Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Sonic Youth - "Rather Ripped" (Geffen/Universal)
Ein beträchtlicher Teil der Nachberichterstattung zu den großartigen Deutschland-Konzerten der Babyshambles lässt sich nur als scheinheilig und widerlich bezeichnen: Man begleitete den wahlweise als "Heroin-Rocker" oder "Drogenkind" titulierten Pete Doherty bis in die Würstchenbude, hatte aber zu den Auftritten an sich nichts Wissenswertes beizutragen. Wie gut, dass sich Sonic Youth nicht auf diese Weise verwerten lassen: Hier geht es auch weiterhin um den Kern der Sache, die Musik, oder höchstens darum, welche Songs diesmal von Kim Gordon, welche von Thurston Moore und welche von Lee Ranaldo gesungen werden. Sind Sonic Youth heute noch so relevant wie zu Zeiten von "Daydream Nation" oder "Dirty"? Erfreuliche Erkenntnis: Wie schon auf "Sonic Nurse" (2004) mit "Pattern Recognition" sorgt die mit jedem Album sinnlicher werdende Kim Gordon anhand von "Reena" und "The Neutral" auch hier für die Highlights. Ersteres ist vielleicht genau das Stück, das man Leuten vorspielen könnte, die mit Sonic Youth ausschließlich Krach-Exkurse, Feedback-Orgien und längliche Gitarren-Soli verbinden. Das Fehlen von Jim O'Rourke, der kein festes Bandmitglied mehr ist, macht sich kaum bemerkbar, Lee Ranaldos einziger Beitrag "Rats" hat einen Basslauf, den man so schnell nicht mehr vergisst. Wieder schauen wir staunend nach New York: Vom Rock 'n' Roll zu lernen, heißt immer noch von Sonic Youth zu lernen. (8) Jan Wigger
Pet Shop Boys - "Fundamental" (Parlophone/EMI)
Weil die Pet Shop Boys mit "Fundamental" auf den archetypischen Disco-Pop ihrer Hochzeit zurückgreifen, greifen wir noch einmal auf geglückte und missglückte Tracks aus der Vergangenheit von Neil Tennant und Chris Lowe zurück. Immer schon majestätisch waren "Being Boring", "It Couldn't Happen Here", "Jealousy", "Rent", "Red Letter Day" oder "King's Cross". Immer schon schaurig: "Go West", "New York City Boy", "Se A Vida É". "Fundamental" nun beginnt mit dem meisterhaft reduzierten, an Depeche Mode und Kraftwerk erinnernden "Psychological" und endet mit dem fürchterlichen Euro-Disco-Unfug "Integral". Die dämliche Single "I'm With Stupid" ist der zweite enttäuschende Song, doch der Rest ist die triumphale Rückkehr zur alten Form. "Luna Park", "Sodom And Gomorrah Show" und "Numb" sind grandios und machen "Fundamental" tatsächlich zur besten Pet Shop Boys-LP seit "Very". Weil die guten Kompositionen so gut sind, dass sie die wenigen schwachen doppelt und dreifach aufwiegen. (8) Jan Wigger
Die Goldenen Zitronen -"Lenin" (Buback/Indigo)
Wenn die Goldenen Zitronen ihre neue Platte "Lenin" nennen, überrascht das selbstverständlich niemanden mehr: Das ultralinke Kollektiv um Schorsch Kamerun und Ted Gaier wird niemals aufhören, unsere Ruhe zu stören und uns auf die Nerven zu gehen - Unterhaltungsmusik gibt es schließlich schon en masse. Zarte Gemüter werden zu Recht Angst davor haben, von den Zitronen angebrüllt, verunsichert und schließlich instruiert zu werden. Auch "Lenin" ist, kaum verwunderlich, wieder keine Platte geworden, die man sich schon morgens zum Frühstück auflegen kann wie etwa Boards Of Canada oder Slayer. Die Plattenfirma formuliert es noch treffender: "Musik, die man endlich mal wieder nicht mitsingen kann." Die Angst im Alltag, das sekündliche Unbehagen, die Enttäuschung darüber, dass wir schließlich doch so geworden sind wie unsere Eltern: "Wir kapitulieren auf allen Vieren / Bei gutem Rotwein ohne uns zu genieren / Nein, nein, wir können uns nichts Besseres vorstellen / Nein, als für den Rest Single oder Kleinfamilie, oder beides im Wechsel zu sein / Nein, da ist kein ironischer Unterton, wenngleich, ein Weg voller Steine und Kanten, lässt einen wahrscheinlich entspannter landen" ("Raus aus der Klasse, zurück in die Klasse"). Erschreckt eure Familie damit! (7) Jan Wigger
Diverse Interpreten - "Monsieur Gainsbourg Revisited" (Universal)
Eine Huldigung für den Meister: Rund 15 Jahre nach dem Herztod des Provokateurs mit der Zinkennase wurden wahrscheinliche und unwahrscheinliche Künstler zusammengetrommelt, um ins Englische übersetzte Gainsbourg-Lieder zu veredeln oder kaputt zu singen. The Rakes und Franz Ferdinand (mit Jane Birkin) bleiben The Rakes und Franz Ferdinand, Michael Stipe erkennt man im hübschen "L'Hôtel" erst gar nicht. Portishead, seit fast zehn Jahren untergetaucht, machten aus "Un jour comme un autre - Anna" und "Requiem pour un con" das solide "Requiem For Anna", können aber viel mehr. Cat Power und Karen Elson sind Bestbesetzung für "I Love You (Me Either)", die englische Version von "Je t'aime moi non plus". Brian Molko zerkrächzt und zerknödelt gemeinsam mit Faultline und Françoise Hardy "Requiem For A Jerk", die The Kills-Version von "La chanson de Slogan" (hier: "I Call It Art") ist ein später Höhepunkt. Serge Gainsbourg hätte vermutlich nur kurz gelacht und sich eine Fluppe angezündet. (ohne Wertung) Jan Wigger
Stuart A. Staples - "Leaving Songs" (Beggars Banquet)
Er ist der Nasenmann, und auf "Leaving Songs" näselt er wieder so verschnupft wie auf den alten Tindersticks-Platten und seinem letzten Solowerk "Lucky Dog Recordings 03-04". Natürlich kann ein Album übers Abschiednehmen, über treulose Geliebte und den Schmerz danach nur von Staples kommen. Eine Welt in Moll, ein Königreich für Streicher und zwei der schönsten Duette, die Staples je eingesungen hat: "This Road Is Long" mit Maria McKee, vor allem aber "That Leaving Feeling" mit Lhasa de Sela: "The past is so heavy, but it's something I can't leave / And the future is so certain, it just pushes me to my knees". Töne und Themen mögen die selben geblieben sein, doch Staples beherrscht sie wie kaum ein anderer. (7) Jan Wigger
Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster bis "10" (absoluter Klassiker)