Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
The Strokes - "First Impressions Of Earth"
(RCA/SonyBMG)
Weil über "First Impressions Of Earth" schon alles gesagt und geschrieben wurde, hier nur noch ein kleiner Nachtrag zur meistdiskutierten Platte dieser Tage: Wie herausragend das neue Material der Strokes ist, verdeutlicht hübsch die Tatsache, dass einer der irrsten, zwanglosesten und befreiendsten Strokes-Songs überhaupt nicht auf dem Album ist: "Hawaii", mit Beach Boys-Melodie und "Disco 2000"-Gitarren fristet ein verwaistes und vollkommen unverdientes Dasein als B-Seite von "Juicebox". Desweiteren kann natürlich auch "First Impressions Of Earth" niemals so gut sein wie "Is This It", doch es ist besser als das gar nicht enttäuschende "Room On Fire". Was Nick Valensi und Albert Hammond Jr. hier mit ihren Gitarren anstellen, ist wild, atemraubend und ja: auch virtuos. Das Spektrum der 14 Stücke reicht von absolut unglaublich ("Heart In A Cage", "The Ize Of The World", "Vision Of Division" und "Fear Of Sleep") über formidabel ("You Only Live Once", "Razorblade", "Electricityscape" und "On The Other Side") bis hin zum einzigen verzichtbaren Track "Killing Lies". Zum Schluss noch zwei Dinge, die am Rande auffielen: Die wunderbare Groteske, die Joachim Lottmann in der "Süddeutschen Zeitung" zum Strokes-Konzert in Berlin schrieb, wurde leider wie üblich vielerorts ernst genommen und also missverstanden. Auch ulkig: Die Beschwerden über Heavy-Metal-Anleihen und Gegniedel auf zwei, drei der neuen Songs: Bei einer furchtbar prätentiösen Band wie Muse, freilich auch bei The Mars Volta, wird so etwas jederzeit wohlwollend in Kauf genommen. Und Iron Maiden? Gute Band. Wer zweifelt, verliert: Die Strokes bleiben ganz oben. (9) Jan Wigger
Rockband The Strokes: Nach dem Goldrausch The Strokes - offizielle Website
Ryan Adams - "29"
(Lost Highway/Universal)
Nee, der Titel meint nicht, dass Ryan Adams sein nunmehr neunundzwanzigstes Album veröffentlicht hat. Könnte man ja denken, angesichts der Tatsache, dass der Sänger und Songschreiber aus North Carolina seinem Ruf als hardest working man in show business in den vergangenen Monaten alle Ehre gemacht hat: Neben dem Doppelalbum "Cold Roses" brachte er zusammen mit den Cardinals auch noch das nostalgische "Jacksonville City Nights" über seine Heimatstadt heraus. Um Erinnerungen und Reflexion geht es auch auf dem neuen Werk, dessen Titel sich wohl eher auf einen noch nicht so lange beendeten Lebensabschnitt des inzwischen 31-jährigen Adams' bezieht, der einst als Drogenwrack die Straßen New Yorks heimsuchte: "Like a motherless son of a bitch/ Loaded on ephedrine looking for downers and coke", singt er im schwermütigen Bluesrock des Titelsongs. Der Rest der Platte ist dann allerdings eher von schönen und seelenvollen Balladen wie "Strawberry Wine" und "Carolina Rain" geprägt, in denen Adams verflossenen Jugendlieben hinterhertrauert. Im gespenstisch-spanisch instrumentierten "The Sadness" outet er sich schließlich als Schmerzensmann des Alternativ-Countrys: "The sadness is mine/ It's why you're not helping me". Dem Mann ist nicht zu helfen. Nicht die beste Platte des Vielschreibers, aber immer noch um Klassen besser als der Rest. (7) Andreas Borcholte
Ryan Adams - offizielle Website
Architecture In Helsinki - "In Case We Die"
(V2/Rough Trade)
