sein Licht brennt heller denn je. (8) Jan Wigger
Richard Thompson - offizielle Website
Staind - "Chapter V"
(Flip/Atlantic/Warner)
Es ist immer ein bisschen tragisch, wenn man mit ansehen muss, wie eine Band den großen Wurf verpasst. Staind, einst von Limp-Bizkit-Frontmann Fred Durst entdeckt, hatten ihre Chance eigentlich bereits 2001 mit ihrem Album "Break The Cycle", auf dem die fünf Amerikaner taten, was so ziemlich jede Nu-Metal/Alternative-Rockband tut, wenn der Durchbruch winkt: Das Ungeschliffene, Harte und Derbe wich einer professionellen Produktion und einer Handvoll radiotauglicher Balladen ("Outside", "It's Been A While"). Normalerweise geht dann alles ganz schnell, Millionen Platten werden verkauft, Platin-Auszeichnungen verliehen, Superstars geboren. Bei Staind funktionierte das alles nicht so gut. Vielleicht war die Zeit für schmerzensreiche Nu-Metal-Melancholie bereits vorbei, vielleicht hatte man sich schon anderen Trends zugewandt, vielleicht waren Staind auch einfach nicht gut genug. Wie auch immer, der Moment kam und ging. "Chapter V", das fünfte Album, ist keine schlechte Platte, wenn man es schafft, bis in die zweite Hälfte vorzudringen, wo die Songs "Devil", "Please" und "Everything Changes" ein mächtiges Panorama der Thirtysomething-Ängste bilden. Dennoch umweht das ganze Album mit seinen vorhersehbaren Laut/Leise- und Sanft/Hart-Wechseln der Hauch des Gestrigen. Vor zehn Jahren wäre "Chapter V" ein Hit gewesen. (5) Andreas Borcholte
The Bravery - "The Bravery" (Island/Universal Music)
Als "cool, stylish und ein wenig verwegen" wurde das Aussehen der New Yorker Gruppe The Bravery neulich bezeichnet. Das war sehr nett und dürfte dem Quintett schmeicheln, denn in Wirklichkeit haben wir es hier mit der wohl unansehnlichsten neuen Band überhaupt zu tun. Sänger und Kajal-Opfer Sam Endicott kann ganz virtuos ins Leere gucken, was ihm, wie er freudig zu berichten weiß, schon eine beträchtliche Menge Groupies eingebracht hat, unter ihnen auch diverse Beschäftigte britischer Plattenfirmen. Doch ablenken gilt nicht: Was zählt ist das Songwriting, und dann lange Zeit gar nichts. Auf "The Bravery" gibt es drei, vier ordentliche Songs, meistens sind es die Singles. In "Fearless" quälen öde Bassläufe, Kinder-Synthies und ein vollends abgeschmacktes Gitarren-Solo. Maximal grausam aber ist "Swollen Summer": "It's like a swollen summer/ What if I'm getting dumber?", jault Endicott zu Sirenen-Keyboards und lächerlichem Geratter, als würde ihm gerade Blut abgenommen. Ja, Sam, was, wenn du noch dümmer wirst? Was dann? The Bravery jedenfalls machen Musik für Menschen, die keine Platten von New Order, The Human League oder Duran Duran besitzen. (4) Jan Wigger
The Bravery - offizielle Website
Madness - "The Dangermen Sessions - Volume 1" (V2/Rough Trade)
Neulich feierten wir einen Geburtstag. Die alte Frau unter uns klopfte mit ihrem Gehstock ans Heizungsrohr, während wir Schallplatten von heute peinlichen Künstlern hörten, die vor vielen Jahren einmal lichte Momente hatten. So lief dann "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" und "Opel Gang", und schnell kam die Frage auf, was denn Madness eigentlich heute machen. Sie hatten uns so viel gegeben: "Cardiac Arrest", "My Girl", "Primrose Hill", "Grey Day", "Embarrassment", "Bed And Breakfast Man", um nur das Mindeste zu nennen. Heute machen Madness Cover-Versionen von Desmond Dekker, Prince Buster und leider auch "Lola" von den Kinks. "The Dangermen Sessions Volume 1" bekümmert nicht nur durch die Einsicht, wie alt Suggs und seine Freunde inzwischen geworden sind und wie sehr man zwangsläufig mitgealtert ist, sondern auch die Tatsache, wie sehr sie sich unter Wert verkaufen mit einer kraftlosen und unnötigen Version von Diana Ross & The Supremes' "You Keep Me Hanging On". Nach dem eher für Nostalgiker interessanten Album "Wonderful" von 1999 haben Madness es nun endgültig vollbracht: Man wird wieder "Spaßkapelle" zu ihnen sagen. (4) Jan Wigger