Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Clap Your Hands Say Yeah wollen nicht mit den Talking Heads verglichen werden, AK4711 müssen sich Vergleiche leider noch gefallen lassen, Mark Lanegan lässt sich mit Isobel Campbell ein, Cat Power huldigen dem Soul und Bonnie "Prince" Billy singt mit Tortoise.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Clap Your Hands Say Yeah - "Clap Your Hands Say Yeah"
(Wichita/Cooperative Music/Rough Trade, 20. Januar)

Die eine Platte, die sich Indie-Streber nicht einmal in ihren wildesten Träumen hätten ausmalen können, kommt aus Brooklyn, New York. Weit über 25.000 Alben hat die Band mit dem wundervollen Namen Clap Your Hands Say Yeah eigenhändig an Interessenten verschickt, weil man in der Heimat - im Gegensatz zu Europa - trotz massiven Szene-Gemurmels ohne Label dastand. Verschiedenen Berichten konnte man entnehmen, dass Clap Your Hands Say Yeah es rigoros ablehnen, mit den Talking Heads verglichen zu werden. Das fällt schwer: Sänger Alec Ounsworth kann natürlich nichts dafür, aber es wird nahezu unmöglich sein, jemand anderen zu finden, dessen Stimme so sehr dem jungen David Byrne gleicht wie die von Ounsworth. Er hat all die Manierismen drauf, den zerdehnten, überreizten Gesangsvortrag und die urbane Panik - wiewohl die mal zuckelige, mal klar fließende Musik nur wenig mit den Heads gemein hat: Der Song "Clap Your Hands!" legt mit Kirmesgesängen eine völlig falsche Spur aus, das majestätische "Details Of The War" beginnt wie John Cale (oder vielleicht eben doch wie Byrne, der "Heaven" etwas umgeschrieben hat!) und "The Skin Of My Yellow Country Teeth" sei den Anhängern von Modest Mouse empfohlen. Das Beste ganz zum Schluss: "Upon This Tidal Wave Of Young Blood" tanzt die eigene Angst in den Abgrund, Ounsworth singt: "We are men who stay alive/ Who send your children away now/ We are calling from a tower/ Expressing what must be everyone's opinion". Am Ende säuft der Song einfach ab. Vielleicht sollte jedes große Album genau so enden. (9) Jan Wigger

Clap Your Hands Say Yeah - offizielle Website 

AK4711 - "Erste Hilfe"
(Grönland/Virgin/EMI, 20. Januar)

Der Bandname ist an Originalität nicht zu überbieten, aber man soll sich ja nicht abschrecken lassen. Tatsächlich spricht einiges für diese neue Mädchencombo namens AK4711: Das Debüt-Album erscheint bei Herbert Grönemeyers Grönland-Label; produziert hat Gang-of-Four-Chef Andy Gill (Gang of Four) in London. Hat es was genützt? Jein. "Erste Hilfe" kommt daher wie eine jetzt noch neuere, rotzigere und selbstbewusstere deutsche Rockhoffnung, bietet am Ende aber wenig mehr als einen Haufen wohlklingender Versatzstücke. Es scheint, als hätten sich die vier Musikerinnen noch nicht so ganz auf einen eigenen Stil einigen können, denn manches ("Mich und Dich") klingt wie eine verpoppte Version von Mia, anderes lehnt sich unbeholfen an Wir sind Helden ("Die Stimme der Vernunft") oder 2Raumwohnung ("Katalysator") an. Die Single "Rock" und der Country-Versuch "Ich will küssen" sind fast unerträglich peinlich, "Kein schönerer Land" ist der textlich etwas naive Versuch, sich an der Debatte über Patriotismus im Pop zu beteiligen. Doch es gibt eben auch gute Momente auf diesem leider etwas unausgegorenen Erstling: "Macht nix" und "Ich mach Dich" haben Charme und Hitpotential, "Liebe ist nicht Weil sondern Trotzdem" rockt originell in einem metallenen Rhythmus, der bei The The's "Infected" geklaut wurde. "Erste Hilfe" ist eine Platte, die man eigentlich mögen möchte. Image, Artwork und Attitüde stimmen ja auch schon, jetzt müssten - sozusagen als Sofortmaßnahme - nur noch gute Songs mit Charakter her. Und vielleicht ein neuer Bandname. (6) Andreas Borcholte

AK4711 - offizielle Website 

Isobel Campbell & Mark Lanegan - "Ballad Of The Broken Seas"
(V2/Rough Trade, 27. Januar)

