Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Sufjan Stevens überrascht mit anarchischen Weihnachtsweisen, Gwen Stefani stilisiert sich konsequent zum Kunstwerk, The Walkmen bleiben Geheimtipp, The Book of Daniel kommen endlich ganz groß raus, und Jeans Team sind Berlins letzte Pop-Bastion - bei Abgehört zum Lesen und Hören.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sufjan Stevens – "Songs For Christmas"
(Asthmatic Kitty/Cargo)

Sufjan, oh Sufjan! Der gute Mensch, der dich nicht liebt, muss erst noch erfunden werden. Die schlechte Nachricht zuerst: In vier Wochen ist Weihnachten. Die zwei guten Nachrichten im Anschluss: Der Autor dieser Zeilen ist an Heiligabend so weit weg, dass niemand ihn zwingen kann, Weihnachten zu feiern. Und Sufjan Stevens, dieser zögerliche, warmherzige, feinsinnige Mann mit Banjo, akustischer Gitarre und all den anderen Instrumenten, die er oft genug selbst spielt, hat gleich mehrere Weihnachtsplatten zu verschenken. Zwar gerät Stevens’ kapitales Großprojekt, jedem einzelnen der amerikanischen Bundesstaaten ein ganzes Album zu widmen, abermals ins Stocken. Doch Sufjan, der Post-Folk, Appalachian-Folk und bewegende, Nick-Drake-hafte Skizzen gleichermaßen beherrscht, hat stattdessen noch einmal sein beträchtliches Archiv durchsucht und 42 Stücke über die Weihnachtszeit gefunden: Ein paar Traditionals, ein paar Weihnachtsklassiker, in der Mehrzahl aber selbst geschriebene Lieder, die Stevens seinen Freunden, seiner Frau oder seinen Kindern schenkte, um das trübe Fest zu erhellen.

Nun sind fünf EPs in einem handlichen, preisgünstigen Box-Set versammelt, darunter Preziosen wie "Did I Make You Cry On Christmas? (Well, You Deserved It!)", "That Was The Worst Christmas Ever!", "Get Behind Me, Santa!" oder "Come On! Let’s Boogey To The Elf Dance!". Es klingelt und bimmelt beinahe so wie auf Sufjan Stevens' göttlichem Hauptwerk "Illinoise" (2005), und Tier-Aufkleber sind auch dabei. Die kommen ins Bad, über zwei pinke, entenförmige Handtuchhalter aus China. (9) Jan Wigger

Gwen Stefani - "The Sweet Escape"
(Interscope/Universal)

"I'm just an orange county girl/ living in an extraordinary world", singt Gwen Stefani in einem ihrer neuen Songs. Vielleicht muss man wirklich aus L.A. oder Umgebung stammen und in diese merkwürdige, mit unwirklichem Glamour aufgeladene Atmosphäre aus mauvefarbenen Abendhimmeln und ewigem Partygeklimper hineingeboren worden sein, um Musik wie diese zu machen. "The Sweet Escape" unterscheidet sich nur in Details von Stefanis erstem Solo-Album "Love Angel Music Baby", mit dem die ehemalige No-Doubt-Sängerin die Charts eroberte und seitdem als Superstar firmiert. Stefani unterliegt hier allerdings dem jüngsten Robbie-Williams-Effekt: Viele Produzenten verwässern die Identität. Die Hälfte der Songs wurde von Pharrell Williams produziert, der an Stefani prompt ein paar lustige neue Neptunes-Soundexperimente ausprobierte. Folglich rumpeln die Breakbeats schön vertrackt, und in "Wind It Up", der ersten Single, darf Gwen sehr zeitgeistig jodeln. Die andere Hälfte wurde von Gwens Ex-Bandkollegen Tony Kanal betreut, der für den nötigen Pop-Appeal sorgte. Nellee Hooper, Akon und Swizz Beatz durften auch noch jeweils einen Song produzieren, schließlich soll sich die Platte ja sowohl an HipHop-Kids als auch an alte No-Doubt-Fans und das breite Pop-Publikum verkaufen lassen. Das Ergebnis klingt ungefähr so wie Stefani auf dem Cover ihrer CD aussieht: künstlich. Das soll jetzt aber gar nicht so negativ klingen. Denn erstens kann man "The Sweet Escape" mehrmals hintereinander im Radio spielen ohne dass es jemandem wehtun wird. Und immerhin ist es ja genau das, was Gwen Stefani von allen anderen teuer produzierten Pop-Sternchen unterscheidet: Der Wille, die ganze überspannte Irrlichterei von Hollywood und der Musikbranche perfekt zu verkörpern. Das Streben, ein Warhol-Gemälde zu sein, gebietet Respekt. Und mehr als 15 Minuten Ruhm hat es ihr auch schon eingebracht. (5) Andreas Borcholte

