Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Ein musikalischer Pfau namens Scissor Sisters, eine Trend-immune Legende namens Elton John - und dazu Britisches, Berlinisches und Theatralisches - bei Abgehört zum Lesen und Hören.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Scissor Sisters – "Ta-Dah"
(Polydor/Universal, bereits erschienen)

Was bezüglich der vielleicht schwulsten aller schwulen Musikgruppen und ihres lippenstiftverschmierten Pfauentums, ihres lebensrettenden Überschwangs, und ihrer verlockend funkelnden Broadway-Seligkeit oft vergessen wird, ist die Tatsache, dass die New Yorker Scissor Sisters reihenweise großartige Songs schreiben: "Land Of A Thousand Words" ist die etwas aus der Mode gekommene Power-Ballade im besten Sinne, "The Other Side" das verhangene Lied über die Liebe im Schatten der Vergänglichkeit, "Intermission" schließlich der könnerhafte, spätbeatleske Streicher-Wahnsinn.

Frappant: Die vermutlich eher als Party- und Ausgehuntermalung konzipierten Funk-Stücke wie "Paul McCartney" funktionieren ebenso gut zu Hause vor der Stereoanlage, ohne Mascara, ohne Atlasseide, ohne Glam-Posen. "Ta-Dah" lässt das Debüt "Scissor Sisters" (2004) weit hinter sich und feiert wie etwa "Three" von Phantom/Ghost, "Feels" von Animal Collective oder das Kate-Bush-Doppel-Album "Aerial" genau die Dinge, deren baldiges Verschwinden man bereits betrübt eingeplant hatte: Das Unechte, das Eitle und Überspitzte, das unbeherrscht Romantische und die schöne Lüge. Ein guter Rat: Unbedingt die längliche, verführerische "Collector’s Edition" mit Bonus-CD und Poster kaufen. (8) Jan Wigger


Elton John – "The Captain & The Kid"
(Mercury/Universal, bereits erschienen )

Mehr noch als Bob Dylan und Neil Young gilt Elton John bei den meisten Trend-Menschen, die "I’m Still Standing" aus dem Kaufhausradio und das schreckliche "Candle In The Wind" von der Katzenbeerdigung im Vorgarten kennen, als onkelhaft und uncool. Wie aber kann jemand uncool sein, der Ryan Adams für seine plötzlich wieder erwachte Inspiration dankt und Rufus Wainwright ganz zu Recht für den größten Songwriter des Planeten hält? Selbstlos vermittelte Elton John dem damals schwer vom Amphetamin "Crystal Meth" abhängigen Wainwright ja einen Therapieplatz und nahm mit "Songs From The West Coast" (2001) und "Peachtree Road" (2004) seine besten Platten seit rund zwanzig Jahren auf.

"The Captain & The Kid" bezieht sich auf das Album "Captain Fantastic And The Brown Dirt Cowboy" aus dem Jahr 1975, das unter anderem das nur schwer schlagbare "Someone Saved My Life Tonight" enthält. Drei Dekaden später knüpft John mit zehn Stücken, aus denen die alte, unbestimmte Sehnsucht strömt, an die frühen Großtaten an. Die Besten unter Gleichen: "The Bridge", "Blues Never Fade Away" und "Wouldn’t Have It Any Other Way (NYC)". (8) Jan Wigger


Kasabian – "Empire"
(Columbia/SonyBMG, 22. September)

Es gibt erstaunlich viele Insel-Bands, deren Stil so eigensinnig britisch ist, dass ein kommerzieller Erfolg hierzulande von vorneherein auszuschließen ist. Zu diesen Gruppen zählen neben den verruchten Gossenkindern The Others, den wundervollen, bereits wieder aufgelösten Special Needs und den grandios bekloppten Young Knives, deren UK-Only-Album "Voices Of Animals And Men" ein halbes Dutzend Hits abwirft, auch Kasabian. Wie schon auf ihrer ersten LP klingt das Lärm-Kommando aus Leicester wieder wie eine Primal-Scream-Coverband plus Zugabe von etwas Spiritualized, Oasis und T.Rex. Für "Empire" gab es bereits völlig überzogene 9/10 Punkte vom Musikblatt "NME" und eine ebenso unsinnige Ein-Stern-Wertung vom amerikanischen "Rolling Stone", während Kasabian selbst sich mit der Aussage lächerlich machten, "Empire" sei das beste britische Album seit dem epochalen Oasis-Debüt "Definitely Maybe" von 1994. In Wahrheit dürften die neuen Kasabian-Tracks (das stille "British Legion" mal ausgenommen) vor allem wieder auf Tanzböden reüssieren: Wenig Melodien und viel Gedröhne mit schönen ("Shoot The Runner", "Sun/Rise/Light/Flies") und unschönen ("Apnoea") Momenten. (6) Jan Wigger


My Brightest Diamond – "Bring Me The Workhorse"
(Asthmatic Kitty Records/Cargo, bereits erschienen )

Schon ein Blick auf das Cover genügt: Wer ein grundsätzliches Problem mit vorgeblich "anstrengenden" Frauenstimmen hat, die zuweilen auch ins Überkandidelte und Theatralische kippen, braucht an dieser Stelle nicht mehr weiterzulesen. Für den Rest: Shara Worden, schon als Kind von den Eltern mit Gospel, Jazz, Klassik und spanischen Tango-Tänzen vertraut gemacht und später speziell an Opern interessiert, trägt auf der Bühne gern Korsett- und Ballkleider, nennt sich selbst My Brightest Diamond und bringt nun mit "Bring Me The Workhorse" ihre erste LP heraus. Wordens facettenreiche, dehnbare Stimme erinnert an Polly Jean Harvey, Regina Spektor und Nina Simone, die elf, mal mit Streichern, mal mit dräuender Percussion unterlegten Songs sind so seltsam bewegend wie der Winter in New York, in dem Worden sicher alle zwei Stunden die Schneekristalle zählt. (7) Jan Wigger

Devastations – "Coal"
(Beggars Banquet/Indigo, 22. September)

Den Devastations wird oft eine Nähe zu Nick Cave & The Bad Seeds bescheinigt. Was auch daran liegt, dass Devastations-Sänger und Bassspieler Conrad Standish zwar manchmal eine Tonlage höher singt als Cave, aber ganz ähnlich phrasiert wie der Australier. Ebenso folgerichtig könnte man sagen, dass die ebenfalls aus Australien stammenden und kürzlich nach Berlin gezogenen Devastations mit "Coal" keinen Freund der Tindersticks und Leonard Cohen enttäuschen sollten. Insgesamt nicht so umwerfend wie "The Devastations" von 2004, aber mit einem der besten Songtitel des Jahres: "What’s A Place Like That Doing In A Girl Like You?" (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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