Die denkbar unwahrscheinlichste Paarung: Das ehemalige Belle-&-Sebastian-Mitglied Isobel Campbell, deren hauchzartes Stimmchen auf ihrer letzten Solo-Platte "Amorino" nur noch besoffen oder in Teletubbies-Kostümierung zu ertragen war, macht auf der Duett-Platte "Ballad Of The Broken Seas" gemeinsame Sache mit dem Brummler und Whisky-Trinker Mark Lanegan. Man soll wohl an Nancy Sinatra und Lee Hazlewood denken, auch an Kylie Minogue und Nick Cave bei rührenden Songs wie "The False Husband" und "Saturday's Gone", die nicht immer von beiden zusammen, sondern auch mal allein bestritten werden. Oder, ganz billig: Daran, ob Campbell und Lanegan wohl etwas miteinander gehabt haben könnten, während sie die zwölf, mehrheitlich von Campbell komponierten, meist finsteren Blues/Folk/Country-Stücke eingesungen haben. Um es einmal ganz einfach zu sagen: Wieso ist eigentlich niemand vorher auf die Idee gekommen, die beiden zusammenzuführen? Die hier auch auf Albumlänge hervorragend funktionierende Kooperation hätte eigentlich nur scheitern können, wenn Campbell Lanegan stolz all die goldigen Käfer und Schmetterlinge gezeigt hätte, die sie letzthin so gern für ihre kitschigen Booklets malte. Gut, dass sie sich zurückhalten konnte. (8) Jan Wigger

Mark Lanegan - offizielle Website 

Tortoise and Bonnie "Prince" Billy - "The Brave and The Bold"
(Domino/Rough Trade, 20. Januar)

Der Prinz zieht weiter, ohne Pause. Nach seiner fabelhaften "Superwolf"-Kollaboration mit Matt Sweeney (Ex-Zwan, Ex-Chavez), die mit "Beast For Thee", "Lift Us Up" und "I Gave You" gleich drei der schönsten Bonnie-"Prince"-Billy-Songs hervorbrachte, hat Will Oldham sich nun die Post-Rock-Initiatoren Tortoise eingeladen, um gemeinsam ein paar Lieder zu covern. Mit einigen hätte man nie gerechnet (Springsteens "Thunder Road", Elton Johns "Daniel", Melanies "(Some Say) I Got Devil"), manche kennt man nicht ("On My Own" von Quix*o*tic, Milton Nascimentos "Cravo É Canela"). Interessant wäre es, zu wissen, wie beinharte Elton-John-Fans auf die sehr schleppende, ja durchlöcherte Interpretation von "Daniel" reagieren oder inwieweit Minuteman-Fans "It's Expected I'm Gone" wiedererkennen. Auch "Thunder Road" ist nur unter Mühen zu identifizieren, aber Oldhams vollkommen kraftloser Gesang und die Begleitung der wiedererstarkten Tortoise harmonieren prächtig. Fast überflüssig zu erwähnen: Auch der Titel des Albums ist eine weise Wahl. (7) Jan Wigger

Palace Records - offizielle Website für Bonnie "Prince" Billy 

Cat Power - "The Greatest"
(Matador/Beggars/Indigo, 20. Januar)

Die ungewöhnlichen Partnerschaften nehmen kein Ende: Auch Chan Marshall hat sich nach der noch stark im Indie-Folk verwurzelten letzten LP "You Are Free" zu gravierenden Veränderungen durchgerungen und für ihre siebte Platte die großen, alten Männer aus Memphis, Tennessee engagiert: Al Greens Co-Songwriter-und Gitarrist Mabon "Teenie" Hodgers, dessen Bruder Leroy Hodgers und Steve Potts von Booker T. & The MGs, der hier so brillant unauffällig Schlagzeug spielt, dass man ihn kaum hört. Durchaus eine Soul-Platte also, auf der Chan Marshall so souverän und stilsicher singt, wie nie zuvor. Musikalisch gesehen ist "The Greatest" ganz klar die beste Leistung im gesamten Cat-Power-Katalog, doch für das empfindliche Marshall-Klientel gabelt sich spätestens hier der Weg: Wer, wie der Rezensent, das Zerbrechliche und Untröstliche von "What Would The Community Think" oder "Moon Pix" über alles liebte, wird sich nur schwer von "The Greatest" berühren lassen. Andere aber freuen sich: endlich Schluss mit Geschrammel, Depression und dürftiger Produktion. (7) Jan Wigger

Cat Power - Homepage bei Matador Records 


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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