Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Turner verwirrt die Kritiker, Ryan Adams hatte schon bessere Momente, die Dead 60s rocken die Casbah, The Clientele leuchten blau und Bon Jovi werden immer selbstgefälliger.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Liebe Leser,
die Musikindustrie hat beschlossen, neue Platten nicht mehr am Montag, sondern am Freitag zu veröffentlichen. Wir haben dennoch beschlossen, unsere "Abgehört"-Kolumne auf ihrem Stammplatz zu belassen - und werden uns bemühen, Ihnen von nun an bereits am Montag einen Ausblick auf die am Freitag erscheinenden CDs zu geben.



Turner - "Slow Abuse"
(Ladomat 2000/Mute/EMI)

Ein Dichter ist dazu berufen, seelische Erschütterung auszulösen. Als Paul Kominek, der sich Turner nennt, vor ein paar Jahren mit der vergleichsweise harmlosen Elektronik-Spielerei "Lukinorgel" auftauchte, haben nur die Wenigsten daran geglaubt, dass Kominek genau das einmal gelingen könnte. Mit dem dritten Versuch "A Pack Of Lies" (2002), einem in den wärmsten Farben schimmernden, genuinen Pop-Album, versetzte Kominek die Rezensenten in Ratlosigkeit: Man sah sich gezwungen, gar nicht so abwegige Vergleiche zu ABC oder Talk Talk zu bemühen, doch kam man dem Turner-Phänomen auf diese Weise auch nicht bei. "Slow Abuse" ist schon wieder ganz hervorragender, eigenartiger, hauchzarter Traum-Pop, der atmosphärisch an Alben wie "Neon Golden" von The Notwist oder "To Damascus" (Phantom/Ghost) anknüpft. Und woher rührt nun die seelische Erschütterung? "Statistically, statistically loneliness isn't possible/ Theoretically, theoretically this must be a thing from above/ Your love is a helpless desire/ You project your irritated dreams on me" ("Irritated"). Zeilen wie diese singt Turner mit der empfindlichsten aller Stimmen. (8) Jan Wigger

Turner - offizielle Website 

Ryan Adams & The Cardinals - "Jacksonville City Nights"
(Lost Highway/Universal)

Strebsamen Konzertgängern bot sich in diesen Tagen wenig Grund zur Klage: Art Brut zertrümmerten virtuos deutsche Clubs und Wilco spielten in Hamburg einen Set, den man wohl nur noch als göttlich bezeichnen kann und muss: Ein unfassbares, nie zuvor gesehenes Zusammenspiel der Band, ein Sound in Vollendung und Jeff Tweedys geniale Dekonstruktion von "Via Chicago" machten sprachlos. Ryan Adams hat es schon sehr lange nicht mehr geschafft, hier in der Nähe zu konzertieren. Dafür bringt er quasi alle paar Wochen ein neues Album heraus, zuletzt erst die vorzügliche Songsammlung "Cold Roses", eine tollkühne, verletzliche Doppel-LP von seltener Zartheit. "Jacksonville City Nights" geht darüber kaum hinaus: Ryan klingt jetzt bloß noch mehr nach Gram Parsons, die Pedal Steel seufzt, das Piano klimpert traumverloren, Adams greint - die bösen Frauen haben ihn kaputt gemacht, nur seine Lieder können ihn jetzt noch retten. Eine metaphysische Schwere liegt über grandiosen Stücken wie "September" und "Silver Bullets", die so tatsächlich nur von Adams kommen können. Und dennoch darf man den Menschen, die langsam genug haben von Nashville- und Americana-Seligkeit, nicht böse sein: Aufregender war Ryan Adams dann doch schon mal. (7) Jan Wigger

Ryan Adams - offizielle Website 

The Dead 60s - "The Dead 60s"
(Epic/Sony Music)

