Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Comet Gain - "City Fallen Leaves"
(Kill Rock Stars, Cargo, bereits erschienen)
Vor den Besprechungen dieser Platte muss man natürlich Angst haben, denn zumindest ein paar könnten mit unschönen Sätzen wie "Man muss sie einfach lieb haben" oder "Man möchte den Arm um diese Menschen legen und sagen: Alles wird gut" enden. Vielleicht aber erscheinen ja kaum Besprechungen zu "City Fallen Leaves", und die kleine Band Comet Gain bleibt so unbekannt wie zuvor. Denn sind uns diese Briten nicht eigentlich ausschließlich dadurch bekannt, dass seitengescheitelte, pop-informierte, angetrunkene Indie-Mädchen den Bandnamen wie eine Geheimformel am Tresen wispern? Nichtsdestotrotz haben Comet Gain schon viele Alben veröffentlicht, und auch dieses hier kann man wieder hören, während im Fernseher ein Todd-Solondz-Film ohne Ton läuft. Hübsch geschrammelt wird in "Just One More Summer Before I Go", und wenn man nicht gerade die Television Personalities freundlich zitiert, erinnert man sich der Go-Betweens ("Your Robert!") und überhaupt daran, dass früher vielleicht doch alles besser war. Auch als fauler Mensch: Unbedingt die Texte lesen! (7) Jan Wigger
Comet Gain - offizielle Website bei Kill Rock Stars
Maximo Park - "Missing Songs"
(Warp/Rough Trade, bereits erschienen)
Als Fan ist man erstmal sauer, weil man sich höchstwahrscheinlich nahezu alle verfügbaren UK-Singles von Maximo Park bereits gekauft hat, um auch die B-Seiten zu besitzen. Nun sollen die "Missing Songs" (mit allen B-Seiten!) aber zum so genannten "Mid-Price" zugänglich gemacht werden. Für stolze Besitzer des Debüt-Albums "A Certain Trigger", die jedoch nicht auf die zahlreichen Single-Releases von Maximo Park geachtet haben, stellt sich hiermit genau eine Frage: Muss ich mir "Missing Songs" kaufen? Antwort: Ja, du musst. Denn hier sind "I Want You To Leave", "Trial And Error", das Lennon-Cover "Isolation", vor allem aber "Hammer Horror" drauf, letzterer eigentlich ein glasklarer Album-Track und fast der originellste Song der Band aus Newcastle upon Tyne. Für Daheimgebliebene und Nerds: Demo-Versionen von "Apply Some Pressure", "Graffiti" und "Once, A Glimpse". (8) Jan Wigger
Maximo Park - offizielle Website
The Darkness - "One Way Ticket To Hell... And Back"
(Eastwest/Warner, bereits erschienen)
Was, die gibt's noch? Ja, leider, könnte man jetzt seufzen, denn eine Portion Spandex-Höschen, Mosher-Mähnen und Achtziger-Jahre-Metal war doch eigentlich genug. Das vor zwei Jahren veröffentlichte Debüt-Album von The Darkness war allerdings so dermaßen erfolgreich (3,5 Millionen Exemplare verkauft), dass die Briten um den Falsettsänger Justin Hawkins noch ein zweites aufnehmen durften. Ein Witz mit Fortsetzung? Eine Parodie der Parodie? Zum Glück nicht. Denn mit Hilfe des Produzenten Roy Thomas Baker (u.a. Queen, Bowie, Who) ist den Fans des übelsten Schwermetalls ein Album gelungen, das sich durchaus hören lässt. Den überbordenden Bombast des Erstlings haben The Darkness gegen einen differenzierteren, erdigeren Sound eingetauscht, die Songs klingen nicht mehr ganz so überdreht, sondern wollen eine neu erworbene Musikalität zur Schau stellen. Das gelingt, auch wenn die Band - wie man hört - darüber fast zerbrochen wäre. Wer nun aber den Eindruck gewonnen hat, die Showrocker seien über Nacht seriös geworden, der braucht sich nur einmal die Panflöte im Intro und das asiatisch-durchgeknallte "Hazel Eyes" anzuhören. Der Rest rockt amtlich und macht - nun ja - einen Höllenspaß. (7) Andreas Borcholte
The Darkness - offizielle Website
Attwenger - "Dog"
(Trikont/Indigo, bereits erschienen)
Wem schon explizit politische und musikalisch schwer zu verdauende Gruppen wie die Goldenen Zitronen oder Mutter als "anstrengend" gelten, der dürfte mit Attwenger seine liebe Mühe haben. Das oberösterreichische Duo ist in Süddeutschland beliebt, in Norddeutschland jedoch noch unbekannt. Als elektronisch gefedert, groovig, elastisch, harmonisch, dialektisch, deutlich und philosophisch bezeichnet Texter Markus Binder sein unfolgsames Projekt mit Hans-Peter Falkner, das nun schon 15 Jahre hält. "Dog" ist der Hund (auf Englisch), aber auch der Tag (im Alpen-Slang), und für Wortdrechseleien wie diese werden Attwenger gleichermaßen geschätzt wie gefürchtet: "Und a dog is a dog/ Und da dog is a hund/ waun der hund ned so mog/ Iss ned guad für den dog/ Und waun da hund owa mog/ Dann iss guad für den dog/ Waun a mog aun dem dog/ Und er mog owa ned jedn dog." Dazu Electronic-Polka, Krautrock, Loops und Volkstümliches im Independent-Gewand. (6) Jan Wigger
Attwenger - offizielle Website
Marah - "If You Didn't Laugh, You'd Cry"
(Munich Records/Indigo, bereits erschienen)
Nicht abschrecken lassen von der schauerlichen, parallel erschienenen Weihnachtsplatte "A Christmas Kind Of Town" - Marah, bekanntlich entdeckt und gefördert von Nick Hornby, sind gute und vermutlich nicht selten betrunkene Jungs. David und Serge Bielanko spielen den Blues in "Walt Whitman Bridge", die räudigen Absacker und die berückenden Balladen aus dem Halbdunkel ("City Of Dreams"). Allzu Muckerhaftes wie "The Closer" kommt den Bielanko-Brüdern gottlob nicht allzu oft unter. Sagen wir mal so: Wenn Sie "Kicking Television" von Wilco und die "30th Anniversary Edition" von "Born To Run" bereits gekauft haben und noch Geld übrig ist, spricht nicht viel gegen "If You Didn't Laugh, You'd Cry". Ryan Adams hätte auch nichts dagegen: Sein neues Album kommt wohl doch erst im Januar. (6) Jan Wigger