The Walkmen – "A Hundred Miles Off"
(Talitres Records)

Die Band The Walkmen veröffentlicht auf dem Kleinstlabel Talitres, Heimstätte für Dan Bejars phantastischen Spuk-Trupp Destroyer. Es wäre übertrieben, zu sagen, das New Yorker Quintett sei mit dem allerliebst betitelten Debüt "Everyone Who Pretended To Like Me Is Gone" und der zweiten LP "Bows And Arrows" ins Rampenlicht getreten. Konnte man wenigstens als Kritikerliebling reüssieren? Ganz gewiss. Bei "A Hundred Miles Off" wird das nicht anders sein, denn zur blutvollen Orgel und den glühenden Gitarren singt: Bob Dylan. Yeah, His Bobness ist jetzt down mit den Kids und zeigt ihnen mal, wie Rockmusik funktioniert! War nur ein Witz: Der Walkmen-Sänger heißt Hamilton Leithauser und hätte wohl mehr Kohle, wenn er auf dem Weihnachtsmarkt "Maggie's Farm" runterleiern würde. Davon abgesehen sind The Walkmen natürlich eine der interessantesten Downtown-Garage-Attraktionen, die es so gibt. (6) Jan Wigger

The Book Of Daniel – "Songs For The Locust King"
(Riptide/Cargo)

Damit hier niemand sein Gehalt für überteuerte Jahresend-Compilations rauswerfen muss, gibt es auch in dieser Woche wieder einen großen Unbekannten, dessen CD man dennoch in einem echten Plattenladen finden kann. The Book Of Daniel ist der hübsch rätselhafte Name für das Bettkanten-Projekt von Daniel Ingemar Gustafsson. Gemeinsam mit seinem kleinen Bruder Martin Gustafsson (Boy Omega), Björn Kleinhenz und Tiger-Lou-Gitarrist Mathias Johansson wurden bereits vor Jahren Stücke aufgenommen. Nun endlich steht das mittelgroße Orchester, das "Songs For The Locust King" trägt und behutsam ummantelt. Reich und ausladend sind Gustafssons Kompositionen und wie die Musik des geistesverwandten Landsmannes Nicolai Dunger eindeutig an den schönsten Van-Morrison-Arbeiten geschult. Während Gustafsson von traurigen, aus fremden Tagebuchaufzeichnungen gefalteten Papiervögeln singt, wimmert eine Trompete. Bring it on home, Daniel! (7) Jan Wigger

Jeans Team – "Kopf auf"
(Louisville Records)

Das Jeans-Team-Album "Kopf auf" gibt uns endlich wieder einmal die Gelegenheit, auf Louisville-Records-Chef Patrick Wagner hinzuweisen. Nachdem Wagner seine komplett größenwahnsinnige, tolle Band Surrogat ohne großen Knall beerdigte, bleibt er uns traurigerweise nur noch als Plattenfirmen-Boss erhalten. Wagner kann mit Hilfe einer von Wissenschaftlern entwickelten Super-Pille ohne Schlaf leben und liebt als einer von leider nur 56 Menschen den frühen Haneke-Film "Der siebte Kontinent". Nun aber zum Jeans Team, Berlins vielleicht letzter Hoffnung im großen Hamburg-Jahr 2006: Die Single "Das Zelt" ist ein Knüller mit genau genommen simplem Lösungsansatz: "Kein Gott/ Kein Staat/ Keine Arbeit/ Kein Geld/ Mein Zuhause/ Ist die Welt". Vom Chaos-und Gimmick-Charakter früherer Jeans-Team-Tracks darf man sich nicht blenden lassen: "Kopf auf" und "Du bist Hamburg" ist milder Wandergitarren-Folk, der auch neben den Kraftwerk-Reminiszenzen "Lattialla Taas" und "Silizium" funktioniert. Elektro-Spinner, vom Songformat überwältigt. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)