Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Scott Walker "The Drift"
(4AD/Beggars, 5. Mai)
Wer dem virtuos mit Doppelexistenzen und Realitätsbrüchen spielenden Regisseur David Lynch vorwirft, er würde ein Meisterwerk wie "Mulholland Drive" so zusammensetzen, dass er sich nach dem Filmstart über möglichst viele hilflose Interpretationen schlapplachen kann, weil der Film selbst eigentlich gar nichts zu bedeuten hat, der wird auch mit dem dunklen und gemeinhin als unzugänglich geltenden Spätwerk von Scott Walker seine Probleme haben. Wer schon bei "Tilt" nicht ohne plötzlich auftretenden Migräneanfall über den fünften Track hinauskam, kann sich "The Drift" gleich schenken: Anhand von bis zu zwölfminütigen, collagenhaft erscheinenden Alptraum-Szenarien führt der Tenor, der ja schon länger singt wie sein eigener Geist, die, die noch zuhören wollen, auf direktem Weg an der Vorhölle vorbei in die totale Finsternis.
Ein paar kurze Notizen zu "The Drift": Es ist hermetisch, aber (nicht nur akustisch) durchaus hörbar. Es macht ungefähr so gute Laune wie Pasolinis "Salò oder die 120 Tage von Sodom". Es gibt, zumal in "Cossacks Are", sogar Stellen, die man als Refrain bezeichnen könnte! Außer für geübte Scott-Jünger bleibt das heimische Mitsingen dennoch diffizil: Oft genug werden die "Songs" durch Entengequake, Heuschreckengezirpe, aneinander schlagende Schweinehälften, Esel im Todeskampf, Gebimmel, Nebelhörner oder unverhofftes Wimmern untermalt und unterbrochen. Mit diesen knapp 70 Minuten festigt der einstige Walker Brother elf Jahre nach "Tilt" und 22 Jahre nach "Climate Of Hunter" seinen Status als ominöse Existenz und erster Liedzerstörer aufs Nachdrücklichste. Haben sie Spaß! (9) Jan Wigger
Phantom/Ghost "Three"
(Lado/SPV, 28. April)
Dirk von Lowtzows Chance, mit dem von ihm verehrten Scott Walker in ein und derselben Kolumne zu landen, lag ungefähr 1:1.000.000, doch das dritte Phantom/Ghost -Album hat sich diese Weihen ganz ausdrücklich verdient. "Three" strahlt etwas Archaisches, etwas ganz und gar Unzeitgemäßes aus, wenn von Lowtzows Gesang in "Far From The Madding Crown" ins Parodistische umkippt oder der Schauder und die Feierlichkeit von "All Is Hell" alles überstrahlt und verzaubert. Das aufreizend-liebliche "Willow", eine Hymne auf Willow Rosenberg aus "Buffy - The Vampire Slayer", muss übrigens genauso beklatscht werden wie der "Minotaur's Song" der schottischen Incredible String Band, deren mystischer Spinner-Folk in den späten Sechzigern einzigartig war. Und tatsächlich: Der Tocotronic-Sänger konzedierte kürzlich, dass die Platten der verschrobenen Hippies aus Glasgow die Arbeit an "Three" nicht unwesentlich beeinflusst haben. Die schiere Schönheit von "Tannis Root", das Geheimnis von "Where More Gifted People Crack", diese herrlich übermüdete Stimme, die Geschichten von Geistern und sanft verwunschenen Orten und die dezente, stets angemessene Instrumentierung von Thies Mynther (Stella, Superpunk) es gibt wenig Worte für sowas. Und überdies kein einziges Album, das momentan so klingt wie "Three". (8) Jan Wigger
Snow Patrol "Eyes Open"
(Fiction/Polydor/Universal, 28. April)