Die denkbar ungeeignetste Platte für Leute, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen, kommt diese Woche aus Australien: Architecture in Helsinki, ein Oktett voller Multiinstrumentalisten, benutzen Tuba, Glockenspiel, Klarinette und ungefähr 30 weitere Instrumente, deren Namen uns teilweise nicht näher bekannt ist, so selbstverständlich wie Bass, Schlagzeug und Gitarre. "In Case We Die" ist die zweite LP der Band, die sogar schon mit den gigantischen Arcade Fire verglichen wurde, was jedoch gänzlich in die Irre führt: Hier ist alles viel zuckeliger, verspielter und unernster, weshalb man beim Hören von "In Case We Die (Parts 1-4)" oder "The Cemetary" doch eher an Spookey Ruben, Of Montreal oder die frühen They Might Be Giants denkt. Mehr als genug Tempiwechsel pro Song und viele, ja vielleicht zu viele Ideen: Wer sich dadurch angesprochen fühlt, kann mit "In Case We Die" ganz vorzüglich durch die Wohnung zappeln. (7) Jan Wigger
Architecture in Helsinki - offizielle Website
Blackmail - "Aerial View"
(City Slang/Rough Trade)
Der Schreiber dieser Zeilen kann aus allererster Hand bestätigen, dass die Stadt Koblenz nicht ganz so langweilig ist, wie vermutet wird, denn er musste gezwungenermaßen drei lange Jahre dort verbringen und seine Schallplatten wöchentlich im einigermaßen schaurigen "Löhr-Center" erwerben oder vielmehr: bestellen. Die regional bekannte Club-Diskothek "Druckkammer" allerdings ist ein wirklich amüsanter sogenannter "Rock-Schuppen", in dem man auch Blackmail-Gitarrist Kurt Ebelhäuser und seiner schwarzen Lederjacke über den Weg laufen kann - ohne Zweifel eine der Hauptattraktionen der Koblenzer Altstadt. Blackmail veröffentlichen derweil mit "Aerial View" ihr fünftes Album. Wie schon bei den beiden letzten Platten "Bliss, Please" und "Friend Or Foe?", die jeweils noch bei einem Major-Label erschienen, wurde auch diesmal wieder mehrheitlich von der besten Blackmail aller Zeiten gesprochen. Nun ja, zumindest sind "Moonpigs" und das leichtgängige "Never Forever" locker zu den eindrucksvollsten Stücken von im Band-Katalog zu zählen. Wer sie noch immer nicht kennen sollte: Blackmail spielen hypnotischen, Sixties-informierten Indie-Rock mit Krach-Gitarren und fest integrierter Grundmelancholie. (6) Jan Wigger
Blackmail - offizielle Website
Jens Lekman - "Oh, You're So Silent, Jens"
(Secretly Canadian/Cargo)
Das Lustige, das Rührende an Jens Lekmans neuer Platte "Oh, You're So Silent, Jens", auf der Stücke einiger bereits veröffentlichter EPs zusammengefasst werden, ist die Tatsache, wie reibungslos und unbestechlich die eigene Erinnerung noch funktioniert: "Black Cab" (versehen mit einem Sample aus Belle & Sebastians "Mary Jo") klingt exakt nach einem dieser majestätischen Spätsechziger-Songs von Left Banke oder Montage, mit denen Michael Brown nach seinem Weggang von Left Banke immerhin noch eine wundervolle LP aufnahm. Außer den Magnetic Fields hat in den letzten Jahren vielleicht nur der skurrile und unheimlich amüsante Bostoner Songschreiber Don Lennon Musik gemacht, die mit den Songs des Schweden Lekman vergleichbar wäre: Erstaunlich sparsam instrumentierter und verhallter Breitwand-Pop mit tollen Songtiteln wie "I Saw Her In The Anti War Demonstration", "A Sweet Summer's Night On Hammer Hill" oder "Another Sweet Summer's Night On Hammer Hill". Lekman will jetzt erst mal Pause machen, um seine musikalische Ausrichtung zu überdenken. Schade. (6) Jan Wigger
Jens Lekman - Homepage bei Secretly Canadian
Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)