The Dead 60s kommen aus Liverpool. Was denkt man also? The La's, Lightning Seeds, Echo & The Bunnymen, vielleicht noch Icicle Works und natürlich die berühmtesten Söhne der Stadt, Sie wissen schon... Aber: Alles falsch. Die Dead 60s wollten so wenig mit der Popszene ihrer Heimat zu tun haben, dass sie anfangs noch nicht mal dort aufgetreten sind. Kein Wunder, sagte doch ein früher Kritiker einst, die Band klinge dermaßen "dead 60s", also so auf den Punkt nach den Sixties, dass es so gar nicht zum Merseybeat passen wollte. Immerhin hatten die Jungs nun einen Bandnamen - und machten weiter mit ihrer eigenartigen Mischung aus "Sandinista"-Clash, King Tubby und Jam. Soll heißen: Hier wird nicht retrogerockt wie bei Franz Ferdinand und Konsorten, sondern retro-gedubt. Neu ist auch die politische Komponente, denn den Dead 60s geht es darum, die Einöde moderner Großstädte anzuprangern und geben sich angemessen sozialkritisch. Das passt dann eher in die Siebziger statt in die Sechziger und erinnert entfernt an die New Yorker Neu-New-Waver Radio 4. Letztlich entscheidend ist aber die Musik, und die überzeugt stürmische 35 Minuten lang durch die Bank. (8) Andreas Borcholte

The Dead 60s - offizielle Website 

The Clientele - "Strange Geometry"
(Pointy Records/Cargo)

Kürzlich, während eines viel zu frühen Frühstücks, nahm das Gespräch eine geradezu wissenschaftliche Richtung: Unfreiwillige Überschneidungen der Wahrnehmungssinne, Synästhesien also, wurden zum Thema und seltsame Verknüpfungen traten zu Tage. So wurde die Musik der Band Tomte auffällig oft als "schwarz" eingestuft, die von Neil Young als "ocker" und die der Red House Painters als "hellbraun". Ein Album, das definitiv blau ist, strahlend blau sogar, ist "Strange Geometry" von The Clientele aus Hampshire. Während der Waschzettel der Plattenfirma am ehesten Einflüsse von Galaxie 500, Love und Television heraushört, sagen wir: Freunde der britischen, leider vielerorts in Vergessenheit geratenen Schwärmer Aztec Camera, Pale Fountains und Orange Juice - "Strange Geometry" ist eure Platte! Ungestreckter, filigraner, herzerwärmender Pop - heutzutage eine Seltenheit. (8) Jan Wigger

The Clientele - offizielle Website 

Bon Jovi - "Have A Nice Day"
(Island/Universal)

Neben den neuen Alben von Wolle Petry ("Ich bin ene Kölsche Jung") und Matthias Reim ("Wolkenreiter") erscheint heute auch aktuelles Material von Bon Jovi. Eine einzige Frage an die Band und das Label sei vorab erlaubt: Ist das Cover von "Have A Nice Day" wirklich ernst gemeint? Gab es wirklich niemanden, absolut niemanden im Gebäude, der es verhindern konnte? Bon Jovi werden ja, vor allem in kleinen Plattenläden in eher ländlichen Regionen immer noch unter "Metal" einsortiert und Fans von Exodus oder Nuclear Assault werden sich mit Sicherheit kaputtlachen, wenn sie zufällig über dieses unsägliche Gekritzel stolpern. Aber zur Musik: Wir alle haben, als wir noch klein waren, Bon Jovi gehört. Bon Jovi, Skid Row, Mötley Crüe und die L.A Guns. Wer dreist behauptet, er hätte schon als 13-Jähriger mit Elvis Costello, Gang Of Four und Hüsker Dü angefangen, lügt fast immer und gehört auf der Stelle entlarvt. Auf "Have A Nice Day" befinden sich - erstaunlich genug - kaum Balladen, aber jede Menge "knallharte Rocksongs", die alle klingen wie "Born To Be My Baby", "You Give Love A Bad Name" und "In These Arms". Der härteste Song ist übrigens die Bob-Dylan-Hommage "Last Man Standing" und geht so: "Take your seats, now folks - it's showtime/ Hey, Patrick, hit the lights/ There's something in the air, there's magic in the night/ Now here's the band, they really play/ I'll count the first one in." Um so eine Würdigung hat Dylan gewiss nicht gebeten. (3) Jan Wigger

Bon Jovi - offizielle Website 


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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