Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
The Shins "Wincing The Night Away"
(Sub Pop/Cargo)
Alles in allem und grob über den Daumen gepeilt war die zweite Shins-LP "Chutes Too Narrow" genau das, für was wir sie nach dem ungefähr dritten Hören bereits gehalten haben: Das gemeinsam mit "Kill The Moonlight" (Spoon) und "Good News For People Who Love Bad News" (Modest Mouse) vielleicht beste, kompletteste und berührendste Indie-Pop-Album der letzten paar Jahre. The Shins, die trotz vieler Angebote größerer Plattenfirmen auch weiterhin auf dem Nirvana-Label Sub Pop veröffentlichen, bleiben auch mit "Wincing The Night Away" die Königskinder der in die Knie zwingenden, superschlauen, gleichzeitig aber zum Heulen schönen Melodie und des wahren Sentiments.
Mit "Australia", "Phantom Limb", "Red Rabbits" und "Turn On Me" haben die Shins Lieder geschrieben, für die Built-To-Spill-Sänger Doug Martsch töten würde. Trotzdem konnte man den Schöpfergeist von "Chutes Too Narrow" nicht ganz bewahren: Drei der neuen Songs sind eher mau geraten und nicht zwingend Album-Material. Und dennoch: Wenn uns jetzt noch jemand kostenfrei die Dinger auf dem Cover erklärt (Killerpilze? Planet Alpha 177?) sind wir erst einmal glücklich. (8) Jan Wigger
Clap Your Hands Say Yeah "Some Loud Thunder"
(Wichita/Cooperative/Rough Trade)
Schon vor Monaten erzählte uns ein netter und verständiger Herr von der Plattenfirma, dass "Some Loud Thunder" angeblich um einiges verrückter klingen solle als das phantastische und gar nicht lange zurückliegende Debüt der Amerikaner. Man hätte es ahnen können: CYHSY-Sänger Alec Ounsworth, der als "schwierig" gilt und sich dem Vernehmen nach weder von Bandmitgliedern noch von Label-Abgeordneten reinreden lässt, hat mit "Some Loud Thunder" vor der Zeit sein durchgedrehtes Album gemacht. Nicht so durchgedreht wie, sagen wir, "The End Of An Ear" von Robert Wyatt, aber doch deutlich kaputter als gewohnt. So ist es durchaus als Akt der Verweigerung zu verstehen, wenn Ounsworth das Album mit einem Track eröffnet, bei dem man als erstes nachsehen muss, ob die Stereoanlage nicht vielleicht doch kaputt ist. Wieder leiert Ounsworth in großartigen Stücken wie "Emily Jean Stock" oder "Yankee Go Home" vorbildlich, zertrümmert seine Songs und baut sie wieder auf, schweift aus und zerfasert. An die 30-Sekunden-Reinhörer im örtlichen "Saturn": Ihr werdet die Hits nicht finden. (8) Jan Wigger
Virginia Jetzt! - "Land unter"
(Vertigo/Universal)
Von den diskursiv dahinschrammelnden Vorbildern der Hamburger Schule haben sich Virginia Jetzt! abgenabelt, das hört man auf "Land unter" ziemlich deutlich. Was man noch hört, ist, dass die bisher vor allem bei Teenagern beliebte Band aus der brandenburgischen Provinz darum kämpft, ernst genommen zu werden. Wohl deshalb durchweht das neue, dritte Album eine heftige Melancholie-Brise, die gut zum spröden Titel passt. Ausgehend von den privaten Befindlichkeiten und schnöden Herzschmerzen der ersten Platten, hat sich der Blick der Band erweitert: In neuen Songs wie "Zonenkinder" und "Von einer besseren Welt" wagen sich Virginia Jetzt!, angeführt von ihrem sensiblen Songschreiber Thomas Dörschel, an allgemeingültige Aussagen - und meistern die Klippen der Peinlichkeit erstaunlich gut. Zum perlenden Piano wird zuweilen immer noch gerockt, wie es Ben Folds, einem weiteren Vorbild der Band, gefallen würde; zu den besten Songs des Albums gehört daher auf jeden Fall das beschwingte "Singen und Singen". Dörschels Stärke, auch das wird immer klarer, liegt im clever gestrickten Refrain, und das verhilft Songs wie "Bitte bleib nicht, wenn Du gehst" oder "Land unter" zu jenem Mitsing-Pop-Appeal, der Virginia Jetzt! schon früher einen Platz in den Charts sicherte. Alles in allem also eine runde Sache, schön sanft und traurig vorgetragen von Sänger Nino Skrotzki. Aber aufgepasst Jungs, demnächst rückt man Euch noch in die Nähe von Fury in the Slaughterhouse... (6) Andreas Borcholte
Naked Lunch "This Atom Heart Of Ours"
(Louisville Records/Universal)
Aus den tiefsten Tiefen der deprimierenden Stadt Klagenfurt, in der immerhin einmal im Jahr der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen wird, ersteht eine gern verdrängte Band wieder auf: Naked Lunch, natürlich nach Burroughs benannt und vor zehn Jahren als leidlich interessante Notwist-Epigonen erstmals ins Bewusstsein getreten, machen weiter, bis die Kühe nach Hause kommen. Für undifferenziertes Promo-Geschwätz wird in dieser Kolumne niemals Platz sein, doch eines muss man konstatieren: Die ersten drei Stücke auf "This Atom Heart Of Ours" sind das Schönste, Bewegendste und Empathischste, was es jemals von Naked Lunch zu hören gab. Im Titelsong, der ganz ohne Instrumente auskommt, singt ein lebensmüder Engelschor so betörend, dass es weh tut: "The bells they were ringing with a beautiful sound/ A new day rising a way that we found/ We're old an settled but we still believe/ If we dont march together we die alone". Mit den restlichen sieben, sehr kontemplativen und manchmal auch eher zähen Anstrengungen werden Naked Lunch es schwer haben im stromlinienförmigen Gefälligkeits-Business dieser Tage. Eine Bitte: Nicht auflösen! (7) Jan Wigger
The Young Knives "Voices Of Animals And Men"
(Inkubator/Soulfood)
So bekloppt wie das tolle Cover-Foto des Young-Knives-Albums "Voices Of Animals And Men" sind auch Musik und Texte dieses Trios aus Oxford, dessen Debüt-Album Monate später nun doch noch in Deutschland erscheint. Man darf die Themen und das schrille Wesen dieser Band durchaus mit Art Brut vergleichen, gerade auch dann, wenn der künftige Schwiegersohn im köstlichen "She's Attracted To" Bekanntschaft mit den Eltern der designierten Ehefrau macht und sich später mit dem Vater prügelt: "Who are these people? They are too stupid to be your real parents/ I've met some bone idols in my time but they really take the biscuit." Klopfer wie "Weekends And Bleak Days (Hot Summer)", "Here Comes The Rumour Mill" oder das höchst amüsante "The Decision" ("And if all else fails/ I am the Prince of Wales") spielen die Young Knives wie Prolls mit Art School Background. Für Fans von: Wire, Blur, Sparks und Gang of Four. (7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)