Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Albert Hammond Jr. gibt sich ungezwungen, Badly Drawn Boy will Springsteen sein, Duke Special brauchen neue Klamotten, und Boy Kill Boy und Milburn ragen gerade so aus dem Britrock-Durchschnitt heraus - bei Abgehört zum Lesen und Reinhören.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Albert Hammond Jr. – "Yours To Keep"
(Rough Trade/Sanctuary)

Jetzt bitte alle mal kurz aufpassen: Auch Menschen, die - aus was für bizarren Gründen auch immer - so gar nichts mit den Strokes anfangen können, sollten sich das erste Soloalbum des Strokes-Gitarristen Albert Hammond Jr. einmal anhören. Auf "Yours To Keep", einer kleinteiligen und äußerst liebenswerten Platte, realisiert Hammond Jr. vieles von dem, was im Strokes-Kontext zu fremd erschienen wäre oder gar – so hat Hammond Jr. es scheinbar einem Journalisten erzählt – von den anderen Bandmitgliedern nicht gemocht und somit abgelehnt wurde.

Ulkig, denn zumindest "Back To The 101" und "Hard To Live (In The City)" hätte auf alle drei Strokes-Platten gepasst. In weiten Teilen entfernt sich Albert aber vom archetypischen Bandsound: Seine Kompositionen haben etwas Kinderliedhaftes, Argloses und vollkommen Ungezwungenes. "Cartoon Music For Super Heroes" muss unter massivem Beach-Boys-Einfluss entstanden sein, "Scared" kreuzt im Refrain John Lennon und Baxter Dury, und das überragende "Call An Ambulance" besitzt genau die Leichtigkeit, die man sich nicht kaufen, sondern nur erspielen kann. 35 Minuten, 10 Songs, kein Ausfall. (8) Jan Wigger

Badly Drawn Boy - "Born in The UK"
(EMI, 20. Oktober)

Ist schon ein lustiger Knopf, dieser Damon Gough. Sein neues Album sollte ein ganz großer Wurf werden, deshalb war er nach fünf guten und netten Jahren bei XL Recordings auch zum Majorlabel EMI gegangen und hatte Britpop-Legende Stephen Street (Blur, Cranberries) als Produzenten angeheuert. Allein: Es passierte rein gar nichts. Nach fünf Wochen Schreibblockade schmiss Gough alles hin, sammelte seine letzte Tourbesetzung in einem anderen Studio zusammen und fing noch mal von vorne an. Das Resultat ist nun kein ganz so großer Wurf geworden - aber immerhin eine Platte, die mit Goughs großen Alben wie "The Hour of Bewilderbeast" und "One Plus One Is One" gerade noch so mithalten kann. Das ist doch was - und entschuldigt auch die ironische Spielerei mit der britischen Nationalhymne im Titelstück: Die Zeile "Born in the UK" klingt nun einmal nur halb so cool wie "Born in the USA", auch wenn der Badly Drawn Boy der wahrscheinlich größte Springsteen-Fan diesseits des Atlantiks ist. Songzeilen wie "You're my woman/ I'm your man/ And if we still don't have a plan/ We'll listen to 'Thunder road'" (aus "One Last Dance") verzeiht man ihm ebenfalls gerne, so lange die Songs so naiv und großherzig von Liebe, Liebe und nochmal Liebe schwärmen. Der lustige Knopf ist - wie jeder Clown - vor allem ein großer Romantiker. (7) Andreas Borcholte

Duke Special – "Songs From The Deep Forest"
(V2 Records/Rough Trade, 20. Oktober)

Die kleine Deutschland-Tournee, auf der sich The Divine Comedy und Duke Special gemeinsam befanden, hatte seine wunderlichen Momente: Zwar klingt der detailversessene, nach einem Großorchester verlangende Disney-Pop des nordirischen Dukes Peter Wilson stellenweise nach The Divine Comedy, doch hätte man sich den geistigen Urheber der "Songs From The Deep Forest" wie Neil Hannon im feinen Zwirn vorgestellt. Stattdessen trägt Wilson ein geliehenes Offiziersjäckchen in anthrazitfarbenem Satin und Dreadlocks – wie schade! Die Musik aber genügt auch hohen Ansprüchen: "Wake Up Scarlett", "Ballad Of A Broken Man" oder "Portrait", das sich deutlich auf den frühen Rufus Wainwright bezieht, sind beinahe makellos komponierte Kostbarkeiten. Auch wenn Wilsons Stimme in der Tat an Tom Chaplin erinnert, ist Vorsicht angezeigt: Wer Duke Special mit Keane vergleicht, wird mit Reamonn-Hören nicht unter zwei Wochen bestraft. Achtung: "Songs From The Deep Forest" erscheint auch als limitiertes Box-Set aus sechs Vinyl-Singles. (7) Jan Wigger

Boy Kill Boy - "Civilian"
(Vertigo/Universal, 20. Oktober)

Während die ersten Originale bereits ihre schwierigen zweiten Alben vorgelegt haben (Killers, Razorlight), schwemmen immer noch neue Bands auf den Markt, die vom Britrock-Hype profitieren wollen. Einer von diesen Next-Generation-Acts ist Boy Kill Boy, eine gut durchgestylte Bande aus Ost-London, die sich offenbar ein paar Platten (Kaiser Chiefs, Franz Ferdinand, Keane, Cure) angehört und dann beschlossen haben, dass sie das schon lange können. Und so klingt "Civilian" dann auch: Hüpfende Achtziger-Synthesizer, hippeliger New-Wave-Rhythmus, zu viel Pathos in den Arrangements, angstvolle Texte und die nervöse Stimme von Sänger Chris Peck. Nun ist Epigonentum ja nichts Schlimmes, wenn die Songs gut sind. Boy Kill Boy haben jede Menge Energie und ein paar gute Ideen, die sich zumeist in den schnelleren Songs ("Back Again", "On My Own") niederschlagen. Das immer gleiche Uptempo wird allerdings schnell eintönig (der Hard-Fi-Effekt), so dass man sich am Ende umso mehr über den Hidden Track "Shoot Me Down" freut: eine rührselig-schöne Ballade, die dieses ansonsten durchschnittliche Album glatt noch um einen Punkt aufwertet. (6) Andreas Borcholte

Milburn – "Well Well Well"
(Free Construction/Mercury/Universal, 27. Oktober)

Ganz recht: Bevor es Anfang 2007 für die Throninhaber Maximo Park und Art Brut mit ihren kniffligen zweiten Alben Ernst wird, gilt es noch einige schwächliche, ganz ordentliche oder im besten Falle wirklich achtbare UK-Neulinge zu überstehen. Die Band Milburn stammt aus der Arctic-Monkeys-Stadt Sheffield, was man im deutlich an "Cigarette Smoke" erinnernden "Stockholm Syndrome" auch sogleich hören kann. Davon abgesehen changiert der Milburn-Sound aber eher zwischen The Jam, Madness und den Specials, die starken Ska-Einflüsse inbegriffen. Dass "Well Well Well" nicht mehr als ein ziemlich gutes Debüt geworden ist, liegt an fehlenden Hitdichte: "Send In The Boys" und "Cheshire Cat Smile" sind zweifelsfrei umwerfend, "Storm In A Teacup" und "Lipstick Licking" mindestens erstaunlich. Den meisten anderen Songs aber fehlt es nicht nur am zwingenden Songwriting, sondern auch an brillanten Texten – womit wir dann doch wieder bei den Arctic Monkeys wären. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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