Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Seachange sind empfindsame Bildungsbürger, Justine Electra erfindet Elektro-Folk neu, The Futureheads lassen sich nicht kommerzialisieren, Midlake schwelgen im Siebziger-Sound, und Scritti Politti tauchen wieder aus der Versenkung auf.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seachange – "On Fire, With Love"
(Glitterhouse/Indigo, bereits erschienen)

Was für ein wunderbarer Albumtitel: Poetisch, ausdrucksvoll und angemessen verloren. Die Band Seachange aus Nottingham, auf der ersten Platte "Lay Of The Land" mit charakteristischer Geige und hübsch uneindeutigen Texten vorgestellt, war längere Zeit verschollen, wollte aber lediglich ein Doppel-Album einspielen, das nun doch nur zur 40 Minuten langen Einfach-LP geworden ist. Früher waren Seachange schärfer und brutaler und klangen fast ein wenig wie zwei Bands, die in den Neunzigern so gut waren, dass man sie sich nicht mal hätte ausdenken können: The Van Pelt und Three Mile Pilot. "On Fire, With Love" ist nun eher zurückgenommener Indie-Rock, respektive empathischer Folk-Pop wie im mit Abstand besten Lied "Midsummer Fires". Auch "In", ganz am Schluss versteckt, bewegt Herzen: "Well it's good we are so busy these days/ I hope you don't want to re-write 'Penny Lane'/ Like every english boy with half a brain/ Because I think I'd prefer it/ If you stayed a little the same". Das Leben aus der Sicht von empfindsamen Bildungsbürgern – man kann noch von ihnen lernen. (7) Jan Wigger

Justine Electra – "Soft Rock" (City Slang/Rough Trade, 2. Juni)

Dass Berlin voller musikalischer Frauen ist, wissen wir nicht erst seit Peaches und Annika Line Trost. Justine Carla Electra Beatty ist in einem australischen Hippiecamp aufgewachsen und schrieb ihre erstaunliche, bedrohlich-burleske Familienabrechnung "Mom + Dad + Me + Mom" schon im Alter von acht Jahren. In der deutschen Hauptstadt machte sie sich zunächst als Elektro-DJane mit dem Sonarkollektiv einen Namen, veröffentlicht nun aber ein Debüt-Album, das zwar "Soft Rock" heißt, aber unmöglich zu katalogisieren ist. Justine Electra schafft es, noch die schrägsten, arythmisch platzierten Samples und Geräusche so einzusetzen, dass sie im Gesamtkonzept des jeweiligen Songs faszinieren und funktionieren ("Calimba Song"). Dazu singt sie mit träumerischer Stimme zumeist extrem amüsante Anekdoten aus ihrer Biografie. Elektro-Folk müsste man das wohl nennen, oder eine ganz neue, irre TripHop-Variante, aber für all diese Schubladen ist Justine Electra einfach zu originär. Wer’s nicht glaubt, höre sich einfach den Opener "Fancy Robots" oder den lustigen Soldatenmarsch "President" an, in dessen Refrain es launig heißt: "I went to the doctor, the doctor said/ Sorry son, your balls are dead". (7) Andreas Borcholte

The Futureheads – "News And Tributes"
(679 Records/Warner Brothers, 2. Juni)

Dem Alten verpflichtet, dem Neuen zugetan: Mit "News And Tributes" haben die Futureheads, die einzige namhafte Band aus dem nordostenglischen Sunderland, eines der seltsamsten, vielleicht aber auch eines der dauerhaftesten Alben in diesem Jahr aufgenommen. Gab es zum herausragenden, in Deutschland wie üblich mehrere Ewigkeiten zu spät veröffentlichten Debüt "The Futureheads" im Grunde nur einen einzigen Verriss zu lesen, könnte "News And Tributes" für deutlich mehr Uneinigkeit sorgen: Die ausgezeichnete Single "Area" fehlt, viele Stücke wirken sonderbar fragmentarisch und verharren im Ansatz, vieles wiederum scheint als schiere Tanzbeschallung fast zu schlau und komplex. Eine Novität: Die Anzahl der ruhigen Songs hat zugenommen, mal sind sie famos ("Burnt"), mal schleppend langweilig ("News And Tributes", "Thursday"). Das Beste an "News And Tributes" ist die Deutlichkeit, mit der sich hier einer bloßen Dienstleistung rigoros verweigert wird. Ein Zwischenwerk, als Langspielplatte getarnt. (6) Jan Wigger

Midlake – "The Trials Of Van Occupanther"
(Bella Union/Cooperative Music/Rough Trade, 2. Juni)

Wenn eine Band aus dem kleinen Kaff Denton in Texas kommt, dann erwartet man von ihr eigentlich frustrierte Schreiorgien und furchterregende Gitarrenwälle. Die fünf Jungs von Midlake aber haben sich einer ungleich sanfteren Musik angenommen, die einen fast noch schlechteren Ruf genießt: Siebziger-Jahre-Folkrock mit allen großen Gesten und den unvermeidlichen verspielten Klassizismus-Arrangements. Wer "The Trials of Van Occupanther" auflegt, sollte also auf liebliche Harmoniegesänge und warmes Westküstenfeeling gefasst sein. Midlake klingen manchmal wie Emerson, Lake & Palmer im Duett mit Jackson Browne. Sie bewundern Äste im Wald ("Branches"), gehen Hirsche jagen ("Chasing After Deer") oder träumen davon, einfach mal ein paar Wochen in der Wildnis zu verschwinden ("Van Occupanther"). Ein bisschen Radiohead aus der "Kid A"-Phase klingt auch mal durch, das liegt aber hauptsächlich an der zuweilen nöligen Stimme von Sänger Tim Smith. Mit ihrem Erstling sorgten die naturverliebten Retro-Texaner bereits für Aufruhr in der US-Indie-Szene und handelten sich nett gemeinte Vergleiche mit den Flaming Lips ein, mit "Trials..." dürfte ihnen der Durchbruch als Genre-Setter sicher sein – und uns eine neue Schwemme Siebziger-Hommagen. (6) Andreas Borcholte

Scritti Politti – "White Bread Black Beer" (Rough Trade/Sanctuary, 2. Juni)

Förmlich aus dem Nichts kommend: eine neue Scritti-Politti-Platte auf unserem Schreibtisch. Wenn man Scritti-Kopf Green Gartside heute so sieht, mit Vollbart und in Trainingsjacke, hat man das Bedürfnis, ihn nach fast 30 Jahren Bandgeschichte doch noch einmal vorzustellen: Schon als Jungmann, Philosoph und Kommunist, besang Gartside, im Pop unüblich, den Dekonstruktivisten Jacques Derrida, kollaborierte später mit Miles Davis, Shabba Ranks und Mos Def und arbeitete sich immer aufs Neue am Verfeinerten und Geschmackvollen ab: Wie Prefab Sprout und die Pet Shop Boys sind auch Scritti Politti stets Sensibilisten mit Stil geblieben: "White Bread Black Beer" wird Fans von Taking Back Sunday und Fall Out Boy in ungeahnter Weise aggressiv stimmen – wenn sie es je zu hören bekommen. Wie schon auf "Anomie & Bonhomie" (1999) stehen einigen etwas ereignislos dahinplätschernden Tracks im Mittelteil große Songs entgegen: "Snow In Sun", "Road To No Regret", "The Boom Boom Bap" und "Mrs. Hughes" hätten selbst auf dem Meisterwerk "Cupid & Psyche 85" bestehen können. (6) Jan Wigger


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr lesen über