Weil Richard Ashcroft keine Band ist und man von Vega 4 schon länger nichts mehr gehört hat, kämpften bis zuletzt Starsailor, die Dave Matthews Band und Eskobar um den Titel "Langweiligste Musikgruppe der Welt". Nun droht unvermutet Konkurrenz aus Glasgow: Snow Patrol , in der Vergangenheit noch für hübsch kleinteilige Folk-Pop-Platten auf dem Jeepster-Label verantwortlich, haben mit "Eyes Open" ein unbestrittenes Meisterwerk des total egalen Schnulli-Pops aufgenommen: Die knuffigsten Gitarren, die unverdächtigsten Schunkellieder, die belanglosesten Lyrics, die man für Geld kaufen kann. "Headlights" bollert mitsamt seines "Wooooh-Uhuhu"-Backgroundchors erbarmungslos und ohne Ziel dahin, "The Finish Line" täuscht erfolglos Sentiment an, "Make This Go On Forever", noch der beste Song auf "Eyes Open", ist die todsichere zweite Single. Der größte Lacher von allen: Die Plattenfirma spricht arglos von den "prägnantesten Texten im Rockbusiness.", Keane sprechen wohl schon bald davon, endlich eine neue Vorgruppe gefunden zu haben. Bitte nie wieder mit den ehemaligen Jeepster-Kollegen Belle & Sebastian in Verbindung bringen. (3) Jan Wigger
The Charlatans "Simpatico"
(Sanctuary/Rough Trade, bereits erschienen)
Nur für den Fall, dass sie schon mal eine Diskothek besucht haben: Der neben "Every You Every Me" (Placebo), "Song #2" (Blur) und "Common People" (Pulp) langweiligste Musikwunsch überhaupt ist auch im Jahr 2006 wieder "The Only One I Know" von den Charlatans . Wahrscheinlich freut sich da sogar der DJ, der den Song sowieso noch auflegen wollte, weil die Charlatans in 17 Jahren Bandgeschichte natürlich nur diesen einen Song geschrieben haben. Immer noch eine Jungsband, immer noch schwer vermittelbar (außer man isst bunte Pillen zum Frühstück und lebt gleichzeitig in Manchester): "Simpatico" ist nun schon das neunte Charlatans-Album, und es ist sehr gut. Denn wann eigentlich ist dieser Gruppe zuletzt etwas so Beträchtliches eingefallen wie "Muddy Ground", "Road To Paradise" oder das halbdunkle "The Architect" mit dem "Good Vibrations"-Theremin? Grandios verhauen haben sie allerdings den Refrain von "NYC (There's No Need To Stop). Doch auch für ihr Scheitern haben wir die Charlatans ja allzeit geschätzt. (7) Jan Wigger
Built To Spill "You In Reverse"
(Inkubator/Soulfood, bereits erschienen)
In diesem Fall muss einem nicht einmal die leiseste Tendenz zur Übertreibung vorgeworfen werden: Idahos bekanntester Bartträger Doug Martsch und seine Band Built To Spill sollten für jeden am sogenannten Indie-Rock interessierten Menschen Berühmtheiten und verdiente Innovatoren des Genres sein auch wenn sie bloß in einem Kartoffelstaat wohnen, dort tagein tagaus auf der Veranda sitzen, Neil Young hören und seit Jahren zu bequem sind, um in Europa zu touren. Für Neueinsteiger kurz resümiert: Die Built-To-Spill-Alben "There's Nothing Wrong With Love" (1994) und "Perfect From Now On" (1997) sind ganz sicher zu den zehn formvollendetsten Gitarren-Alben der Neunziger zu zählen, und Anrührenderes als "Car" oder "Made-Up Dreams" hat nach Martsch kaum noch jemand hinbekommen. Mit "You In Reverse" kommen Built To Spill nach geschlagenen fünf Jahren zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt zurück: England brennt, die US-Indie-Szene dagegen werkelt größtenteils im Verborgenen. Deshalb der dringende Hinweis: Für das alles überragende "Traces", für die gemütvollen Songs "Just A Habit" und "Liar" braucht man den unrasierten Heilsbringer auch noch in ferner Zukunft. (7) Jan Wigger
Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster bis "10" (absoluter Klassiker)